Es siegen: die Frauen in den Subarus, Hondas und Toyotas

Die Demokraten haben das Repräsentantenhaus erobert. Dabei spielten Frauen aus den Vorstädten eine entscheidende Rolle. Was haben sie nun vor?

In Kansas feiern Anhängerinnen von Sharice Davies den Triumph ihrer Kandidatin. Foto: Keystone

In Kansas feiern Anhängerinnen von Sharice Davies den Triumph ihrer Kandidatin. Foto: Keystone

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Ob er eintrifft oder ausfällt, der grosse Widerstand gegen Donald Trump, die «resistance», von der das linke Amerika seit zwei Jahren redet: Man erkennt es an diesem Morgen schon auf dem Parkplatz vor den Wahllokalen in Henrico County. Mehr als drei Pick-up-Trucks, ein viel zu grosser SUV: Dieses Quartier stimmt für die Republikaner. Viele Kleinwagen japanischer und südkoreanischer Bauart, dazu ein, zwei ­ältere Kombis mit Aufklebern am Heck: Hier wählen die Demokraten. Wahltag in den Vororten von Richmond, im Wahlkreis Virginia 7, ein Schlachtfeld in den Suburbs. Es siegen: die Frauen in den Subarus, Hondas und Toyotas.

23 Sitze mussten die Demokraten gewinnen, um die Mehrheit im Repräsentantenhaus zu erobern. Noch stehen nicht alle Resultate restlos fest, aber es werden wohl mehr als 30 Sitzgewinne sein. Virginia 7 war einer von ihnen. Der Triumph hier ist ein besonders symbolischer: Abigail Spanberger, eine 39-jährige Frau, die früher für die CIA arbeitete, setzte sich hauchdünn gegen den republikanischen Amtsinhaber Dave Brat durch. Der war einst ein Liebling der Tea Party, jenes rebellischen Flügels der Republikaner, der die Grundlage legte für die spätere Übernahme der Partei durch Trump. 2014 hatte Brat hier überraschend einen Establishment-Republikaner entthront. Nun ist er selber Opfer eines Aufstands geworden.

In Richmond, Virginia, triumphiert Abigail Spanberger. Foto: Keystone

Dass es sich um einen Aufstand handelt, daran besteht bei den Wählerinnen hier kaum ein Zweifel. Renee Savits steht vor einem Wahllokal, das wie viele hier in einer Schule aufgebaut ist. Die 48-Jährige sagt, sie sei links eingestellt, schon immer, doch an Wahltagen blieb sie bisher oft zu Hause. Bis heute. «Ich habe genug, so wie viele Frauen», sagt sie. «Genug von Trump und dem Hass, den er verbreitet.» Savits (Automarke: Hyundai) wählte Spanberger, die sich aufstellen liess, weil sie aufgebracht war über Trumps Einwanderungspolitik.

So ist das auch bei Johanna Moore (58), die ihre Stimme ein paar Strassen weiter abgegeben hat. Auch sie legte für Spanberger ein, über die sie eigentlich nicht viel wusste. Entscheidender war ihr Ärger über Trump und dessen «spalterische Art». Und da war ihr Frust darüber, dass die Frauen auf allen Stufen der Politik unterrepräsentiert seien. «Wir brauchen einen Wandel, und wir brauchen ihn jetzt», sagt Moore. Wütende Wählerinnen, die wütenden Kandidatinnen zum Sieg verhelfen: Das ist eine der grossen Geschichten dieser Midterm-Wahlen.

Kleine Revolution in Oklahoma

Alleine im Bundesstaat Virginia holten die Demokraten 3 zusätzliche Sitze, dreimal mit Frauen. 4 Sitze holten demokratische Kandidatinnen in Pennsylvania. Zwei waren es in Florida, je ein Mandat war es in New Jersey, in Texas und in Illinois – allesamt in urbanen Gebieten, in den Vorstädten von Miami, Philadelphia, Houston oder Chicago. Doch die Frauen gewannen auch anderswo, selbst im amerikanischen Herzland, in den Suburbs von Kansas City zum Beispiel, wo die 39-jährige Sha­rice Davids einen Sitz eroberte. Oder im tief konservativen Oklahoma, wo der 42-jährigen Kendra Horn eine der grössten Überraschungen gelang: Sie siegte in einem Wahlkreis, der seit 1975 nicht mehr demokratisch gewählt hatte.

Mindestens hundert Frauen werden nun im Kongress sitzen, so viele wie noch nie, drei Viertel gehören den Demokraten an. Darunter sind solche, die politisch ganz links stehen – Leute wie die 29-jährige Latina Alexandria Ocasio-Cortez aus New York. Doch es gewannen eben auch viele Kandidatinnen, die Wähler in der politischen Mitte abholten. Spanberger in Virginia 7 war eine solche Kandidatin. Die Wählerschaft hier besteht nicht aus hippen Städtern, sie ist nicht einmal besonders ethnisch durchmischt, und sie schickte mehr als fünf Jahrzehnte lang einen ­Republikaner ins Repräsentantenhaus. Doch Trumps permanenter Wahlkampf, die immer schrillere Kampagne gegen Einwandererhorden, die seine Basis im ländlichen Amerika motiviert: All dies stösst hier auf Ablehnung.

Ein Sieg für die Opposition im Repräsentantenhaus also, eine Genugtuung nach zwei Jahren Ohnmacht: So sieht es heute aus. Doch in der Wahlnacht selber war es zumindest zu Beginn etwas anders. Man merkte das gut im Hauptquartier der Demokraten in Washington, im Hotel Hyatt Regency in Washington, wo die Partei einen Ballsaal im Parterre bezogen hatte, mit einer gut bestückten Bar und einer separaten VIP-Ecke. Viele der Leute, die da waren – erfahrene Wahlkampfprofis, jüngere Freiwillige –, hatten sich auf einen unbekümmerten Anlass gefreut. Vielleicht, so die Hoffnung, würde ja schon kurz nach der Schliessung der Wahllokale an der Ostküste klar sein, dass sie kommt, die blaue Welle der Demokraten, und was für eine!

Lange Gesichter im Ballsaal

Sie kam dann doch nicht so rasch, die blaue Welle. Und vor allem kam sie nicht in dem Ausmass, das sich viele erhofft hatten. Zwar jubelten die Demokraten jedes Mal, wenn auf einem der übergrossen TV-Sender Beto O’Rourke zu sehen war, ihr Hoffnungsträger für den Senat in Texas. Doch aus seinem Sieg wurde nichts, auch anderswo sah es nicht gut aus, und kurzzeitig machte sich sogar Panik breit: Wird alles wie 2016, in der Wahlnacht Trumps? Als alles so gut begonnen hatte – und in einem Desaster endete?

Die Stimmung wandelte sich erst wieder, als gegen 22 Uhr Ortszeit die Resultate aus den Suburbs eintrudelten, als die Nachrichtenagenturen einen Sitzgewinn im Repräsentantenhaus nach dem anderen vermeldeten. Die Musik im Ballsaal wurde jetzt noch ein bisschen lauter, aus den Lautsprechern dröhnte «Get Lucky» und «A Beautiful Day», und auf die Bühne trat Nancy ­Pelosi, die Fraktionschefin im Repräsentantenhaus, um den Sieg in der grossen Kammer zu verkünden.

Fest abgesagt: Dave Brat verliert hauchdünn gegen Spanberger. Foto: Getty Images

Auch Pelosi ist Teil dieses Siegs der Frauen. Im Wahlkampf wurde sie von den Republikanern attackiert wie kaum eine andere Politikerin, in vielerlei Hinsicht hat sie längst die Rolle übernommen, die Hillary Clinton lange spielte: das weibliche Feindbild der Rechten. Die Demokraten wiederum haben es auch der 78-jährigen Abgeordneten aus Kalifornien zu verdanken, dass sie in diesem Wahljahr viel mehr Geld sammelten als die Republikaner – Geld, das in knappen Wahlkreisen wie Virginia 7 zur Entscheidung beitrug. Nun stand Pelosi auf der Bühne und kündigte an, was sich viele Demokraten von der neuen Situation erhoffen: «Wir werden dafür sorgen, dass der Kongress wieder eine Gegenmacht zur Regierung bildet.»

Pelosi selbst steht jetzt unter Zugzwang. Vor allem der linke Flügel wünscht sich von der Fraktionsspitze totale Opposition, einen Angriff auf Trump mit allen Möglichkeiten, die die Demokraten jetzt haben. Zum Beispiel, indem die Partei jedes Gesetz blockiert, dass der Präsident durch den Kongress bringen will. Indem sie reihenweise Untersuchungen gegen die Administration lanciert. Indem sie die Veröffentlichung von Trumps Steuererklärung erzwingt – oder vielleicht sogar ein Amtsenthebungsverfahren startet.

Ob Pelosi dafür die richtige Person ist? Eher nicht. Dafür ist sie, der Inbegriff einer Insiderin, viel zu lange dabei. Doch in der Wahlnacht ging es zunächst nicht um sie. Sondern um all die Frauen, die künftig mit ihr in der Fraktion sitzen werden. Frauen wie Abigail Spanberger, die Siegerin aus Virginia 7. «Alle sagten, dieser Wahlkreis wäre nicht zu holen», sagte sie, nachdem das Resultat feststand. Jetzt ist sie eines der vielen Gesichter des Widerstands.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 08.11.2018, 11:22 Uhr

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