Die schwarzen Fans des Donald Trump

Rapper Kanye West lobt Donald Trump überschwänglich und provoziert damit die Mehrheit der Schwarzen. Doch es gibt auch andere Stimmen.

Ein öffentliches Liebesgeständnis und ein Monolog über Schusswaffengewalt und das Universum: Rapper Kanye West überraschte selbst Donald Trump. Video: AFP
Alan Cassidy@A_Cassidy

Ein politisch engagierter schwarzer Rapper und ein weisser Präsident treffen sich im Oval Office: Das hätte aufschlussreich werden können. Eine Chance, vor laufenden Kameras über all die Probleme zu reden, die Afroamerikaner jeden Tag erleben – und die Frage zu stellen, was es mit Amerika macht, wenn im Weissen Haus einer regiert, der nach Ansicht vieler Leute ein Rassismusproblem hat.

Doch der Rapper heisst Kanye West, der Präsident heisst Donald Trump, was die Ausgangslage schon mal grundlegend veränderte. Und als sich die beiden am Donnerstag am Resolute Desk gegenübersassen, war die wesentliche Erkenntnis denn auch diese: Es geht immer noch bizarrer, als man denkt.

In einem langen Monolog zog West eine Linie von der Drogenszene seiner Heimatstadt Chicago über seine Zusammenarbeit mit Adidas bis hin zur Präsidentenmaschine Air Force One, über die er zu Trump sagte, er solle sie durch ein mit Wasserstoff betriebenes «iPlane» ersetzen. Dazwischen sprach er über das Gefühl, das er beim Tragen seiner roten Trump-Mütze verspüre («wie ein Superheld»), er sinnierte über ein Paralleluniversum und über seine bipolare Persönlichkeitsstörung. Dann umarmte er den Präsidenten und bedankte sich bei ihm.

«Um Jahre zurückgeworfen»

Mag sein, dass die beiden beim anschliessenden Lunch, als keine Kameras mehr dabei waren, doch noch ganz seriös die Themenliste durchgingen, die das Weisse Haus vor dem Treffen versandt hatte: Gefängnisreform, Fabrikjobs, Polizeigewalt. Aber selbst wenn nicht: Für Trump und West hat das Treffen seinen Zweck auch so erfüllt. Der Präsident erhielt die Gelegenheit, der Welt zu zeigen, dass er sich sehr wohl um Schwarze kümmere. Er musste das nicht einmal selber sagen: West übernahm das für ihn.

Und dem Rapper, der die Sklaverei auch schon als «eigene Wahl» bezeichnete, gelang es mit seinem überschwänglichen Lob auf Trump ein weiteres Mal, das Gros der schwarzen Kommentatoren zu provozieren. Noch während er seine Gedanken vortrug, twitterte Donna Brazile, die ehemalige Interimschefin der Demokraten: «Kanye West hat uns um Jahre zurückgeworfen.»

West gab dem US-Präsidenten die Gelegenheit, der Welt zu zeigen, dass er sich sehr wohl um Schwarze kümmere. Foto: Oliver Contreras (Getty Images)

Doch es gibt eben auch die anderen Stimmen, die in den vergangenen Monaten lauter geworden sind. Da ist zum Beispiel Candace Owens, eine 28-jährige schwarze Aktivistin, die ihre Karriere als Youtube-Persönlichkeit begann und inzwischen Sprecherin bei Turning Points USA ist, der grössten konservativen Studentenorganisation.

Auf Fox News wird Owens inzwischen ständig zugeschaltet, sie ist auch regelmässig zu Gast an republikanischen Parteiveranstaltungen. Dort kritisiert sie die «Opfermentalität» vieler Schwarzer. An Trump bewundert Owens dessen «Siegermentalität», an der sich Afroamerikaner ein Vorbild nehmen sollten.

Auch Aisha Owmby mag Owens – und Trump. Die 42-jährige Steuerberaterin aus Virginia stand kürzlich mit gut 50 mehrheitlich schwarzen Frauen in einem Saal des Trump International Hotel in Washington, um die Gründung einer Organisation zu feiern, die sich «Black Women Walk» nennt.

Owmby hatte noch nie ein politisches Amt, aber jetzt will sie Schwarze, die mit den Demokraten nichts anfangen können, dazu bewegen, sich für die Republikaner zu engagieren – besonders Frauen. Selber habe sie immer konservativ gewählt, sagt sie. «Es stört mich, wenn so getan wird, als seien wir Schwarze ein monolithischer Block. Wir Schwarzen sind politisch so divers wie unsere Kultur.»

«Linke Bevormundung»

Schon bei Barack Obama habe sie sich in ihrem Umfeld dafür rechtfertigen müssen, ihn nicht zu wählen. Nun, mit Trump, sei es besonders schlimm geworden. «Ich habe Familienmitglieder, die nicht mehr mit mir sprechen, Freunde, die meine Nachrichten nicht mehr beantworten.» An diesem Klima, sagt Owmby, seien die Linken schuld.

«Natürlich gibt es bei den Republikanern Rassisten. Aber das ist ein kleiner Teil des konservativen Lagers. Es sind die Demokraten, die diese Spannungen hochschaukeln und damit Politik machen.» So wie sie, sagt ­Owmby, würden langsam viele Afro­amerikaner denken. «Sie durchschauen, dass sie von den Demokraten bevormundet werden, wenn diese sagen: Wie könnt ihr nur einen wie Trump unterstützen?»

Trump selbst argumentiert ähnlich. Gerne redet er von der tiefen Arbeitslosigkeit unter den Schwarzen und davon, dass diese vom Wirtschaftswachstum besonders profitierten. Es gibt jedoch auch andere Zahlen: 2017 hat sich die Einkommensschere zwischen Weissen und Schwarzen geöffnet. Viele Schwarze haben schlecht bezahlte Temporärjobs.

Die Kindersterblichkeit ist unter Schwarzen immer noch viel höher. Auch das wären Themen, über die ein schwarzer Rapper mit einem weissen Präsidenten reden könnte. Nur vielleicht ein bisschen anders als diese Woche.


Video: Kanyes Passwort

Kanye West besucht Trump und tippt vor laufenden Kameras seinen Entsperrcode ins Smartphone. (AFP)

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