Die verkorkste Woche des US-Präsidenten

Nach den Massakern in El Paso und Dayton versuchte sich Donald Trump als Tröster. Ein Mann zum Anlehnen ist er jedoch nicht.

Daumen hoch nach der Schiesserei: Ein Tweet der First Lady, der nach hinten los ging. (Twitter/Melania Trump)

Daumen hoch nach der Schiesserei: Ein Tweet der First Lady, der nach hinten los ging. (Twitter/Melania Trump)

Martin Kilian@tagesanzeiger

Die amerikanische Verfassung hat das Amt des Präsidenten mit erheblicher Machtfülle ausgestattet. Staatsoberhaupt, Oberkommandierender, Regierungschef – alle Rollen nimmt der Präsident wahr. Daneben aber fungiert der Mann im Weissen Haus als einigende Symbolfigur und oberster Tröster der Nation nach Katastrophen und traurigen Ereignissen. Wie etwa George W. Bush nach dem Horror von 9/11, als der ansonsten nicht sonderlich wortgewandte Präsident beim Besuch in New York die richtigen Worte fand.

Oder wie Barack Obama nach dem rassistischen Mordanschlag auf afroamerikanische Kirchenbesucher im Juni 2015 in Charleston im Staat South Carolina, als der zur Trauerfeier angereiste Präsident überraschend die Kirchenhymne «Amazing Grace» anstimmte.

Donald Trump ist dies nicht gegeben, wie die Tage nach den Morden in El Paso und Dayton zeigten. Trumps Mangel an Empathie ist nichts Neues, aber wie keiner seiner Vorgänger in der jüngeren amerikanischen Geschichte schleuderte dieser Präsident gereizt und verärgert durch eine Woche, in der sich viele Amerikaner bang fragten, wie es denn weitergehen werde.

Video: Proteste in El Paso

Unerwünscht: Der US-Präsident war im Ort des Schreckens bei vielen Menschen nicht willkommen. (Video: AP/Storyful)

Der Vorwurf, er habe mit seinen dauernden Attacken auf hispanische Migranten zu der Massenschiesserei in El Paso beigetragen, traf Trump empfindlich und trieb ihn zu diversen Gegenangriffen. Mal machte er «Fake News» als Mitschuldige an den Massakern verantwortlich, mal keilte er gegen die demokratischen Präsidentschaftskandidaten Joe Biden («schläfriger Joe») und Juan Castro («der ist nicht viel»). Trumps Besuche in Dayton und El Paso gerieten überdies zu hermetisch abgeriegelten Veranstaltungen ohne öffentliche Auftritte und waren von Protesten begeleitet. Und kaum hatte er Dayton verlassen, legte sich der Präsident per Twitter völlig grundlos mit der demokratischen Bügermeisterin der Stadt an.

Den lokalen Präsidentschaftskandidaten heruntergeputzt

Beim anschliessenden Besuch eines Krankenhauses in El Paso prahlte Trump vor Ärzten und Krankenschwestern mit der grossen Menschenmenge, die er bei einem Besuch der Stadt im Februar angezogen hatte. «Das war vielleicht eine Menge, und draussen warteten doppelt so viele! Und dann gab es noch diesen verrückten Beto, und zu dem kamen nur 400 Leute auf einem Parkplatz», brüstete sich Trump laut dem Handy-Video eines der Anwesenden. 22 Menschen waren in El Paso erschossen worden, der Präsident aber nutzte die Gelegenheit, den aus El Paso stammenden demokratischen Präsidentschaftskandidaten Beto O’Rourke herunterzuputzen.

Noch wirrer mutete ein Foto auf dem Twitter-Konto von First Lady Melania an: Es zeigt sie und den Präsidenten mit einem Baby, dessen Eltern bei dem Massenschiesserei in El Paso ums Leben gekommen sind. Melania hält das Waisenkind und lächelt, Trump grinst und gibt das Zeichen für «Daumen hoch».

Was macht Mister President mit den Waffengesetzen?

Insgesamt sei die Reise nach Dayton und El Paso «nicht ideal» gewesen, vertrauten Insider im Weissen Haus amerikanischen Medien an. Der Präsident war anscheinend gleicher Meinung und fiel nach der Rückkehr nach Washington wegen der schlechten Publizität wütend über seinen Stab her.

Politisch könnte sich Trump nach der verkorksten Woche gleichwohl helfen, wenn es ihm gelänge, wirksame Massnahmen für eine bessere Kontrolle von Feuerwaffen durchzusetzen. Nach Beratungen mit der Schusswaffenlobby NRA scheint der Präsident eine bessere Überprüfung von Schusswaffenkäufern anzustreben. «Ich möchte nicht, dass verrückte Leute Schusswaffen haben», sagte er am Freitag.

Es wäre ein Anfang, aber nicht mehr.

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