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Trump übernimmt für fehlende Tests «keinerlei Verantwortung»

Zwar hat US-Präsident Trump den Notstand ausgerufen, doch was den Kampf gegen das Coronavirus angeht, haben längst Bundesstaaten und Private die Führung übernommen.

«Conoravirus-Reaktionskoordinatorin» Deborah Birx erklärt, wie die Testverfahren ablaufen – Donald Trump schaut aufmerksam zu. Foto: Reuters
«Conoravirus-Reaktionskoordinatorin» Deborah Birx erklärt, wie die Testverfahren ablaufen – Donald Trump schaut aufmerksam zu. Foto: Reuters

Donald Trumps grosse TV-Ansprache zur Nation – das sagen nicht nur seine üblichen Kritiker – war schlecht. Kein Wort über die fehlenden Tests für das Coronavirus, dafür nationalistische Rhetorik über Einreisesperren und mehrere Falschaussagen: Das beruhigte weder die Aktienmärkte noch die amerikanische Bevölkerung. Also unternahm Trump am Freitag einen zweiten Versuch. Aus dem Rosengarten des Weissen Hauses rief er an der Seite seiner Expertengruppe den nationalen Aus­nahmezustand aus, der es der Bundes­regierung erlaubt, bis zu 50 Milliarden Dollar für die ­Bekämpfung der Coronavirus-Pandemie einzusetzen.

Vor allem aber kündigte Trump diesmal an, den dramatischen Mangel an Tests anzugehen, der in den USA dazu geführt hat, dass es keine verlässlichen Angaben über die Zahl von Infizierten gibt. Schon bald soll es demnach für Amerikaner möglich sein, sich in Drive-in-Einrichtungen auf Parkplätzen von Supermärkten und grossen Apotheken auf das Coronavirus testen zu lassen. Die Testkits werden dabei unter anderem vom Basler Pharmakonzern Roche hergestellt, bei dem sich Trump mehrfach bedankte. Schon Anfang nächste Woche, sagte Trump, würden 1,4 Millionen Tests zur Verfügung stehen, und auch in Krankenhäusern und staatlichen Laboratorien soll nun schon bald eine viel grössere ­Kapazität vorhanden sein.

Warnungen ignoriert

So ähnlich klang es allerdings schon mehrfach. Tatsache ist, dass die USA hinsichtlich der Tests im Vergleich zu vielen anderen Staaten in den Rückstand geraten sind. Bisher wurden bei 327 Millionen Einwohnern erst 13’600 Tests durchgeführt. ­Täglich gibt es in den Medien neue Berichte von Ärzten, die Patienten mit Grippesymptomen auf das Coronavirus testen lassen wollen. Die Ärzte klagen zudem über kafkaeske bürokratische Hürden, die sie überwinden müssen, bevor ihnen die Gesundheitsbehörden in den Bundesstaaten überhaupt Tests bewilligen. «Das ist ein Versagen», sagte Anthony Fauci, Chef des Instituts für Allergien und Infektionskrankheiten, diese Woche vor einem Kongressausschuss: «Wir sollten es zugeben.»

Fauci, ein altgedienter Beamter mit krächzender Stimme, ist in den vergangenen Wochen zum Gesicht für jenen Teil der US-­Regierung geworden, dem die Amerikaner noch vertrauen. Täglich erinnert Fauci am Fernsehen an die Hygieneregeln, ruft potenziell erkrankte Menschen zur Quarantäne auf, informiert nüchtern und sachlich. Es ist kein leichter Job: Fauci muss sich stets bemühen, dem Präsidenten öffentlich nicht zu widersprechen, weil Trump das als Angriff gegen ­seine Person versteht. Darin liegt ein Grundproblem der Corona-Pandemie in den USA: Trump ­ignorierte Warnungen seiner ­Gesundheitsbehörden lange, spielte sie herunter und erteilte laut Medienberichten manchen Beamten und Wissenschaftlern gar ein Redeverbot. Das Corona­virus in den USA? Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Schuld sind die anderen

Und so kam es, dass Trump wochenlang Falschinformationen verbreitete. «Jeder, der will, kann getestet werden», behauptete er vergangene Woche: «Die Tests sind wunderschön.» Noch am Donnerstag sagte er, dass alle Einreisenden in die USA auf das Virus getestet würden, was nicht stimmt. Am Freitag attackierte er dann per Twitter die eigene US-Gesundheitsbehörde «Centers for Disease Control and Prevention» und behauptete, die Regierung von Barack Obama sei für die Ver­zögerungen verantwortlich, was ebenfalls falsch ist. Und bei seiner Pressekonferenz im Rosengarten sagte Trump auf die ­Frage nach den fehlenden Tests: «Ich übernehme dafür keinerlei Verantwortung.» An der Reaktion seiner Administration gebe es nichts zu kritisieren.

Abstreiten und zum Gegenangriff übergehen: Das ist Trumps bewährte Strategie im Umgang mit Dingen, die ihm nicht passen. Doch ein Virus lässt sich von Tweets nicht beeindrucken, und sehr viele Amerikaner merken durchaus, dass Trumps Aussagen zum Virus nicht zu glauben sind.

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Mal harmlos, mal ein Schwindel: So chaotisch kommuniziert Trump während der Coronavirus-Krise. (Video: Tamedia) _______________

Während der Präsident also untätig blieb, schritten andere Verantwortliche – Gouverneure, Bürgermeister, Schulleiter und Firmenchefs – zur Tat: Das öffentliche Leben im Land ist jetzt vielerorts eingeschränkt. Alle grossen Sportveranstaltungen sind abgesagt, Schulen haben vielerorts geschlossen, die berühmten Lichter am New Yorker Broadway sind gelöscht. All ­diese Schritte folgen allerdings kaum einheitlichen Richtlinien, sondern wirken mehr oder weniger improvisiert.

Vorwahlen verschoben

Auch der laufende Wahlkampf der Demokratischen Partei um die Präsidentschaftskandidatur ist beeinträchtigt. Die für den 4. April vorgesehene Vorwahl in Louisiana wurde auf Juni verschoben. Offen ist, ob auch andere Vorwahlen betroffen sein könnten, die noch ausstehen. Bereits wird spekuliert, was im Fall eines anhaltenden oder wiederkehrenden Corona-Ausbruchs mit der Präsidentschaftswahl im November passiert. Wird eine Briefwahl durchgeführt, was es noch nie gab? Wird Trump die Wahl verschieben wollen?

So weit ist es noch nicht. Im Vordergrund stehen jetzt ­andere Dinge: ein wirtschaftliches Hilfspaket für die Betroffenen der Corona-Epidemie. Die Demokraten im Repräsentantenhaus stellten am Freitag ein Gesetz vor, das Coronavirus-Tests für alle Amerikaner kostenlos zugänglich macht und finanzielle Unterstützung für Arbeitnehmer bereitstellt, denen ein Erwerbsausfall droht. Ob die Republikaner dem Paket zustimmen und ob Trump es auch unterschreibt: Das war zunächst unklar.

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