Eine gute Kandidatin – aber nur auf dem Papier

Die Demokratin Kamala Harris kämpft nicht mehr um die US-Präsidentschaft. Sie scheiterte auch an ihrer Unentschlossenheit.

Die Afroamerikanerin Kamala Harris hatte zwischenzeitlich als eine der aussichtsreichsten Präsidentschaftsbewerberinnen der Demokraten gegolten, nun wirft sie das Handtuch. Foto: Reuters/Brendan McDermid

Die Afroamerikanerin Kamala Harris hatte zwischenzeitlich als eine der aussichtsreichsten Präsidentschaftsbewerberinnen der Demokraten gegolten, nun wirft sie das Handtuch. Foto: Reuters/Brendan McDermid

Alan Cassidy@A_Cassidy

Auf dem Papier war sie eine gute Präsidentschaftskandidatin, wie gemacht für die Demokratische Partei von heute: weiblich und dunkelhäutig. Progressiv, aber nicht zu extrem. Politisch erfahren, aber keine von jener Sorte Politikern, die schon seit Jahrzehnten in Washington sitzen. Eine Frau also, die hätte schaffen können, was zuletzt Barack Obama gelang: die verschiedenen Wählergruppen der Demokraten hinter sich zu versammeln.

Alles sehr vielversprechend – auf dem Papier.

Nun wurde Kamala Harris von der Realität eingeholt: Die Senatorin aus Kalifornien muss sich aus dem Wahlkampf zurückziehen, und das, bevor die erste Vorwahl im Bundesstaat Iowa überhaupt stattgefunden hat. «Meine Präsidentschaftskampagne hat schlicht nicht die finanziellen Ressourcen, die es braucht, um weiterzumachen», schreibt die 55-Jährige in einer E-Mail an ihre Unterstützer.

Je länger der Wahlkampf angedauert habe, desto schwieriger sei es geworden, Spenden aufzutreiben. Spenden, die es braucht, um in den Vorwahlstaaten Büros zu unterhalten, Mitarbeiter zu beschäftigen und Werbespots zu schalten. Es ist ein bitterer Moment für die einstige Mitfavoritin, der schon kurz nach ihrer Wahl in den Senat vor drei Jahren Ambitionen auf das Präsidentenamt nachgesagt wurden.

Strategie immer wieder geändert

Und doch kommt ihr Rückzug nicht ganz überraschend. Harris’ Kampagne hatte genau zwei Höhepunkte: Ihre allererste Rede im kalifornischen Oakland, bei der sie im Januar vor 20’000 Anhängern ihre Bewerbung verkündete. Und die erste TV-Debatte der Demokraten im Juni, wo sie sich mit Joe Biden einen Schlagabtausch lieferte, den der früheren Vizepräsidenten noch älter aussehen liess, als er ohnehin schon ist.

In den Umfragen kletterte Harris anschliessend auf bis zu 15 Prozent hoch – doch sank dann rasch wieder ab. Zuletzt dümpelten ihre Werte selbst im unteren einstelligen Bereich, selbst in ihrem Heimatstaat drohte ihr ein schlechtes Abschneiden. Und auch bei afroamerikanischen Wählern schien die Tochter eines Jamaikaners und einer Inderin nie auf grosse Zustimmung zu stossen.

Zuletzt hatte Harris noch versucht, ihren Wahlkampf neu zu starten, indem sie fast nur noch in Iowa unterwegs war, wo am 3. Februar gewählt wird. In den Umfragen legte sie trotzdem nicht zu.

In einem vielbeachteten Artikel in der «New York Times» rechneten vergangene Woche mehr als 50 aktuelle und ehemalige Mitarbeiter der Kandidatin mit ihrer Kampagne ab: Harris habe im Gegensatz zu ihren führenden Konkurrenten nie eine klare Botschaft gehabt. Sie sei oft unentschlossen gewesen, habe die Strategie immer wieder geändert. Und sie habe eine Wahlkampforganisation geführt, die mehr mit Grabenkämpfen und internen Streitereien beschäftigt gewesen sei. Die Aussagen lasen sich bereits wie eine Autopsie.

Kandidatur als Vize möglich

Als ehemalige Staatsanwältin von Kalifornien stand Harris von Anfang an unter dem Druck von Aktivisten des linken Parteiflügels, die sie als «cop» bezeichneten – als Vertreterin eines verhassten Justizwesens, das Schwarze und andere Minderheiten diskriminiert. Gleichzeitig weckte sie bei moderaten Wählern Argwohn mit ihrer frühen Forderung nach einer staatlichen Einheitskrankenkasse, die sie später wieder relativierte. Unentschlossenheit auch da.

«Wir werden weiterkämpfen», schreibt Harris in der E-Mail an ihre Anhänger. In den US-Medien wird bereits darüber spekuliert, ob sie am Ende vielleicht als Vizepräsidentin antreten könnte. Je nachdem, wer sich von den verbliebenen 15 Kandidatinnen und Kandidaten der Demokraten durchsetzt, könnte das durchaus Sinn machen – zumindest auf dem Papier.

Lesen Sie hier, wie sich die Demokraten bei der Auswahl ihres Präsidentschaftskandidaten weiterhin schwer tun und weshalb das vor allem einem nützt.

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