Endlose Spirale der Gewalt

Das Massaker in einem Gefängnis ist symptomatisch für das Versagen eines Kontinents.

Sie hat einen Angehörigen an die Gewalt im Gefängnis von Altamira verloren. Foto: Reuters

Sie hat einen Angehörigen an die Gewalt im Gefängnis von Altamira verloren. Foto: Reuters

Sandro Benini@BeniniSandro

In einem Gefängnis des nordbrasilianischen Bundesstaates Pará haben sich am Montag Szenen von unfassbarer Brutalität ereignet. Beim Kampf zwischen Insassen verfeindeter Drogenbanden sind mindestens 57 Personen getötet worden, 16 wurden enthauptet. Die Schlächter kickten abgetrennte Köpfe herum wie Fussbälle und stellten Videos davon ins Internet. Ähnlicher Horror spielt sich auch anderswo in Lateinamerika häufig ab, in Mexiko, Venezuela, Ecuador. Und immer wieder in Brasilien.

Die Gewalt in den grotesk überfüllten Gefängnissen nimmt die Öffentlichkeit meist erstaunlich gleichgültig zur Kenntnis, weil es viele insgeheim für die effizienteste Lösung halten, wenn sich Kriminelle gegenseitig massakrieren. Die staatlichen Institutionen sind vollkommen unfähig, die Anstalten zu kontrollieren und die Barbarei einsitzender Clanmitglieder zu bändigen. Doch die Schlächtereien in brasilianischen und anderen lateinamerikanischen Zellentrakten sind letztlich Exzesse jener alltäglichen Gewaltkriminalität, die auch ausserhalb der Gefängnisse grosse Teile Lateinamerikas drangsaliert und den Subkontinent zur mörderischsten Region der Welt macht.

Vielleicht ist die Rechtsstaatlichkeit das kleinere Problem

Die am häufigsten genannten Erklärungen für dieses Desaster, nämlich Ungleichheit und Armut, greifen zu kurz. Denn während der Nullerjahre, als sich die sozialen Indikatoren fast überall in Lateinamerika teilweise markant verbesserten, ist die Mordrate nicht gefallen, sondern gestiegen. Die Gewinne aus dem Drogengeschäft, die Verlockung des schnellen Reichtums sind zu gross und mächtig, als dass ökonomische Verbesserungen wirksam wären, zumindest kurzfristig. Flächendeckend gescheitert ist auch die Strategie, die Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro propagiert: mehr Waffen für die Zivilbevölkerung, mehr militärische Härte aufseiten der Ordnungskräfte.

Vereinzelte Teilerfolge im Kampf gegen die Gewalt, etwa in Honduras, El Salvador, Kolumbien oder früher in Mexiko, sind hingegen erzielt worden, indem sich der Staat auf Verhandlungen mit den Kartellen einliess. Das ist rechtsstaatlich bedenklich. Aber in einem blutig zerrissenen Kontinent vielleicht das kleinere Übel.

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