Greta bei den Klimasündern

Mit einer Reise durch die USA und einem Protest vor dem Weissen Haus will Greta Thunberg der amerikanischen Klimabewegung Schwung verleihen – und schweigt dabei erst mal.

«Ich bin so stolz auf euch»: Greta Thunberg schliesst sich vor dem Weissen Haus jungen Klimademonstranten an. Video: AP
Alan Cassidy@A_Cassidy

Drinnen im Weissen Haus sass Donald Trump, der Mann, der den menschengemachten Klimawandel einen «Schwindel» nennt, und falls er die demonstrierenden Schüler vor seinem Fenster gesehen hatte: Man merkte davon nichts, zumindest nicht auf seinem Twitter-Konto.

Draussen dagegen, vor dem Südrasen des Weissen Hauses, auf dem sonst der Hubschrauber des Präsidenten landet, war Trump durchaus präsent. «Schande, Schande», rief die Menge, die sich vor dem Zaun versammelt hatte, und: «Trump is a liar, the world is on fire» (Trump ist ein Lügner, die Erde brennt). Mittendrin, versteckt unter all den Demonstranten: Greta Thunberg, die 16-jährige Umweltaktivistin aus Schweden, die sich zum Ziel gesetzt hat, möglichst viele Menschen über die Dringlichkeit des Klimawandels zu informieren.

Wer kennt hier Greta?

In Europa mag Greta im vergangenen Jahr zu einer Berühmtheit geworden sein. In Amerika jedoch kennen sie nur wenige. Vor zwei Wochen war die Schülerin nach einer Überfahrt über den Atlantik mit einer Jacht in New York gelandet. Dort wird sie unter anderem an der Generalversammlung der Vereinten Nationen auftreten. Vorher aber reiste sie nach Washington, wo ihr am kommenden Montag ein Preis von Amnesty International überreicht wird – und wo sie schon am Freitag an einem Schülerstreik teilnahm, der von lo­kalen Fridays-for-Future-Gruppen organisiert wurde. Auch in den USA gibt es diese Schülerstreiks, aber sie waren bisher eine eher traurige Angelegenheit, wie eine der amerikanischen Organisatorinnen vor dem Weissen Haus sagte. «Normalerweise sind wir zehn, zwölf Leute. Ich kann das hier gar nicht fassen.»

Zu einem Massenauflauf führte auch Gretas Besuch nicht, aber gegen Ende des Streiks fanden sich immerhin einige Hundert Aktivisten, Schüler, Eltern und Grosseltern zusammen. Wann immer sie Greta inmitten der Menge erblickten, riefen sie «Thank you, Greta», worauf das Mädchen meist den Kopf schüttelte. Auch eine Rede mochte sie nicht halten. «Ich bin dankbar für alle, die heute gekommen sind», sagte sie nur, «wir werden weitermachen.» Die Ansprachen überliess die Schwedin den lokalen Organisatoren, ganz so, als müssten diese selber dafür besorgt sein, hier so etwas wie eine Klimabewegung aufzubauen.

Was in Gretas Augen das Problem der Amerikaner mit dem Klimawandel ist, hatte sie einige Tage zuvor schon bei einem Auftritt in der Late-Night-Sendung «Daily Show» gesagt: «Hier drüben fühlt es sich an, als wäre das etwas, woran man glaubt oder nicht. Wo ich herkomme, wird es als Realität angesehen.»

Klimawandel als Glaubensfrage? «Ich glaube nicht, dass das unser Problem ist», sagte Spencer Jones, ein 18-jähriger Student an der George-Washington-Universität. Er war mit einem Plakat an den Schülerstreik gekommen, auf dem stand: «There is no Planet B». «Die meisten Menschen kapieren durchaus, dass der Klimawandel real ist. In Kalifornien, wo ich herkomme, haben wir ständig Waldbrände und extreme Dürre.» Die Schuld liege bei den Politikern, die von mächtigen Wirtschaftsbranchen gekauft seien, die kein Interesse am Klimaschutz hätten. «Es ist ja nicht nur Trump», sagt Jones, «es ist der ganze Kongress.»

Nur in alternativen Kreisen

Dabei ist die Klimapolitik in den USA durchaus ein Thema. Dafür sorgt allein schon Trump, dessen Amtszeit mit dem Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimavertrag begann. Kaum ein Monat vergeht zudem, ohne dass Trumps Regierung eine Umweltschutzauflage früherer Regierungen aufhebt. Aufgrund des steten Drucks linker Kreise ist zudem die Forderung nach einem Green New Deal, einem umfassenden Klimaschutz- und Investitionsprogramm, zum festen Bestandteil des Präsidentschaftswahlkampfs der Demokraten geworden.

Doch andere, grundsätzlichere Debatten, wie sie derzeit in Europa stattfinden, gibt es in Amerika eher weniger. Ökologischer Fussabdruck? Flugscham? Energiefressende Klimaanlagen? Darüber redet in den USA nur ein kleiner, alternativer Kreis. Selbst für viele progressive Amerikaner erschöpft sich ein ökologischer Lebenswandel darin, ein Auto mit Hybridantrieb zu fahren.

Oft hat das praktische Gründe: Ein brauchbares Zugnetz gibt es fast nur an der Ostküste, die grossen Distanzen machen Flugreisen unabdingbar. «Es ist bei uns schwieriger, den Lebensstil zu ändern», sagt Student Spencer Jones. «Von meinem Zuhause in Kalifornien nach Washington habe ich mit dem Flugzeug gut fünf Stunden. Mit dem Zug wäre ich mehr als einen Tag lang unterwegs.» Es sei an der Politik, die nötige Infrastruktur bereitzustellen, damit die Menschen eine Alternative hätten. Und was die Ernährung betreffe, so habe er selbst zwar auch schon versucht, auf Fleisch zu verzichten. «Aber seien wir ehrlich: Der Fleischkonsum ist nun mal einfach Teil der amerikanischen Kultur.»

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