Trump spottet über Greta: «So schön zu sehen!»

Den Tränen nahe warf die Aktivistin beim Klimagipfel den Mächtigen vor, zu versagen. Unerwartet hat sich jetzt der US-Präsident geäussert.

Jetzt sind sich die beiden doch noch begegnet: US-Präsident Donald Trump marschiert an der schwedischen Aktivistin Greta Thunberg vorbei. Video: Tamedia

US-Präsident Donald Trump hat die sehr emotionale Rede der jungen Klimaaktivistin Greta Thunberg vor den Vereinten Nationen in New York auf überraschende Weise kommentiert. «Sie wirkt wie ein sehr glückliches junges Mädchen, das sich auf eine strahlende und wunderbare Zukunft freut. So schön zu sehen!», schrieb Trump in der Nacht zum Dienstag auf Twitter.

Dazu verlinkte er einen Video-Ausschnitt der Rede Thunbergs. Darin wirft die Schülerin sichtlich verärgert den Politikern vor, mit ihrer Trägheit in der Klimakrise die junge Generation verraten zu haben.

Mit brüchiger Stimme und Tränen in den Augen hatte Greta Thunberg die Dutzenden Staats- und Regierungschefs in der voll besetzten Halle der UNO-Vollversammlung zu mehr Engagement beim Klimaschutz aufgerufen. «Wie konntet Ihr es wagen, meine Träume und meine Kindheit zu stehlen mit Euren leeren Worten?», rief die junge Schwedin den Mächtigen der Welt entgegen.

«Menschen leiden, Menschen sterben, ganze Ökosysteme brechen zusammen. Wir stehen am Anfang eines Massenaussterbens und alles, worüber Ihr reden könnt, ist Geld und die Märchen von einem für immer anhaltenden wirtschaftlichen Wachstum.» Den Politikern warf sie vor: «Sie lassen uns im Stich! Aber die jungen Leute beginnen, Ihren Verrat zu durchschauen.»

Auf Trumps Spott-Tweet ragierte die junge Schwedin souverän und änderte den Biographie-Text ihres Twitter-Profils kurzerhand auf genau jene zynischen Worte, die der US-Präsident gebraucht hatte:

Trump ist ein bekennender Klimawandel-Skeptiker. Zu Gretas Rede kam er nicht. Ein offizielles Treffen der beiden hatte es beim Klimagipfel nicht gegeben. Aber eine kurze und ungeplante Szene hinter den Kulissen des Gipfels hatte im Internet für Wirbel gesorgt. In einem Video war zu sehen, wie Trump mit seiner Delegation durch einen Gang des UNO-Hauptquartiers lief. Greta stand wenige Meter entfernt. Der Präsident nahm keine Notiz von der Schülerin, während sie ihm mit ernster Miene hinterher schaute.

Greta Thunberg ist die Initiatorin der Jugendbewegung «Fridays for Future», die vergangene Woche weltweit Millionen Menschen zu einem Klima-Streik auf die Strasse gebracht hat.

Unter Tränen findet die junge Klimaaktivistin am UNO-Gipfel in New York klare Worte an die Anwesenden. (Video: AP)

Greta warf den Politikern vor, sie seien immer noch nicht reif genug zu sagen, wie ernst die Lage sei. «Wir stehen am Anfang eines Massenaussterbens und alles, worüber Ihr reden könnt, ist Geld und die Märchen von einem für immer anhaltenden wirtschaftlichen Wachstum – wie könnt Ihr es wagen?» Greta ist die Initiatorin der Jugendbewegung «Fridays for Future», die vergangene Woche weltweit Millionen Menschen zu einem Klima-Streik auf die Strasse gebracht hat.

«Weckruf der Jugend gehört»

Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel traf Greta Thunberg vor Beginn des Gipfels. In ihrer Rede sagte sie zu ihrer Bewegung: «Wir alle haben den Weckruf der Jugend gehört.» Die Kanzlerin rief dazu auf, den Ratschlägen der Wissenschaft zu folgen. Das Klimapaket, dass die deutsche in der vergangenen Woche nach hartem Ringen beschlossen hat, wird aber auch von Wissenschaftlern als zu zaghaft kritisiert.

«Die Industriestaaten sind die Verursacher dieser Erderwärmung», sagte Merkel. Die Entwicklungsländer seien dagegen die Hauptleidtragenden. «Deshalb haben wir als Vertreter der Industrieländer die Pflicht, Innovation, Technologie und Geld einzusetzen, um die Weg zu ebnen, um die Erderwärmung zu stoppen.»

Auch UNO-Generalsekretär António Guterres rief eindringlich zum Kampf gegen die schnell voranschreitende Erderwärmung auf. «Wenn wir nicht dringend unseren Lebensstil ändern, setzen wir das Leben selbst aufs Spiel», sagte er. Das Rennen gegen den Klimawandel könne gewonnen werden. «Die Zeit ist knapp, aber es ist noch nicht zu spät.»

Frankreichs Präsident Macron sprach sich dafür aus, über Einschränkungen beim Handel stärkeren Druck auf Klimasünder ausüben. «Ich denke, wir sollten eine Handelsagenda haben, die der Klimaagenda dient», sagte Macron beim UNO-Klimagipfel in New York. Es sei seiner Meinung nach heuchlerisch, neue Handelsdeals mit Staaten abzuschliessen, die in ihrer Politik dem Pariser Klimaabkommen entgegen liefen.

66 Länder wollen CO2-Neutralität bis 2050

Schon vor dem Gipfel sagten die Teilnehmerstaaten konkrete Massnahmen zu. 66 Länder, zehn Regionen, 102 Städte und 93 Konzerne verpflichteten sich zur Klimaneutralität bis 2050. Unter dem Strich wollen sie dann also keine klimaschädlichen Treibhausgase mehr ausstossen. Der Bundesrat hat Ende August beschlossen, dass die Schweiz bis 2050 klimaneutral werden soll.

Weiteres starkes Signal: Russland trat am Montag per Regierungsverfügung dem Klimaschutzabkommen von Paris offiziell bei. Unklar blieb aber, wie die Regierung den Ausstoss des klimaschädlichen Treibhausgases CO2 reduzieren will. Die Rohstoffgrossmacht, die vor allem von ihren Gas- und Ölressourcen lebt, gehört zu Ländern mit dem höchsten Ausstoss von Kohlendioxid.

«Das ist kein Klima-Gipfel der Reden. Wir haben genug geredet», sagte Guterres. «Das ist kein Klima-Gipfel der Verhandlungen. Man verhandelt nicht mit der Natur. Das ist ein Klima-Gipfel der Taten.»

Nach seinen Angaben haben 59 Staaten zugesichert, ehrgeizigere Pläne für den Klimaschutz vorzulegen. Nach dem Pariser UNO-Klimaabkommen von 2015 sollten das allerdings bis 2020 eigentlich alle Unterzeichner machen. Bisher sind es nur etwa ein Drittel.

Welt hinkt hinter Klimazielen her

Guterres hat den Gipfel einberufen, um die Dringlichkeit des Kampfes gegen den Klimawandel zu verdeutlichen. Die Welt hinkt weit hinter den Zielen des Pariser Abkommens von 2015 hinterher. Ziel ist es, die Erderhitzung auf deutlich unter 2 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu begrenzen, möglichst auf 1,5 Grad.

Wenn man alles zusammennimmt, was die Staaten bisher zugesagt haben, steuert der Planet aber mit hoher Wahrscheinlichkeit auf rund 3 Grad zu. Das hat katastrophale Folgen, die jetzt schon in vielen Weltregionen sehr deutlich zu spüren sind, zum Beispiel durch den steigenden Meeresspiegel und die Zunahme extremer Wetterphänomene wie Wirbelstürme.

Rederecht erhielten bei dem Gipfel nur Länder mit konkreten Plänen, darunter grosse Wirtschaftsmächte wie Deutschland, Frankreich, Indien oder die Türkei. Die Rede von Bundespräsident Ueli Maurer war für Mitternacht (MESZ) angekündigt.

Aber auch kleine Staaten, die wenig für den Klimawandel können, aber besonders stark unter ihm leiden, erhielten das Wort: die Marshallinseln, die Seychellen, Jamaika oder auch Tonga standen auf der Liste. Neben den USA erhielten Klimasünder wie Brasilien, Südkorea, Japan, Saudiarabien und Australien kein Rederecht.

Einen Tag vor dem UNO-Klimagipfel hatte die UNO einen Bericht veröffentlicht, demzufolge die fünf Jahre von Anfang 2015 bis Ende 2019 die wohl heissesten der Geschichte sein werden. Nach Angaben der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) in Genf werden die durchschnittlichen globalen Temperaturen in der jetzigen Fünf-Jahres-Zeitspanne «auf 1,1 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau (1850–1900) und 0,2 Grad Celsius wärmer als 2011–2015 geschätzt».

Die ganze Rede Greta Thunbergs

Sehen Sie hier den gesamten Auftritt der schwedischen Klimaaktivistin. (Video: AP/Tamedia)

sep/sda/reuters

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