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Hollande und der frankophile Sklavenhalter

François Hollande reist morgen in die USA. Neben Barack Obama besucht er auch Thomas Jefferson. Mit dem toten Gründervater verbindet ihn mehr, als ihm lieb sein mag.

Michelle und Barack Obama (rechts) halten für ihren Staatsgast aus Frankreich ein Bankett ab. (11. Februar 2014)
Michelle und Barack Obama (rechts) halten für ihren Staatsgast aus Frankreich ein Bankett ab. (11. Februar 2014)
Reuters
Barack Obama (links) und François Hollande toasten sich zu und tauschen Freundlichkeiten aus. (11. Februar 2014)
Barack Obama (links) und François Hollande toasten sich zu und tauschen Freundlichkeiten aus. (11. Februar 2014)
Keystone
«Historische Partnerschaft»: Hollande und Obama am Rande des G-8-Gipfels in Camp David im Mai 2012.
«Historische Partnerschaft»: Hollande und Obama am Rande des G-8-Gipfels in Camp David im Mai 2012.
AFP
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Zu Hause liegt einiges im Argen: Die Wirtschaft dümpelt, seine Umfragewerte sind im Keller und seine Herzensangelegenheiten ein öffentliches Spektakel. Zur Ablenkung reist Frankreichs bedrängtes Staatsoberhaupt François Hollande von Montag bis Mittwoch zum Staatsbesuch in die Vereinigten Staaten. Am Dienstag ehrt ihn Barack Obama mit einem offiziellen Staatsdinner im Weissen Haus, zuvor fliegt das Gespann zur High-Tech-Schmiede Silicon Valley, wo sich François Mitterand 1984 Computertechnik vom jungen Steve Jobs erklären liess.

Neben Obama wird Hollande einem zweiten amerikanischen Präsidenten seine Aufwartung machen. Der ist zwar tot, im amerikanischen Bewusstsein jedoch sehr lebendig: Am Montag werden Gastgeber und Gast Thomas Jeffersons Anwesen Monticello zweieinhalb Autostunden südlich von Washington besuchen. Der dritte amerikanische Präsident und gefeierte Verfasser der Unabhängigkeitserklärung lebte dort bis zu seinem Tod 1826 als Sklavenhalter, Vordenker und Bonvivant. Man begebe sich nach Monticello, um die «historische Partnerschaft» zwischen Frankreich und den Vereinigten Staaten zu würdigen, hiess es im Weissen Haus.

Hansdampf in vielen Gassen

Zumal den toten Präsidenten und den lebenden Präsidenten aus Paris so manches eint. Beide haben derzeit eine schlechte Presse: Hollande, weil Frankreich kriselt, Jefferson, weil seine Rolle als Sklavenhalter zusehends ins Zwielicht geraten ist und mehrere neue Biografien recht ruppig mit dem amerikanischen Idol umgehen. Hollande wird den Hausherren von Monticello dennoch hochleben lassen, da kein amerikanischer Präsident ähnlich frankophil war wie der Aufklärer Jefferson, ein Hansdampf in vielen intellektuellen Gassen.

Von 1784 bis 1789 weilte der Plantagenbesitzer aus Virginia als Repräsentant der jungen Nation sogar in Paris, wo er eine Villa an der Champs-Elysée bewohnte und im Garten vertrautes Gemüse wie Mais und Süsskartoffeln anbaute. Und offenbar war Jefferson wie auch Hollande den Damen zugetan: Der verwitwete Diplomat suchte die Gesellschaft der verheirateten Malerin Maria Cosway, hielt jedoch auf Diskretion und wäre sicherlich nicht auf einem Motorroller durch Paris gefahren. Im seinem Film «Jefferson in Paris» porträtierte Regisseur James Ivory den Amerikaner als Cosways Lover, verbürgt ist jedoch nur, dass Jefferson die Anglo-Italienerin heiss verehrte.

Die Kinder der Sklavin

Später begann in Paris die wohl interessanteste und zugleich umstrittendste Beziehung des einsamen Gründervaters: Er liess sich mit Sally Hemings ein, der Zofe seiner Tochter Polly und ausserdem eine Sklavin, die Polly von Monticello nach Paris begleitet hatte. Dass Sally die Halbschwester seiner verstorbenen Frau Martha war, machte die Sache noch pikanter: Wie viele Südstaaten-Sklavenbesitzer hatte auch Marthas Vater John Wayles Kinder mit einer Slavin gezeugt. Sally Hemings' Bruder Madison Hemings behauptete später, Jefferson habe seine Schwester erstmals in Paris geschwängert. Insgesamt sechs Kinder gebar die Sklavin dem Sklavenhalter.

Lange wurde die delikate Beziehung des amerikanischen Gründervaters zu Hemings totgeschwiegen, 1997 aber veröffentlichte die Historikerin Annette Gordon-Reed ein bahnbrechendes Werk darüber. Jeffersons Enkel Thomas Jefferson Randolph beschrieb die Geliebte des Opas als «sehr hellhäutig» und «entschieden attraktiv». Später entliess der Ex-Präsident Sally und die überlebenden gemeinsamen Kinder in die Freiheit.

In den Jahren in Paris entwickelte der Amerikaner ein feines Gespür für die schönen Seiten des Lebens. Und wie Hollandes Frankreich lebte auch er über seine Verhältnisse und starb hochverschuldet – unter anderem eine Folge seines aufwendigen Lebensstils in Monticello: Beste Weine aus Frankreich und elegante Partys sprengten regelmässig den Etat des Hausherren. Französische Promis wie etwa der Marquis de Lafayette waren schon deshalb gern gesehene Gäste in Monticello, weil das junge Amerika dankbar war für die französische Hilfe im Unabhängigkeitskrieg gegen Grossbritannien.

Ein ambivalentes Verhältnis

Frankreich mag in der Tat Washingtons «ältester Verbündeter» sein, wie Obamas Aussenminister John Kerry neulich erklärte, das amerikanisch-französische Verhältnis aber zeichnete sich oft durch Ambivalenz aus. Regten sich Jeffersons amerikanische Zeitgenossen über das Blutvergiessen der Französischen Revolution auf, so missfiel den Amerikanern später der französische Unwille zu militärischen Abenteuern. Wegen der Pariser Einwände gegen George W. Bushs Einmarsch im Irak wurden in den Cafeterien des Kongresses 2003 «French Fries», so der amerikanische Name für Pommes frites, sogar in «Freedom Fries» umgetauft.

Ausserdem könnte sich Francois Hollande noch heute darüber ärgern, dass Napoleon Bonaparte 2,14 Millionen Quadratkilometer französisches Land in Nordamerika 1803 zum Spottpreis von etwas mehr als elf Millionen Dollar an Präsident Jefferson verkaufte. Kaum mehr als einen Dollar pro Hektar bekam der Korse nach heutigem Geld für sein «Louisiana-Territorium», das vom Golf von Mexiko bis an die kanadische Grenze reichte. Hätte Paris nicht verkauft, regierte Hollande womöglich von den Rocky Mountains bis in die Dakotas, von St. Louis bis nach New Orleans – und verfügte über beachtliche Ölvorkommen.

Zwar ist Hollande zu Hause unter Druck, in Washington hingegen ist nicht unbemerkt geblieben, dass Monsieur Le President aussenpolitische Muskeln zeigt: In Syrien drängte er auf ein militärisches Eingreifen, gegenüber dem Iran verfocht Paris eine harte Linie. Hollande wiederum wird sich bei Obama über die Steuertricks amerikanischer Unternehmen wie Google in Europa beklagen, auch der NSA-Skandal dürfte in Washington zur Sprache kommen. Nicht hingegen Hollandes Privatleben: «Ich kann mich zu meiner gegenwärtigen Situation nicht äussern», beschied er dem Magazin «Time» in einem Interview vor seinem Reiseantritt.

Genauso hatte es Jefferson gehalten: Als ein politischer Gegner das Verhältnis mit seiner Konkubine 1802 publik machte, schwieg er.

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