Ist da noch jemand?

Hillary Clinton droht für die Demokraten zur Hypothek zu werden. Nun beknien sie Elizabeth Warren, die Anti-Hillary in der Partei – und andere.

Mails über den privaten Accout gelesen und verschickt: Hillary Clinton. (Archiv)

Mails über den privaten Accout gelesen und verschickt: Hillary Clinton. (Archiv)

(Bild: Keystone Andrew Gombert)

David Hesse@HesseTA

Hillary Clinton hat ihr Mailverhalten erklärt. Nur «aus Bequemlichkeit» habe sie während ihrer vier Jahre als Aussenministerin ausschliesslich eine private E-Mail-Adresse genutzt, sagte sie diese Woche auf einer Pressekonferenz in New York. Sie habe nicht ständig zwei Mobilgeräte mit sich herumschleppen wollen. Gegen das Gesetz verstossen habe sie nie.

Ausgestanden ist die Sache damit nicht. Hillary Clinton, die in den kommenden Wochen wohl ihre Kandidatur fürs Weisse Haus 2016 erklären wird, hat mit der Verwendung eines privaten Servers die automatische Archivierung ihrer Korrespondenz umgangen. Ihre Gegner fühlen sich bestätigt: Sie sehen die Clintons als arrogante Machtmenschen, die sich an Regeln nicht gebunden fühlen – als Figuren wie aus der Erfolgsserie «House of Cards».

Clintons Auftritt hat die Lage nicht entschärft. Zwar berichtete sie, dem Aussenministerium 30'490 E-Mails auf 55'000 ausgedruckten Seiten übergeben zu haben. Das Material wird nun (auf Kosten des Steuerzahlers) für eine Publikation aufbereitet. Weitere 32'000 E-Mails allerdings habe ihr Team gelöscht. Alles private Nachrichten, versicherte Clinton, worin es etwa um Yogapositionen oder die Beerdigung ihrer Mutter gegangen sei. Die Bevölkerung werde verstehen, dass sie solche Post nicht öffentlich machen wolle. Dass sie ehrlich ausgewählt hat, nichts verschwinden liess, darauf soll das Land vertrauen. «Die Auslöscherin der freien Welt», titelte das Boulevardblatt NY Post.

Was, wenn noch mehr Probleme auftauchen?

Die E-Mail-Affäre beunruhigt die Demokraten. Ihre bisher einzige wahrscheinliche Kandidatin für 2016 ist angreifbarer, als es zu sein schien. Was, wenn noch ernstere Probleme kommen? Wird man dann das Feld mangels Alternative den Republikanern überlassen müssen? «Wir brauchen Optionen», sagt Boyd Brown, ein Mitglied des nationalen Parteiausschusses.

Auf Brian Schweitzer kann man nicht bauen. Der frühere Gouverneur von Montana galt vorigen Sommer noch als möglicher Clinton-Herausforderer. Reporter namhafter Zeitschriften besuchten ihn auf seiner Ranch im Nirgendwo und liessen sich erzählen, was er alles besser machen würde als Hillary. Schweitzer war erfrischend ungehobelt und spontan, das Gegenteil eines Berufspolitikers. Doch sein loses Mundwerk wurde ihm zum Verhängnis. Schweitzer witzelte gegenüber einer Reporterin über die angeblich «weibischen Männer» des US-Südens und verglich die 81-jährige Senatorin Dianne Feinstein mit einer Prostituierten, die sich in der Frage der NSA-Überwachung als Nonne ausgebe. Die Empörung war gross, Schweitzer musste sich entschuldigen. Wer dermassen «ungefiltert» rede, schrieb die «Washington Post», könne keinen Wahlkampf überstehen. Seither ist es still um Schweitzer.

Joe Biden ist bereits 72 Jahre alt

Gerne zur Verfügung stellen möchte sich Joe Biden. «Die Möglichkeit besteht», sagte der Vizepräsident über eine Kandidatur 2016. Grosse Chancen aber mag man ihm nicht bescheinigen. Erstens müsste Biden als Vertreter des Status quo antreten, als Verlängerer der Obama-Jahre. Zweitens bestehen Zweifel an seiner Sachkompetenz; sein Drang zur Witzelei schafft immer wieder peinliche Momente. Und schliesslich ist Biden 72 Jahre alt. Nicht gerade eine junge Kraft für Amerika.

Auch Bernie Sanders, unabhängiger Senator aus Vermont, ist mit 73 Jahren nicht mehr der Jüngste. Trotzdem scheint er sich für eine Kandidatur zu interessieren. Dass er es nicht bis zur Nominierung schaffen wird, dürfte ihm selber klar sein: Sanders bezeichnet sich als Sozialisten, was ihn für eine Mehrheit der Amerikaner unwählbar macht. Nicht so schlimm für die Demokraten; Sanders glaubt ohnehin nicht an die Partei: «Viele meiner grössten Unterstützer sagen mir: Bernie, bleib weg von der verdammten Demokratischen Partei, trete als Unabhängiger an.»

Ebenfalls am linken Rand steht Elizabeth Warren, Senatorin aus Massachusetts. Mit ihren Spitzen gegen das grosse Geld der Wallstreet ist die 65-Jährige eine Anti-Hillary. Viele Demokraten beknien Warren, eine Kandidatur ins Auge zu fassen. Das von Ungleichheit geplagte Land brauche eine Kämpferin wie sie. Bislang will Warren nichts davon wissen.

Bleibt im Moment nur Martin O’Malley. Der ehemalige Gouverneur von Maryland gilt als gescheit und leistungsstark. Eben hat er sachte Kritik an Clinton geäussert, die Bedeutung der Transparenz in der Politik betont. Von Obama nahm er Abstand, indem er sich für forschere Aussenpolitik aussprach. O’Malley ist 52 Jahre alt, verheiratet und spielt Banjo in einer Feierabendband. Alles stimmt. Sein Problem ist, dass er bei bisherigen Grossauftritten seltsam blass blieb. Was seine dringenden Anliegen für Amerika sind, ist unklar. Im Frühling will O’Malley entscheiden, ob er eine Kandidatur wagt.

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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