«Sie hassen dich», sagt der Mann, der nicht existiert

Desinformationen, Cyberangriffe: Russland mischt auch im Midterms-Wahlkampf mit. Experten sprechen von überforderten US-Behörden.

Fakten sind nicht wichtig: US-Präsident Donald Trump mischt sich bei einem Wahlkampfauftritt unter seine Anhänger.

Fakten sind nicht wichtig: US-Präsident Donald Trump mischt sich bei einem Wahlkampfauftritt unter seine Anhänger.

(Bild: Keystone)

«Sie hassen dich. Und sie hassen deinen Präsidenten.» Solche Botschaften hat der Twitternutzer «@johncopper16» in den letzten Monaten verbreitet, um demokratische Politiker und Gegner von Donald Trump zu diskreditieren. «@johncopper16» ist ein Fake-Konto und nur eines von unzähligen Beispielen für die Internetpropaganda, die höchstwahrscheinlich ihren Ursprung in Russland hat. Der Fall «@johncopper16» zeigt, dass die russischen Cyberinterventionen keineswegs mit der US-Präsidentschaftswahl 2016 endeten. Desinformationen aus Russland spielen offensichtlich auch im laufenden Wahlkampf für die US-Kongresswahlen am kommenden Dienstag eine Rolle.

«Russland mischt sich in die Midterms ein», schreibt das US-Nachrichtenportal «BuzzFeedNews» in einem Hintergrundbericht. «Im Weissen Haus will man sich nicht dazu äussern.» Der Direktor der nationalen Geheimdienste der USA, Dan Coats, warnte schon vor zwei Monaten vor russischer Einmischung. Russland betreibe eine «umfassende Kampagne zur Beeinflussung der bevorstehenden Kongresswahlen», sagte Coats damals. Gleichzeitig berichtete das FBI über russische Hacker, «die versucht haben, Computer zu hacken und Informationen von Kandidaten und Regierungsvertretern zu stehlen».

Desinformationsprofis geben sich mehr Mühe

Vor zwei Wochen hat die Staatsanwaltschaft des US-Bundesstaats Virginia eine Anklage gegen eine Frau namens Elena Chusjaynowa veröffentlicht, wie thunertagblatt.ch/Newsnetz berichtete. Die Angeklagte ist eine Buchhalterin aus St. Petersburg, die mit der Internet Research Agency (IRA) eng verbandelt ist. IRA ist die berühmt-berüchtigte Troll-Fabrik im Dienste des Kremls, die offenbar mit substanziellen Finanzmitteln ausgestattet ist.

Experten anerkennen zwar, dass US-Behörden und Internetkonzerne – nach den Erfahrungen von 2016 – ihre Anstrengungen im Kampf gegen Desinformationen und Cyberangriffe verstärkt haben und dabei auch Erfolge vorzuweisen haben. Es müsse allerdings festgestellt werden, dass die Russen ihre Manipulationsmethoden weiterentwickelt hätten. Es sei ein Kampf ohne Ende. Die Desinformationsprofis geben sich mehr Mühe, möglichst wenige Spuren zu hinterlassen. In einem Bericht zitiert die US-Website «BusinessInsider» Larry Johnson, CEO der Firma CyberSponse, der 24 Jahre für den US Secret Service gearbeitet hatte. «Das ist wie ‹Blinde Kuh spielen›»: So beschreibt Johnson den Kampf gegen Russlands Dauerpropaganda. Andere Expertenmeinungen stimmen mit dieser Einschätzung überein.

Russlands Desinformationsprofis sind immer weniger darauf angewiesen, die Botschaften zur Vergiftung des politischen Klimas in den USA selber zu erfinden. Schliesslich streuen auch authentische Nutzer ausreichend Verschwörungstheorien, Pseudo-News und Propaganda. Russische Akteure verbreiten diese Inhalte oft nur weiter. Das geschieht häufig mittels sogenannter Bots, also automatisiert betriebener Nutzerkonten. Die IRA-Leute in St. Petersburg müssten mittlerweile «nicht einmal mehr dieses Zeug erfinden», sagt Ben Nimmo, Experte für Internetkriminalität beim Washingtoner Institut Atlantic Council. Es werde «für sie erfunden».

Hacker können Wahlmaschinen leicht manipulieren

Desinformation und Propaganda oder auch illegale Wahlkampffinanzierung sind nicht die einzigen Gefahren für korrekte Midterms-Wahlen. Ein ernstzunehmendes Problem sind auch Hackerangriffe auf die Wahlinfrastruktur in den USA. Laut einem Bericht von thunertagblatt.ch/Newsnetz ist es ein Kinderspiel, die veralteten Wahlmaschinen zu manipulieren. «Wir könnten auch gleich Abstimmungsboxen in Moskaus Strassen aufstellen», sagte der demokratische US-Senator Ron Wyden aus Oregon im Juli 2018.

Für eine Sicherung der Midterms sei es längst zu spät, heisst es seitens der Experten wie zum Beispiel den ehemaligen Sicherheitschef von Facebook, Alex Stamos. Und Stamos vermisst den politischen Willen für Verbesserungen: «Die USA haben der Welt vor Augen geführt, dass sie diese Angelegenheit nicht allzu ernst nehmen und die Täter höchstens einen Klaps auf die Finger bekommen.» Gemäss Stamos folgt inzwischen auch der Iran dem russischen Beispiel und mischt bei der Verbreitung von Falschinformationen mit. Ex-Facebook-Manager Stamos rät den US-Behörden schon jetzt zu deutlich mehr Achtsamkeit hinsichtlich der Präsidentenwahlen 2020.

vin

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