So agiert kein seriöser Staatsmann

USA-Korrespondent ­Thomas J. Spang zu Donald Trumps Treffen mit Angela Merkel.

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Das Nachtreten Donald Trumps gegen Bundeskanzlerin Angela Merkel bestätigt, wie wenig Verlass auf den neuen US-Präsidenten ist. Die Halbwertszeit seiner Aussagen beträgt genau einen Twitter-Zyklus. Während er auf der Pressekonferenz im Weissen Haus Merkel für ihre Anstrengungen bei den Verteidigungsausgaben lobte, ­suggerierte er in seinem morgendlichen Tweet aus Mar-a-Lago das Gegenteil. Deutschland schulde der Nato «riesige Summen». Ungeachtet dessen sei das Treffen «grossartig» gewesen.

So agiert kein seriöser Staatsmann, ­sondern ein labiler Schaumschläger. Schlimm genug, dass Trump keine 24 Stunden lang zu seinem Wort steht. Unverzeihlich aber ist die Ahnungslosigkeit, mit der er so viel heisse Luft verbreitet. Nein, weder Deutschland noch sonst ein Nato-Mitglied schuldet der USA irgendetwas. Die Partner haben sich 2014 in Wales dazu verpflichtet, binnen zehn Jahren zwei Prozent ihres Bruttoinlandprodukts für die Verteidigung auszugeben. Berlin tut genau das.

Die Mitglieder zahlen auch keinen Tribut an die USA, sondern für ein Bündnis, das den Sicherheitsinteressen aller Beteiligten dient. Explizit auch denen der USA. Mit seinem Nachtreten verstärkte Trump den Kontrast, der schon im Weissen Haus bei der Pressekonferenz spürbar war. Vor aller Welt ist nun klar, wer die westliche Wertegemeinschaft führt. Dabei handelt es sich nicht um den Präsidenten der Vereinigten Staaten.

Es spricht schon Bände, wenn der ehemalige Musterschüler Deutschland mehr als siebzig Jahre nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust seinen einstigen Lehrer daran erinnern muss, warum freier Handel, gegenseitige Sicherheit und eine offene Gesellschaft so wichtig für den Erfolg der ­demokratischen Ordnung sind. Der Präsident brachte nicht einmal die Grösse zu einem Handschlag für die Kameras auf. Ob er Merkels dezente Nachfrage verstanden hatte oder nicht – der Anstand hätte es in jedem Fall geboten.

Mit schlechtem Stil lässt sich leben, mit Unzuverlässigkeit kaum. Deutschland und Europa bleiben gut beraten, bei diesem Präsidenten auf das Beste zu hoffen, aber für den Notfall zu planen. Die Erhöhung der Verteidigungshaushalte sollte genutzt werden, die europäische Integration der Streitkräfte entschieden voranzutreiben. Europa kann seine Sicherheit nicht von den Launen Trumps abhängig machen. Das Verhalten des wankelmütigen Populisten nach der Abreise Merkels illustriert, wie bedenklich dies wäre. (Berner Zeitung)

Erstellt: 19.03.2017, 20:51 Uhr

Thomas J. Spang, USA-Korrespondent
ausland@bernerzeitung.ch

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