So will Joe Biden die Demokraten überzeugen

Der wahrscheinliche Präsidentschaftskandidat Joe Biden distanziert sich von der «Kultur weisser Männer». Doch die «Opposition Research» wühlt bereits in seiner Vergangenheit.

Ehe er gegen Donald Trump antreten kann, muss er die parteiinternen Vorwahlen bestehen: Der mögliche Präsidentschaftskandidat Joe Biden. Foto: Keystone

Ehe er gegen Donald Trump antreten kann, muss er die parteiinternen Vorwahlen bestehen: Der mögliche Präsidentschaftskandidat Joe Biden. Foto: Keystone

Martin Kilian@tagesanzeiger

Joseph Robinette Biden ist ein Mann des Volkes. 2009 zeigte das satirische Magazin «The Onion» den Vizepräsidenten, wie er in der Auffahrt zum Weissen Haus seinen Pontiac Trans Am – vom Image her ein muskulöser Sportwagen für Proleten – blitzsauber wusch, ohne Hemd und in der Hand eine Dose Bier. Die Fotomontage sprach Bände: Joe ist einer von uns!

Gewiss wird die «Opposition Research» Belege für Bidens Mitgliedschaft im Bund weisser Männer finden. Bildmontage: theonion.com

Da ist etwas dran: Biden wuchs in bescheidenen Verhältnissen in der Arbeiterstadt Scranton im Staat Pennsylvania auf und bringt entsprechende Sensibilitäten mit. Jetzt wird er sich wahrscheinlich zum dritten Mal um die amerikanische Präsidentschaft bewerben. Dazu braucht es eine politische Runderneuerung inklusive einer Verneigung vor dem Zeitgeist.

Biden mag neben Bernie Sanders der derzeitige Favorit im demokratischen Feld sein. Doch ehe er gegen Donald Trump antreten kann, muss er die parteiinternen Vorwahlen bestehen. Sie beginnen im Februar 2020 im Mittweststaat Iowa und werden im Verlauf mehrerer Monate den Präsidentschaftskandidaten der Demokraten bestimmen. Und ein Prolet mit nacktem Oberkörper und einer Bierdose in der Hand ist womöglich ebenso wenig Wunschkandidat der demokratischen Basis wie ein kauziger «Sozialist» namens Bernie Sanders. Repräsentativ für die Partei sind nicht so sehr weisse Männer in einem gewissen Alter – Biden ist 76, Sanders 77 – als vielmehr Minderheiten, Junge und vor allem Frauen.

Bildstrecke: Mögliche Kandidaten für US-Präsidentschaftswahl

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Joe Biden weiss das. Und deshalb beklagte er am Dienstag die «Kultur weisser Männer», welche die amerikanische Gesellschaft in der Vergangenheit dominiert und Gewalt gegen Frauen ermöglicht habe. Joe Biden weiss, wovon er spricht: 1991 liess er als Vorsitzender des von Männern dominierten Rechtsausschusses im Senat zu, dass die afroamerikanische Juristin Anita Hill von republikanischen Senatoren niedergemacht wurde. Sie hatte Clarence Thomas, einem ebenfalls afroamerikanischen Kandidaten für das höchste Gericht, sexuelle Belästigung vorgeworfen.

Im Zeitalter von #MeToo reut es Joe Biden. Hill habe damals «einen schrecklichen Preis» gezahlt, sagt er. Und: «Ich wünschte, ich hätte etwas tun können.» Biden verweist darauf, dass er entscheidend an einem Gesetz über Gewalt gegen Frauen mitgewirkt habe. Von der «Kultur des weissen Mannes» aber kann er sich nicht befreien.

Beim Hauptwahlgang gegen Donald Trump im Sommer und Herbst 2020 wäre dies kaum nachteilig. Schliesslich ist der republikanische Präsident ein überlebensgrosses Aushängeschild der «Kultur weisser Männer». Und was immer Joe Biden im Umgang mit Frauen zu bereuen hat: An Trumps turbosexistische Vergangenheit wird es nicht heranreichen. Zumal der Ex-Vizepräsident geltend machen kann, er könne in Staaten wie Wisconsin, Michigan und Pennsylvania besser als andere demokratische Präsidentschaftsbewerber Trump-Wähler aus der unteren Mittelschicht anziehen.

37 Jahre im Washingtoner Senat

Zuvor aber muss Biden bei den demokratischen Vorwahlen gegen mehrere begabte Frauen, einen Afroamerikaner sowie einen charismatischen Texaner namens Beto O’Rourke bestehen. Offenbar erwägen Bidens Berater, ihm den afroamerikanischen Shootingstar Stacey Abrams – sie verlor 2018 knapp die Gouverneurswahl in Georgia – als Vizepräsidentschaftskandidatin zur Seite zu stellen. Damit etwas von ihr auf ihn abfärbt?

Die Struktur der demokratischen Vorwählerschaft ist nicht Joe Bidens einziges Problem: Er ist ausserdem schrecklich lange dabei. Von 1972 bis 2009 sass er im Washingtoner Senat, danach war er bis 2017 Barack Obamas Vize. In seinen Senatsjahren gab Biden seine Stimme zu dieser und jener Vorlage ab, eine schier endlose Liste von Voten hinterliess er. Aus ihr werden seine demokratischen Konkurrenten reichlich Kapital schlagen.

Denn Bidens jahrzehntelange Karriere ist ein Traum für die Schmutzfinken der «Opposition Research», wie das gezielte Wühlen in der Vergangenheit eines politischen Widersachers genannt wird. Gewiss werden sich Belege für Bidens Mitgliedschaft im Bund weisser Männer finden, auch wird so manches andere ans Tageslicht gespült werden. Dies vorsorglich mit der Dominanz der Kultur weisser Männer zu entschuldigen und sich gleichzeitig zum Boten sozialen Wandels zu machen, mag smart sein. Ob es erfolgreich sein wird, werden die Vorwahlen zeigen.

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