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Treffen mit dem meistgesuchten Mann der Welt

«Er sieht aus wie ein Schulkind»: Whistleblower Edward Snowden hat die Menschenrechtsaktivistin Tanya Lokshina zum Treffen am Flughafen eingeladen. Nun schildert sie ihre persönlichen Eindrücke des 30-Jährigen.

Musste Snowden die Position der USA übermitteln: Die Menschenrechtsaktivistin Tanya Lokshina am Flughafen in Moskau. (12. Juli 2013)
Musste Snowden die Position der USA übermitteln: Die Menschenrechtsaktivistin Tanya Lokshina am Flughafen in Moskau. (12. Juli 2013)
Reuters

Die ganze Welt spricht von Edward Snowden – aber nur wenige hatten Gelegenheit, mit ihm zu sprechen, nachdem er die NSA-Affäre ins Rollen gebracht hatte. Eine dieser Personen ist die russische Menschenrechtsaktivistin Tanya Lokshina. Sie ist Funktionärin der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch und durfte den Whistleblower am Flughafen in Moskau treffen. Er hatte sie per E-Mail zu einer Pressekonferenz im kleinen Rahmen eingeladen. Sie habe sich wie in einem Agententhriller gefühlt, gesteht die Aktivistin. Obwohl sie zuerst auch skeptisch gewesen sei – sie habe das Mail anfangs für einen Scherz gehalten. Erst als sich die Sicherheitsfirma des Flughafens meldete und nach ihrer Ausweisnummer fragte, sei ihr klar geworden: «Der meistgesuchte Mann der Welt will mich treffen.»

Am Flughafen habe – wie in Snowdens Mail angekündigt – ein Mann mit einem Schild mit der Aufschrift «G9» auf sie gewartet. Zusammen mit acht weiteren Personen sei sie dann zu Snowden gebracht worden. Mit einem Übersetzer und einem Wikileaks-Mitarbeiter habe dieser die Gruppe empfangen.

Unter dem Titel «Kein gewöhnlicher Tag in Moskau» schildert Lokshina nun auf der Website ihrer Organisation ihre Eindrücke des 30-jährigen Mannes: «Das Erste, was ich dachte, war, wie jung er aussieht – wie ein Schulkind.» Sie habe zwei Fotos von ihm geschossen und diese bereits ihren Kollegen von Human Rights Watch geschickt, ehe alle Gäste angewiesen worden seien, keine Bilder zu machen.

Anruf der US-Botschaft

Der Whistleblower habe zunächst eine Stellungnahme verlesen, danach hätten die Gäste Fragen gestellt, so Lokshina. Snowden erzählte, seine Lebensbedingungen seien in Ordnung, und er sei bei guter Gesundheit. Er habe betont, dass er eigentlich nach Südamerika ausreisen wolle; Russland sei nur eine vorübergehende Station. Unter den gegebenen Umständen habe er indes keine andere Wahl, als einen Asylantrag in Russland zu stellen.

Lokshinas Treffen mit Snowden wurde auf höchster Ebene mitverfolgt: Auf dem Weg zum Flughafen habe sie einen Anruf der amerikanischen Botschaft erhalten. Man habe sie darauf hingewiesen, dass Snowden nach US-Auffassung kein Verteidiger der Menschenrechte sei, sondern ein Gesetzesbrecher, der zur Verantwortung gezogen werden müsse. Sie habe dann auf die Position von Human Rights Watch verwiesen, die bereits zuvor in einem Communiqué publiziert worden war. Darin fordert die Organisation den Schutz von Whistleblowern, wenn sie Menschenrechtsverletzungen publik machen. Lokshina wurde dennoch angewiesen, Snowden die Haltung der USA nahezubringen – was sie auch getan habe. «Es war nur fair, ihn über den Anruf zu informieren», schreibt sie.

Nach einer Stunde war das Treffen vorbei. Doch in Lokshinas Erinnerungen wird es wohl noch lange bleiben. Die Beschreibungen des eindrücklichen Tages schliesst sie mit einer Anekdote: «Es ist jetzt Mitternacht in Moskau – und ich habe immer noch nichts gefrühstückt.»

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