Trump: «Der grösste Feind unseres Landes ist...»

Der US-Präsident ist verstimmt. Weil er für die Vereinbarung von Singapur nicht bejubelt wird.

«Nichts in den Zeitungen kann man glauben», sagte US-Präsident Thomas Jefferson Anfang des 19. Jahrhunderts. Donald Trump übertrifft ihn.

«Nichts in den Zeitungen kann man glauben», sagte US-Präsident Thomas Jefferson Anfang des 19. Jahrhunderts. Donald Trump übertrifft ihn.

(Bild: Reuters)

Martin Kilian@tagesanzeiger

Nachzufragen, was genau zwischen Donald Trump und Kim Jong-un ausgehandelt wurde, stempelt den Neugierigen zum Landesfeind. So jedenfalls sieht es Trump. Denn während der Präsident nach dem Gipfel in einem manischen High zurück nach Washington flog und aller Welt verkündete, fortan könne man ruhig schlafen, da die nukleare Bedrohung durch Nordkorea vorbei sei, begannen US-Medien herumzustochern.

Sie wollten herausfinden, was in Singapur beschlossen wurde und wie es nun weitergehe – nicht weiter überraschend angesichts der unpräzisen Absichtserklärungen. Sie schürten den Verdacht, Pyongyang und Washington interpretierten die Vereinbarung unterschiedlich und also nach Gutdünken. Trump und seinem Aussenminister Mike Pompeo missfiel dies natürlich. Zu bezweifeln, dass Trump Spezifisches aus Singapur mitgebracht habe, sei «aberwitzig» und «beleidigend», sagte Pompeo.

Trumps entfesselte Anhänger

Trump ging noch einen gewaltigen Schritt weiter. Auf Twitter verdammte er skeptische Medien wie die TV-Sender NBC und CNN kurzerhand als «grösste Feinde unseres Landes». Nicht iranische Ayatollahs, die »Tod für Amerika» schreien, oder resistente Bakterien oder Opiate sind die «grössten Feinde» des amerikanischen Volks, sondern Fake News und Journalisten.

Ihnen ergeht es schlimmer als Henrik Ibsens «Volksfeind». Der hatte lediglich die Honoratioren eines norwegischen Kurorts gegen sich. Die US-Medien hingegen haben es neben Trump auch mit dessen entfesselter Anhängerschaft zu tun, die mitreisende Journalisten bei Veranstaltungen mit dem Präsidenten regelmässig ausbuht und am liebsten auf den Mond schiessen möchte.

Keiner ging so weit wie Trump

Trump treibt das mediale Feindbild auf die Spitze, wenngleich sich Präsidenten und Medien nur selten grün waren. Schon der zweite US-Präsident John Adams erliess 1798 ein Edikt, das jegliche Kritik an der Regierung untersagte. Nur so glaubte Adams der vermeintlichen Beeinflussung der öffentlichen Meinung durch Frankreich beikommen zu können.

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Sogar Thomas Jefferson wankte in seinem Bekenntnis zur Pressefreiheit. «Müsste ich entscheiden, ob wir eine Regierung ohne Zeitungen oder Zeitungen ohne eine Regierung haben sollen, würde ich das letztere vorziehen», tönte er 1787. Zwei Jahrzehnte später regierte Jefferson im Weissen Haus und fand die Presse furchtbar. «Nichts in den Zeitungen kann man glauben», seufzte er. Und Richard Nixon liess Journalisten bekanntlich abhören, um herauszufinden, wer ihnen Regierungsgeheimnisse steckte.

Keiner der Vorgänger aber ging so weit, die Medien als «grössten Feind» der Nation anzuschwärzen. Kritik an Singapur ist eben unerwünscht, die Frage nach dem Kleingedruckten oder überhaupt nicht Gedruckten eine Frechheit und dazu defätistisch. Statt miesepetrig zu meckern, sollen die US-Medien Donald Trump gefälligst hochleben lassen.

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