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«Viele der Beamten sind Mitglieder im Ku Klux Klan»

In Baltimore ist das Vertrauen der Schwarzen in die Polizei ruiniert: In den letzten vier Jahren sind 31 Menschen nach «Begegnungen» mit der Polizei gestorben. Die Polizeigewerkschaft stemmt sich derweil gegen Reformen.

Stehen in der Kritik: Polizisten in Baltimore. (28. April 2015)
Stehen in der Kritik: Polizisten in Baltimore. (28. April 2015)
Eric Thayer, Reuters

Pierre Estep war 16 Jahre alt, als ihm ein Polizist in Baltimore eine Pistole ans Gesicht hielt und eine Lektion in Sachen Gesetzestreue erteilte: «Er sagte mir, er stehe gleich neben Gott», erinnert sich Estep.

«Er sagte mir, er könne mir die Freiheit nehmen – oder gleich das Leben.»

Pierre Estep

Vier Jahrzehnte liegt der Vorfall zurück. Aber wenn es um Willkür und Gewalt der Polizei gegenüber Schwarzen gehe, dann habe sich eigentlich nichts verbessert, sagt der heute 56-Jährige. «Ich sage nicht, dass die Polizei einen einfachen Job hat, aber wie die Polizisten zur Zeit...» Die Wut über das Schicksal von Freddie Gray, einem 25-jährigen Afroamerikaner, der eine Woche nach seiner brutalen Festnahme am 19. April in Polizeigewahrsam starb, schnürt ihm die Kehle zu. Estep kann seinen Satz nicht beenden.

Nationalgarde setzt Ausgehverbot durch

Seit Grays Tod ist Baltimore zu einem Hexenkessel geworden. Friedliche Proteste gegen die Polizeigewalt sind in Plünderungen und Brandschatzungen umgeschlagen.

Jubel in Baltimore: Sechs Polizisten wurden angeklagt – nahezu zwei Wochen nach dem Tod des 25-jährigen Afroamerikaners Freddie Gray. (1. Mai 2015)
Jubel in Baltimore: Sechs Polizisten wurden angeklagt – nahezu zwei Wochen nach dem Tod des 25-jährigen Afroamerikaners Freddie Gray. (1. Mai 2015)
AP Photo/David Goldman
Die Polizei hat in Baltimore alle Hände voll zu tun, um Ruhe und Ordnung zu bewahren. (29. April 2015)
Die Polizei hat in Baltimore alle Hände voll zu tun, um Ruhe und Ordnung zu bewahren. (29. April 2015)
Keystone
Nun greift Baltimore mit Ausgangssperre und Nationalgarde durch. (27. April 2015)
Nun greift Baltimore mit Ausgangssperre und Nationalgarde durch. (27. April 2015)
Reuters
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Soldaten der Nationalgarde setzen ein nächtliches Ausgehverbot in der Arbeiterstadt mit 620'000 Einwohnern durch.

Gray ist kein Einzelfall

Die Lage ist eskaliert, weil Gray kein Einzelfall ist. Die aktuelle Serie durch Polizeigewalt getöteter Afroamerikaner geht zurück bis zu Michael Brown. Der 18-Jährige wurde am 9. August vergangenen Jahres in Ferguson in Missouri von einem Streifenpolizisten erschossen, er selbst war unbewaffnet.

Alleine in Baltimore im US-Bundesstaat Maryland sind von 2010 bis 2014 31 Menschen nach «Begegnungen» mit der Polizei ums Leben gekommen. So steht es in einem Bericht der US-Bürgerrechtsunion ACLU vom März.

Seit 2011 gab die Stadt 5,7 Millionen Dollar (5,2 Millionen Euro) an Steuergeld aus, um mehr als hundert Zivilrechtsklagen gegen Polizeigewalt aussergerichtlich beizulegen. Das enthüllte die «Baltimore Sun» im September. Nach den Recherchen der Zeitung waren die meisten Opfer, die wegen Polizeigewalt Anzeige erstatteten, Schwarze, und meistens wurden die Klagen abgewiesen.

30'000 Dollar für ein gebrochenes Handgelenk

Am meisten Geld – 500.000 Dollar – bekam ein Paar, das 2007 wegen zweifelhafter Vorwürfe festgenommen worden war, es habe seinen Enkelsohn entführt. Der Mann wurde in der Haft so schwer misshandelt, dass er bis heute an Nierenversagen leidet. Mit 30'000 Dollar wurde ein Ofen-Installateur abgefertigt, dem ein Polizist das Handgelenk gebrochen haben soll.

Kommissar Anthony Batts berichtet vom Widerstand beim Versuch, die Polizei zu reformieren.

«Es ist klar: wir müssen die Kultur ändern.»

Anthony Batts

Doch die Polizeigewerkschaft stemmt sich dagegen. Maryland war der erste US-Bundesstaat, der spezielle Rechte für Polizisten verankerte, und die Gewerkschaft will keine Änderungen daran akzeptieren. Kritiker sagen, wegen der Sonderrechte könnten sich die Beamten zu leicht vor der Verantwortung drücken, wenn sie sich falsch verhalten haben. Dafür haben Strafverteidiger aus Baltimore einen Blog ins Internet gestellt, in dem sie straffällige Polizisten öffentlich an den Pranger stellen.

Das Vertrauen der Bürger in ihre Polizei ist ruiniert. «Viele der Beamten sind Rassisten, viele sind Mitglieder im Ku Klux Klan», sagt etwa Aretha Williams auf dem Weg zur Arbeit. «Wir sind alle Menschen und wir verdienen es, als solche respektiert zu werden.»

AFP/pst

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