Warum 2018 das Jahr der Frauen werden könnte

Bei den US-Zwischenwahlen kandidieren so viele Frauen wie noch nie. Viele von ihnen könnten Geschichte schreiben.

Alexandria Ocasio-Cortez wird als «Sozialistin» bezeichnet, fast ein Schimpfwort in den USA.

Alexandria Ocasio-Cortez wird als «Sozialistin» bezeichnet, fast ein Schimpfwort in den USA.

(Bild: Reuters)

Eine schwarze Gouverneurin, eine offen bisexuelle Senatorin, eine Muslimin im Repräsentantenhaus: Nach den US-Zwischenwahlen am 6. November könnte es viele Premieren geben. Noch nie haben so viele Frauen in den USA für Ämter kandidiert wie in diesem Jahr. Auch die Mobilisierung von Wählerinnen könnte zu einer Rekordbeteiligung führen. Die MeToo-Bewegung und die denkwürdige Senatsanhörung des Richters Brett Kavanaugh haben die Amerikanerinnen mobilisiert - zumindest, soweit sie Sympathien für die Demokraten hegen.

Wachgerüttelt aber hatte sie bereits die Niederlage der ersten weiblichen Präsidentschaftskandidatin im November 2016. Seit Hillary Clinton gegen Donald Trump verloren hat, drängen viele Amerikanerinnen auf eine bessere Repräsentation von Frauen im Kongress und in den Parlamenten der Bundesstaaten.

«Nach den Regeln von MeToo darf ich das ja jetzt nicht so sagen»Donald Trump bei einer Veranstaltung.

Gegenwärtig sitzen 84 Frauen im Repräsentantenhaus (von insgesamt 435 Sitzen) und 23 im Senat (von insgesamt 100). Nach der Wahl dürften einige Politikerinnen dazu kommen - auch wenn von Geschlechterparität im Kongress noch lange nicht die Rede sein wird.

Rekordzahlen für die Demokraten

Gründe, sich als Frau in den USA zurückgesetzt zu fühlen, gibt es viele. Da wäre die Sorge, dass der inzwischen tendenziell konservative Supreme Court das Recht auf Abtreibung einschränkt oder sogar kassiert. Aber auch die ständige verbale Geringschätzung von Seiten der Republikaner ist für viele unerträglich geworden. Etwa als der US-Präsident öffentlich nicht nur Christine Blasey Fords Belästigungsvorwürfe gegen Kavanaugh anzweifelte, sondern sich sogar lustig machte und den Spiess umdrehte. «Unfaire Anschuldigungen» seien das, und: «Das sind sehr beängstigende Zeiten für junge Männer in Amerika.»

Oder kürzlich erst bei einer Wahlkampfveranstaltung in Pennsylvania. Da machte sich Trump über die MeToo-Bewegung lustig. «Nach den Regeln von MeToo darf ich das ja jetzt nicht so sagen», beschwerte er sich vor seinen Anhängern. «In den guten alten Zeiten war das ein wenig anders.» Viele Frauen widersprechen. Sie wollen, dass die Zeiten sich endlich ändern - und zwar nicht zurück.

Laut dem Center for American Women and Politics kandidieren bei den nun anstehenden Wahlen für das Repräsentantenhaus 237 Frauen, darunter 185 Demokratinnen und 52 Republikanerinnen. Für den Senat treten 23 Frauen an (für 35 in 2018 zur Wahl stehende Sitze), darunter 15 Demokratinnen und acht Republikanerinnen. Und selbst für die 39 zu vergebenden Gouverneursposten in den Bundesstaaten und Territorien stehen 16 Frauen (zwölf Demokratinnen und vier Republikanerinnen) auf dem Wahlzettel. Vor allem für die demokratische Partei sind das Rekordzahlen.

Aber es sind nicht nur die Kandidatinnen, die bereit sind für eine Zeitenwende. Auch die Wählerinnen wollen sie. Laut Umfragen sind besonders weisse Akademikerinnen motiviert, zur Wahl zu gehen und für die Demokraten zu stimmen.

Die interessantesten Kandidatinnen

Unter den vielen Kandidatinnen gibt es einige, die besonders Erfolg versprechend sind oder die mit ihrer Kandidatur einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Hier sind die Frauen, auf die man am 6. November achten sollte:

Alexandria Ocasio-Cortez, Demokratin New York, Repräsentantenhaus Alexandria Ocasio-Cortez. Bild: Reuters.

Die 29-Jährige kandidiert in New York für das Repräsentantenhaus. Bei den Vorwahlen besiegte sie völlig unerwartet Amtsinhaber Joe Crowley, ein Wahlsieg am 6. November ist ihr so gut wie sicher. Sie wäre dann die jüngste Frau, die jemals im Kongress sass. Populär im eigenen Lager ist Ocasio-Cortez, die in der Bronx aufwuchs und puerto-ricanische Wurzeln hat, wegen ihres linken Wahlprogramms, dass ihr bei den politischen Gegnern den Ruf als «Sozialistin» eingebrachte, was in Amerika fast als Beleidigung gilt. Sie spricht sich etwa für ein Job-Garantie-Programm aus, will die Abschiebe-Polizei ICE abschaffen und eine Krankenversicherung für alle Amerikaner einführen.

Stacey Abrams, Demokratin Georgia, Gouverneurin Stacey Abrams. Bild: Reuters.

Die 44-Jährige könnte die erste Schwarze sein, die in einem US-Bundesstaat Gouverneurin wird. In Georgia war sie bisher Oppositionsführerin im Repräsentantenhaus, über sich selbst sagt Abrams: «Ich bin absolut progressiv». Also: links. Dennoch gelingt es ihr, die unterschiedlichen Flügel ihrer Partei zu einen. Bei den Vorwahlen gewann sie mit überwältigenden 76 Prozent der Stimmen. Ob sie am 6. November gewinnen kann, ist unsicher. Einer der Gründe: Ihr Gegenkandidat, der Republikaner Brian Kemp, ist auch Chef der Wahlbehörde und muss sich vorwerfen lassen, er halte Wählerregistrierungen von Afroamerikanern bewusst zurück, um deren Stimmabgabe zu verhindern.

Ilhan Omar, Demokratin Minnesota, Repräsentantenhaus Ilhan Omar. Bild: Reuters.

Geschichte hat Omar bereits geschrieben, als sie 2016 in das Repräsentantenhaus von Minnesota als erste somali-amerikanische Muslimin gewählt wurde. Nun wird die 37-Jährige aller Wahrscheinlichkeit nach in den US-Kongress einziehen, in den Umfragen liegt sie vor der Republikanerin Jennifer Zielinski. Ihre Kandidatur ist gerade in Zeiten, in denen die politische Rechte einige islamfeindliche Kandidaten stellt, etwas Besonderes. Omar kam in den 90ern als Flüchtling aus Somalia in die USA und lebte davor vier Jahre in einem Flüchtlingslager. Sie war schon auf zahlreichen Titelseiten und in einigen TV-Sendungen zu sehen, vielleicht auch bald im Repräsentantenhaus. Dort wäre sie als Muslimin wahrscheinlich nicht allein: In Detroit schickt sich Rashida Tlaib, Tochter palästinensischer Einwanderer, an, die Zwischenwahlen zu gewinnen.

Deb Haaland, Demokratin New Mexico, Repräsentantenhaus Deb Haaland. Bild: PD.

Haaland könnte die erste indigene Frau im Repräsentantenhaus werden. Die 57-Jährige, die dem Laguna-Pueblo-Stamm angehört, war schon Vorsitzende der demokratischen Partei in New Mexico und hat nun gute Chancen, in ihrem progressiven Wahlbezirk gegen den republikanischen Kandidaten zu gewinnen. Sie fordert einen Mindestlohn von 15 Dollar pro Stunde, will die Universitäten kostenfrei machen und befürwortet eine Krankenversicherung für alle. Für die Ureinwohner Amerikas wäre die Wahl von Haaland ein wichtiger Schritt, um mit ihren Interessen in Washington repräsentiert zu werden.

Kyrsten Sinema, Demokratin Arizona, Senat Kyrsten Sinema. Bild: AP.

Die 42-Jährige tritt für jenen Senatssitz an, der durch den Rückzug des republikanischen Senators Jeff Flake frei wird. Sinema war bisher Abgeordnete im Kongress von Arizona und wurde bekannt durch ihren Willen zum Widerspruch - vor allem gegen das eigene Partei-Establishment. Sollte sie gewinnen, wäre es den Demokraten gelungen, einen bislang republikanischen Sitz zu «flippen», also einen Parteiwechsel zu vollziehen. In Umfragen liegt sie hauchdünn vor der Republikanerin Martha McSally. Ihr Sieg wäre auch deshalb historisch, weil sie die erste offen bisexuelle Kandidatin im Senat wäre.

Kristi Noem, Republikanerin South Dakota, Gouverneurin Kristi Noem. Bild: Instagram.

Noem ist auf dem besten Weg, die erste Gouverneurin von South Dakota zu werden. Die 46-Jährige ist eines der wenigen frischen Gesichter bei den Republikanern. Sie setzt sich für die Abschaffung der bundesstaatlichen Besteuerung in South Dakota ein – ein Thema, das vor allem bei der republikanischen Basis gut ankommt. Überraschend jedoch für einen Bundesstaat, der bislang als ultrakonservativ galt: In jüngster Zeit hat der demokratische Kandidat Billie Sutton in den Umfragen deutlich aufgeholt.

Christine Hallquist, Demokratin Vermont, Gouverneurin Christine Hallquist. Bild: AFP.

Es war eine Sensation, als die Transgender-Frau im August die demokratischen Vorwahlen in Vermont gewann. Sollte Hallquist am 6. November die Überraschung wiederholen, wäre sie die erste Transgender-Frau, die in einem US-Bundesstaat Gouverneurin wird. In den Umfragen liegt sie hinter dem Republikaner Phil Scott. Die 62-Jährige hat mit ihrer Kandidatur allerdings schon jetzt Historisches erreicht. Hallquist sagt, der Wahlsieg Trumps habe sie überhaupt erst motiviert anzutreten. Die Trump-Regierung will Transgenderrechte rückgängig machen und hat vor kurzem erklärt, künftig nur noch das von Geburt an biologische Geschlecht anzuerkennen.

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