Wer das Klima retten will, muss Jair Bolsonaro stoppen

Die Abholzung des Regenwaldes hat sich rasant beschleunigt und Brasiliens Präsident schaut zu. Es wäre Zeit für ein unmoralisches Angebot aus Europa.

Er lässt den Regenwald abholzen: Jair Bolsonaro bei einer Wahlveranstaltung in Rio de Janeiro. Foto: Keystone

Er lässt den Regenwald abholzen: Jair Bolsonaro bei einer Wahlveranstaltung in Rio de Janeiro. Foto: Keystone

Im Kampf gegen den Klimawandel kommt es nicht in erster Linie auf Greta Thunberg und all die anderen Aktivistinnen und Aktivisten an. Der Mann, der in dieser Sache den vielleicht grössten Beitrag leisten könnte, ist 64 Jahre alt, sein zweiter Name lautet Messias, und er residiert im Präsidentenpalast von Brasilien. Jair Bolsonaro ist rechtsextrem, er äussert sich verächtlich über Frauen, Schwule und Ausländer. Vor allem aber pflegt er eine Einstellung zur Klimapolitik, die ihn zum möglicherweise wichtigsten Akteur bei der Erderwärmung werden lässt. Denn Bolsonaro regiert seit Januar nicht nur 208 Millionen Brasilianer. Er bestimmt auch über etwa zwei Drittel des Amazonas-Waldes, des mit Abstand grössten Regenwaldes der Erde.

Wer das Klima retten will, der braucht ohne den Amazonas gar nicht erst anzufangen. Der Regenwald bindet gigantische Mengen von Kohlenstoff. Für die Rettung des Weltklimas braucht es mehr Wälder, nicht weniger, das hat kürzlich erst die ETH Zürich nahegelegt. Bolsonaro aber hat sich dem genauen Gegenteil verschrieben. Mit seiner Billigung wird der Amazonas abgeholzt, und zwar so schnell wie seit Jahren nicht mehr. Im Juni etwa wurden 920 Quadratkilometer gerodet. Im Juli waren die Zahlen noch alarmierender, die Steigerungsrate lag bei 200 Prozent.

Bolsonaro regiert nicht nur 208 Millionen Brasilianer. Er bestimmt auch über etwa zwei Drittel des Amazonas-Waldes, des mit Abstand grössten Regenwaldes der Erde.

Möglich ist das, weil Bolsonaro den Umweltschutz in Brasilien praktisch abgeschafft hat. Er hat die Behörden zum Schutz von Natur und Indigenen ebenso entmachtet wie das Umweltministerium – und zwar im Einvernehmen mit der Lobby der Grossbauern und Grossgrundbesitzer. Bolsonaro ist auf sie angewiesen, sie stellen die stärkste Gruppe im Parlament.

Es fehlt eine machtvolle Allianz

Das ganze Ausmass dieser Tragödie wird augenscheinlich, wenn man nachverfolgt, was mit den frisch verbrannten, entwaldeten Flächen passiert. Sie dienen in erster Linie nicht der landwirtschaftlichen Nutzung, sondern der Spekulation. Die Besitzer wetten darauf, dass diese Flächen irgendwann einmal sehr viel Geld wert sein werden, wenn fruchtbares Land anderswo knapp wird.

Journalisten fragten Bolsonaro neulich, ob er so weiterzumachen gedenke. Die Antwort war eindeutig. «Der Amazonas gehört Brasilien», sagte er, «und nicht euch.» In den Worten spiegelt sich nicht nur die nationalistische Grundstimmung dieser Regierung wider, sie führen auch zum Kern des Problems: Gehört der Amazonas wirklich Brasilien? Oder gehört er der Menschheit insgesamt, weil er für das Weltklima eine so zentrale Rolle spielt? Was kann man tun angesichts eines Staatschefs, der Landspekulanten und Waldverbrennern freie Hand lässt?

Mit Sanktionen wird man nicht weit kommen, es fehlen die Rechtsgrund­lage und eine machtvolle Allianz, die sich einig wäre in ihrem Widerstand gegen Bolsonaro. Und auch eine zweite, weichere Variante, von Angela Merkel ins Spiel gebracht, ist problematisch. Die deutsche Kanzlerin sagte kürzlich, das gerade verhandelte Freihandelsabkommen zwischen der EU und dem südamerikanischen Wirtschaftsverbund Mercosur könne ja auch ein Druckmittel sein, um einen Stopp der Abholzung durchzusetzen.

Bestehende Projekte reichen nicht aus

Merkel irrt aus zwei Gründen. Erstens wird sich Brasilien nicht erpressen lassen. Das Land findet andere Handelspartner auf der Welt. China ist jetzt schon extrem präsent in Lateinamerika, und mit dem US-Präsidenten versteht sich Bolsonaro blendend.

Zweitens erzeugt Merkel mit ihrer Aussage auch Widerstand in aufsteigenden Ländern, wo die deutsche Position als arrogant wahrgenommen wird: Eine wohlhabende, westliche Industriemacht, die jahrzehntelang massiv zur Klimaerwärmung beigetragen hat, spielt nun den Moralapostel. In Brasilien löst das aus der Kolonialzeit stammende Reflexe aus. Das stärkt nur Bolsonaro.

Hilfreich wäre indes ein Investitionsprogramm, das tatsächlich den Anreiz setzt, die Brandrodungen zu stoppen. Bestehende Projekte wie der sogenannte Amazonasfonds, den hauptsächlich Norwegen finanziert, reichen dafür nicht aus. Stattdessen müssten alle grossen Industrienationen zusam­menlegen, um Bolsonaro zu beeindrucken. So würden die Staaten der nördlichen Erdhalbkugel übrigens auch etwas von ihrem Wohlstand in den Süden zurückgeben, auf dessen Ausbeutung ihr wirtschaftlicher Vorsprung ja basiert. Diesmal allerdings wäre es ein Geschäft auf Gegenseitigkeit.

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