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«Wir werden von Trump an der Nase herumgeführt. Jeden Tag»

Sie gewinnen Relevanz – und verlieren gleichzeitig Akzeptanz. Über den schwierigen Stand der US-Medien nach einem Jahr Trump.

Der US-Präsident verhöhnt seine Kritiker: Trump vergibt Fake News Medienpreise. Video: Reuters/Tamedia

Weil der Ist-Zustand inzwischen so verstörend normal erscheint, lohnt es sich, daran zu erinnern: Der US-Präsident vergibt nicht nur «Fake-News Awards», sondern sieht sich im «Krieg mit den Medien» – gegängelt von Journalisten, jenen «vielleicht unehrlichsten Menschen auf dieser Erde», die «unser Land nicht mögen». Auf der anderen Seite lautet das neue Motto der «New York Times»: «Die Wahrheit hat eine Stimme.» Und die «Washington Post» warnt bereits länger: «Demokratie stirbt in der Dunkelheit.»

Der Kampf zwischen Licht und Dunkelheit ist also gut ausgeleuchtet – wem welcher Helligkeitsgrad zugeschrieben wird, hängt davon ab, auf welcher politischen Seite der Betrachter steht. 89 Prozent der Demokraten stimmten 2017 in einer Umfrage der Aussage zu, dass Nachrichtenmedien grundsätzlich eine wichtige Kontrollfunktion über die Politik ausüben. Bei den Republikanern fanden das nur noch 42 Prozent – die Zustimmung hatte sich innerhalb eines Jahres fast halbiert.

Während die «Mainstream-Medien» also gesamtgesellschaftlich an Bedeutung verlieren, festigen sie im tendenziell progressiven Lager ihre Reputation als Wahrheitsforscher. CNN landete erstmals seit 1995 wieder unter den zehn meistgesehenen Kabelsendern, «New York Times» und «Washington Post» verzeichneten Auflagenrekorde. Das sind gute Nachrichten für eine Branche, der im Zuge der Digitalisierung weiterhin der ökonomische Kollaps droht. Der Preis dafür ist für einzelne Reporter allerdings oft eine ständige Konfrontation mit Morddrohungen aus der Anhängerschaft des Präsidenten.

Trump liefert alleine mit seinen Tweets und Grenzüberschreitungen genügend Futter für kritische Berichterstattung. Doch unter dem 45. US-Präsidenten sind Lärm und Relevanz nur schwer zu trennen: Eine Analyse des Meinungsforschungsinstituts PEW ergab, dass Journalisten in den ersten Hundert Trump-Tagen bei drei Vierteln ihrer Berichterstattung Führungsstil und Charakter des US-Präsidenten in den Mittelpunkt stellten. Nur jede vierte Geschichte drehte sich um politische Inhalte.

Eine Form von Co-Abhängigkeit

Trump mag es egal sein, was er sagt und wie dies im Verhältnis zu Amt, Wahrheit und früheren Aussagen steht. Er zieht damit Aufmerksamkeit auf sich und verstellt oft den Blick darauf, was seine Regierung tut. «Einerseits sind die Qualitätsmedien wiederbelebt worden», klagte jüngst Dorothy Wickenden vom Magazin «New Yorker». «Andererseits werden wir an der Nase herumgeführt. Jeden Tag.»

Keystone
Donald Trump versicherte am Montag, er wäre «sogar ohne Waffe» in die Schule gerannt, um die Schiesserei zu stoppen, die in Parkland, Florida, 17 Menschen das Leben gekostethat. (26. Februar 2018)
Donald Trump versicherte am Montag, er wäre «sogar ohne Waffe» in die Schule gerannt, um die Schiesserei zu stoppen, die in Parkland, Florida, 17 Menschen das Leben gekostethat. (26. Februar 2018)
Mandel Ngan, AFP
Donald Trump reist nicht zur Eröffnungsfeier der neuen Botschaft in London. (11. Januar 2018)
Donald Trump reist nicht zur Eröffnungsfeier der neuen Botschaft in London. (11. Januar 2018)
Justin Tallis, AFP
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Nancy Gibbs, die ehemalige Chefin des Magazins «Time», beschreibt das Verhältnis zwischen Trump und der Presse als eine Form von «Co-Abhängigkeit»: Beide arbeiten sich aneinander ab und sind doch aneinandergekettet. So findet Trump in den kritischen Medien nicht nur ein Feindbild, sondern eben auch ein Megafon. Und als jemand, der jahrzehntelang die Aufmerksamkeit der New Yorker Presse suchte und erhielt, gehört massenmediale Anerkennung zu den wenigen Dingen, die für ihn wirklich eine Rolle zu spielen scheinen.

Nichts spiegelt die absurde Wechselwirkung um diesen mediengewandten wie womöglich mediensüchtigen US-Präsidenten besser wider als sein Verhältnis zu Fox News. Trump verfolgt vor allem die Morgensendung «Fox and Friends». Jeden Tag. Seine Früh-Tweets beziehen sich oft auf die Beiträge dort – und sie gehören zu einem Kreislauf, der Trumps Weltbild immerfort bestätigt.

Wer programmiert hier wen?

In der Welt von «Fox and Friends» dominieren inhaltlich die vermeintlichen Verwicklungen Hillary Clintons in illegale Geschäfte (immer noch), die diagnostizierte Verdorbenheit der Demokraten und eine angebliche Verschwörung des Deep State gegen den amtierenden Präsidenten. Unterstellt wird eine grossangelegte Intrige der Geheimdienste und Trump-Gegner innerhalb des Regierungsapparats.

Dem US-Präsidenten wiederum werden dort indirekt beste Charakter- und Führungsqualitäten bescheinigt. Fox News serviert dem US-Präsidenten und seinen Anhängern also eine spezielle «Wahrheit»: Sie speist sich aus Trumps Perspektive und seinen Lieblingsthemen, bestätigt seinen Kurs und seine Haltung. Gleichzeitig lenkt der Sender die Aufmerksamkeit des Präsidenten. Etwas überspitzt formuliert, heisst das: Trump ist Fox-News-Programmchef. Und Fox News gestaltet das Programm von Trump.

Der Glaubwürdigkeit im eigenen Lager schadet das nicht: In einer repräsentativen Umfrage der Knight Foundation gaben nur 42 Prozent der Republikaner an, eine objektive Nachrichtenquelle nennen zu können. Diejenigen, die es konnten, meinten in sechs von zehn Fällen: Fox News.

Ideologisierung nimmt zu – auch unter Demokraten

Das progressive Lager hält Fox News und Portale wie «Breitbart» längst für eine gigantische Propaganda-Unternehmung und findet jeden Tag gute Argumente dafür. Doch auch das eigene Selbstbild – das rationale Amerika mit scharfem Urteilsvermögen gegen die irrationalen Ideologen von rechts – hat blinde Flecken. Figuren wie die ehemalige britische Politikerin Louis Mensch oder der amerikanische Politikberater Eric Garland, die jeweils eine grosse Anhängerschaft hinter sich versammelt haben, sind von einer Grossverschwörung zwischen Trump, Wladimir Putin und anderen konservativen Einrichtungen und Persönlichkeiten überzeugt. Jede neue Information gilt ihnen nicht nur als Beweis für ihre Theorie, sondern signalisiert, dass alles noch viel schlimmer ist.

Diese Sehnsucht nach dem Ende der Ära Trump hat ungewöhnliche Veränderungen in der Wahrnehmung zufolge: Einst hatten Dreibuchstaben-Organisationen wie FBI und CIA unter Demokraten einen schlechten Leumund; nun gilt jedes Fitzelchen, das Sicherheitskreise anonym zur Russland-Affäre an «New York Times», CNN und Co. durchstechen, als Heldentat für die Demokratie. Besonders dann, wenn die Information eine Verstrickung des Trump-Teams nahelegt.

Dass Qualitätsmedien ihre Quellen schützen, gehört zum Standard. Die legendären Zeitungsberichte über das Chaos im trumpschen Weissen Haus beruhen auf den Darstellungen Dutzender nicht genannter Zeugen. Doch weil der Leser die Intentionen der Informanten nicht kennen kann, diskutieren Reporter gerade die Grenzen dieser Form der Berichterstattung – auch, weil die fehlende Urheberschaft es Trump-Sprechern ermöglicht, solche Geschichten inzwischen routiniert als Fake-News abzuqualifizieren.

Konservative fassen Fake-News sehr weit

Auch Fehler einzelner Reporter werden Teil dieses Narrativs: Im Dezember berichtete der NBC-Reporter Brian Ross unter Hinweis auf anonyme Quellen, dass Trump seinen Sicherheitsberater Michael Flynn vor der Wahl 2016 angewiesen habe, Kontakt zu Russland herzustellen. Dies wäre ein starkes Indiz dafür gewesen, dass Trump bereits als Kandidat – und damit unerlaubterweise – eine Zusammenarbeit mit dem Kreml anstrebte. Der Aktienindex Dow Jones brach daraufhin ein, zahlreiche andere Medien griffen die Meldung auf.

Allein, die Information entpuppte sich wenig später als falsch, Trumps Anweisung erfolgte nach der Wahl. Ross wurde für vier Wochen suspendiert. Seitdem ruft die politische Rechte bei allen neuen anonymen Enthüllungen: «Fake-News! Wie bei Brian Ross!» Die Fehlerliste der Medien, die Trump am Mittwoch veröffentlichte, dient genau jenem Zweck.

Der inflationäre Gebrauch des jungen Kampfbegriffs «Fake-News», der ursprünglich auf erfundene Pro-Trump-Meldungen bei Facebook gemünzt war, zeigt bereits nach zwölf Monaten Wirkung. Fake-News ist zum dehnbaren Label geworden: Was nicht beliebt, wird flugs zu Fake-News erklärt. Vier von zehn Republikanern sind der Meinung, dass für sie auch faktisch korrekte Nachrichten Fake-News sind, sofern sie einen Politiker oder eine politische Gruppe in schlechtem Licht erscheinen lassen.

Kein Vertrauen, nirgends

Dahinter steckt eine Kritik an medialer Berichterstattung, die inzwischen auch immer mehr Amerikaner explizit äussern. 66 Prozent der befragten US-Bürger geben in der oben zitierten Knight-Umfrage an, dass die meisten Nachrichtenmedien Fakten nicht ausreichend von Meinungen trennen, also letztlich die Wahrnehmung des Publikums beeinflussen wollen, statt Tatsachen zu präsentieren. 1984 waren noch 58 Prozent der Meinung, dass die Medien hier korrekt arbeiteten. Journalisten, so offenbar der Eindruck, schieben ihren Lesern und Zuschauern immer stärker ihre eigene Weltanschauung unter.

Wer auf die jüngere Generation blickt, erkennt sogar eine noch radikalere Haltung: In einer neuen, repräsentativen Umfrage von PBS und NPR erklären 71 Prozent der amerikanischen Erwachsenen unter 29 Jahren, ihrer bevorzugten Medienmarke mehr zu vertrauen als Donald Trump. Doch genau 71 Prozent in dieser Altersgruppe geben ebenfalls an, nur wenig oder gar kein Grundvertrauen in die Medien zu besitzen. Dies ist kein Widerspruch, sondern signalisiert das Bedürfnis, statt Institutionen der eigenen Intuition zu vertrauen.

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