Zu schön für die Verbrecherwelt

Stephen Murphy wird von der Polizei gesucht. Weil ihm sein Fahndungsbild nicht gefällt, schickt er der Polizei ein Selfie.

Dieser eitle Geck wird wegen Sachbeschädigung gesucht. Foto: PD

Dieser eitle Geck wird wegen Sachbeschädigung gesucht. Foto: PD

Michèle Binswanger@mbinswanger

Er arbeitet bei der Firma «Ich arbeite nicht, ich bin ein Boss». So jedenfalls umreisst Stephen Murphy seine berufliche Tätigkeit auf Facebook. Allerdings ist der durchtrainierte und schwer tätowierte Mann um sein professionelles Aussehen besorgt, denn er ergattert ab und zu einen Model-Job. Und arbeitet durchaus auch – an seiner Reputation. So jedenfalls ist die Posse zu erklären, die sich Murphy seit vergangener Woche mit der Polizei liefert. Denn Anfang Juli hätte der Mann, der in einer Schönheitskonkurrenz sogar einmal den Mr. Boston gewann, vor Gericht erscheinen müssen – wegen Sachbeschädigung. Da er nicht aufkreuzte, liess ihn die Polizei der Grafschaft Lincolnshire zur Fahndung ausschreiben und veröffentlichte dazu einen klassischen Mug-Shot (Fahndungsbild), auf dem ein etwas derangiert dreinblickender Mr. Boston zu sehen ist. Doch dieses Bild entspricht offensichtlich nicht dem Selbstbild des eitlen Mr. Boston, der sich gern mit Ex-Fussballstar David Beckham vergleicht und auf Facebook darüber abstimmen lässt, ob er der bestaussehende Mann in der Stadt sei oder nicht. (Seine Fans sind mit einer knappen Mehrheit dieser Meinung.)

«Ich herrsche über diese Stadt»

Nachdem die Lokalzeitung über seinen Fall berichtet hatte, meldete sich Murphy in einem Kommentar auf der Website der Zeitung, der offensichtlich an die Polizei adressiert ist: «Und wenn ihr es schafft, meinen Namen richtig zu schreiben und nicht das allerschlimmste Bild von mir veröffentlicht, das aufgenommen wurde, nachdem ich seit drei Tagen nicht mehr geschlafen hatte, weil ich auf der Polizeistation war, dann schafft ihr es vielleicht auch, mich zu finden. Postet doch dieses Bild, das ist auch für euch besser.» Dazu postete Murphy ein Selfie von sich, das ihm offensichtlich besser gefällt, und kommentierte weiter: «Catch me, if you can (erwischt mich, wenn ihr es schafft).»

Seither führt der ehemalige Mr. Boston eine Art öffentliche Fehde mit der Polizei. So schrieb er auf Facebook: «Ich sage, wann ich mich stelle. Ich herrsche über diese Stadt, nicht ihr.» Dazu postete er weitere Bilder von sich, auf einem hat er die Brust mit Banknoten bedeckt. Immer wieder fotografiert er auch Polizeiwagen und postet die Bilder mit Herzchen und Feuer-Emojis, beschriftet sie mit «Best friends» oder «Ich weiss, wo ihr wohnt».

Er ist nicht der Erste

Der Polizei sind diese Spielchen natürlich nicht entgangen, doch sie gibt sich reserviert: «Die Einträge dieser Person auf verschiedenen Social-Media-Seiten, die sich als der gesuchte Stephen Murphy bezeichnet, sind uns wohl bewusst», antwortete die Polizei. «Falls Mr. Murphy sich zu stellen wünscht und auf dem Polizeiposten in Boston auftauchen möchte, sind wir mehr als happy, mit ihm zu sprechen.» Derweil postet Murphy fleissig weitere Glamourfotos von sich – oder was er dafür hält.

Murphy ist nicht der erste Verbrecher, der seinen Mug-Shot nachträglich aufbessern will. Im Jahr 2016 schickte ein Mr. Pugh, den man wegen Trunkenheit am Steuer suchte, der Polizei in Ohio ebenfalls ein Selfie, weil ihm sein Fahndungsfoto nicht gefiel. Die Polizei veröffentlichte die Geschichte, sie wurde tausendfach geteilt. Schliesslich konnte der Mann in Florida verhaftet werden.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt