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Zwischen Rassismus und Hysterie

Während in Europa alte Ressentiments wieder aufbrechen, spaltet das Coronavirus Gesellschaften, die schon vorher mit ethnischen Spannungen zu kämpfen hatten.

Unter Generalverdacht: Indonesische Staatsbürger, ausgeflogen aus Wuhan, werden bei ihrer Ankunft auf Batam mit einem Antiseptikum besprüht. (Keystone/Indonesian Foreign Ministry)
Unter Generalverdacht: Indonesische Staatsbürger, ausgeflogen aus Wuhan, werden bei ihrer Ankunft auf Batam mit einem Antiseptikum besprüht. (Keystone/Indonesian Foreign Ministry)

Frankreich ist nicht nur das Land, in dem die ersten Fälle des Coronavirus in Europa festgestellt wurden, sondern auch das Land, in dem zuerst eine anti-asiatische Hysterie mit rassistischen Zügen spürbar wurde.

Der krasseste Fall dieser Stimmungsmache betrifft die Regionalzeitung «Courrier Picard». Das Blatt druckte Ende Januar ein Foto einer asiatisch aussehenden Frau auf seine Titelseite und schrieb dazu: «Gelber Alarm». Ein weiterer Text war mit «Die gelbe Gefahr?» überschrieben. Eine Diffamierung, die auf die Kolonialzeit zurückgeht. Im ausgehenden 19. Jahrhundert wurden insbesondere Menschen aus China mit diesem Begriff abgewertet.

Die Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus (hier geht es zum Newsticker) führt nun dazu, dass einerseits Menschen, die von ihrer Umwelt als Asiaten eingeordnet werden, unter den Generalverdacht gestellt werden, infiziert zu sein. Zum anderen werden alte rassistische Stereotype neu verbreitet. In vielen westlichen Staaten sind Staatsbürger von diesen Angriffen ebenso betroffen wie dort lebende Asiaten oder Touristen.

Unter dem Hashtag «JeNeSuisPasUnVirus», «Ich bin kein Virus», berichten in Frankreich Betroffene auf Twitter davon, wie sie aus Regionalzügen gedrängt wurden, wie sich umstehende in ihrer Gegenwart sofort einen Schal vor den Mund ziehen, wie Menschen ihre Kinder «vor Chinesen» warnen. Die «JeNeSuisPasUnVirus»-Bewegung wurde von einer anonymen Twitternutzerin lanciert, die in einer längeren Botschaft den anti-asiatischen Rassismus beschreibt, den sie erlebt. Sie fragt unter anderem, ob man daran erinnern müsse, dass «Asien ein Kontinent ist und kein Land».

«Sind hier alle Chinesen krank?»

Der Hashtag wird inzwischen auch in Deutschland genutzt, so von dem Betreiber eines asiatischen Supermarktes in Köln. Yen Souw Tain, Chef des Heng Long Marktes, der auf aus Asien importierte Lebensmittel spezialisiert ist, berichtete auf Facebook und später auch in lokalen Medien, wie eine Frau ihre Tochter vor Betreten des Ladens aufforderte, sich einen Schal vors Gesicht zu ziehen. Die Tochter habe daraufhin gefragt, ob «hier alle Chinesen» krank seien.

Bereits der Verdacht, dass das Virus seinen Ursprung in einem Wildtiermarkt in Wuhan genommen haben könnte, hat im Netz zu vielen rassistischenAngriffen geführt. Das Video einer Bloggerin aus China, in dem sie eine Suppe mit einer gekochten Fledermaus ass, war zuletzt vielfach im Netz geteilt worden. Die Aufnahme war, wie sich schliesslich herausstellte, drei Jahre alt und in Palau aufgenommen worden, einem Inselstaat im Pazifischen Ozean.

Chinas Aufstieg zu einer Wirtschafts- und Militärmacht hat in den vergangenen Jahren auch besonders bei den asiatischen Nachbarstaaten neues Misstrauen geschürt. In vielen Ländern und Regionen in Asien gibt es auch seit Langem Unmut über die Masse der Touristen aus China. Sie werden häufig als «schmutzig» oder laut diffamiert. Das dürfte mit ein Grund dafür sein, warum die Stimmung in den vergangenen Wochen so schnell so aggressiv gegenüber vielen Festlandchinesen geworden ist.

Der «chinesische Virus»

Viele sprechen in der Region vom «chinesischen Virus». In Hongkong, Südkorea und Vietnam hängten Menschen in Restaurants Schilder mit dem Hinweis «keine Chinesen» auf. In Japan war der Hashtag «ChineseDon’tComeToJapan» in den sozialen Medien populär. Dabei scheinen die Grenzen zwischen Rassismus und einer regelrechten Virushysterie fliessend. Vielerorts fordert vor allem die Bevölkerung strengere Einreisebestimmungen für Menschen aus China und heimische Rückkehrer einzuführen. Auch befeuert durch vermeintlich neue Ansteckungswege und andere Gerüchte im Netz.

Japan verweigert Personen, die in den vergangenen beiden Wochen in der chinesischen Provinz Hubei waren, inzwischen die Einreise. Singapur untersagt Reisenden, die sich in jüngster Zeit in China aufgehalten haben, den Eintritt ins Land komplett. Visa für Chinesen würden nicht mehr erteilt, erklärte das Gesundheitsministerium. Auch die Mongolei reagierte mit deutlichen Massnahmen. Sie schliesst bis März ihre Grenze zu China.

In der chinesischen Sonderverwaltungszone Hongkong, in der es seit mehr als acht Monaten Proteste gegen die chinesische Regierung gibt, droht ein Teil des medizinischen Personals mit Streik, wenn nicht alle Grenzen geschlossen würden. Schon während der Demonstrationen im vergangenen Jahr wurden immer wieder Geschäfte aus Festlandchina verwüstet und Menschen angegriffen, die Mandarin gesprochen hatten.

Bei Protesten Ende Januar zündeten radikale Demonstranten nun ein neu gebautes Gebäude an, das potenziell als Quarantänestation für erkrankte Menschen hätte dienen sollen. Die Menschen warfen der Regierung vor, dort heimlich die Unterbringung von Festlandchinesen zu planen.

Neidreflexe und erhöhte Spannungen

In den Vielvölkerstaaten Indonesien und Malaysia sind einheimische chinesische Minderheiten seit langer Zeit latentem oder offenem Rassismus ausgesetzt. Weil sie oft wohlhabend oder ökonomisch erfolgreich sind, lösen sie vielerorts Neidreflexe aus oder müssen als Sündenböcke für Missstände herhalten, die sie gar nicht zu verantworten haben. In diesem Klima des Misstrauens gedeihen jetzt auch die unsinnigsten Verschwörungstheorien rund um das Virus. Berichtet wurde etwa über Warnungen in Chatgroups, dass sich der Erreger von China aus via Server über die Lautsprecher chinesischer Xiaomi-Telefone verbreiten könne.

Indonesische Gesundheitsexperten mussten darüber aufklären, dass in China produzierte Produkte und Textilien das Virus nicht übertragen können, um entsprechende Gerüchte in sozialen Medien zu kontern. Bis Samstag hatte Indonesien noch keinen einzigen bestätigten Fall einer Coronavirus-Infektion, doch anti-chinesische Reflexe waren schon Tage zuvor auf den Strassen zu sehen: In Padang hielten Demonstranten Mitte der Woche ein Banner hoch mit den Worten: «Wir, die Gemeinden von Westsumatra, weisen die Besuche chinesischer Touristen zurück».

Video: Alles zum Ausbruch des Coronavirus

Aktuelle Meldungen, Entwicklungen und Zahlen: Die wichtigsten Informationen. (Video: Tamedia)

In Malaysia, einem jener Länder, deren Gesundheitsapparat nachweislich gut gewappnet ist, um auf derartige Infektionen zu reagieren, schürt das Virus dennoch das Misstrauen unter den Volksgruppen. Chinesen und Malaien beschuldigen sich gegenseitig, durch Gerüchte oder Falschinformationen Spannungen zu verursachen. Ein hoher Regierungsbeamter aus Johor klagte darüber, wie jetzt geschmacklose Memes das Internet fluteten, um eine bestimmte Gruppe schlechtzumachen. Ein Nutzer auf Twitter fand es lustig, wie er nun überall versuche, sich von Chinesen fernzuhalten, weil er die einheimischen von den reisenden Chinesen nicht unterscheiden könne.

So spaltet das Virus Gesellschaften, die schon vorher mit ethnischen Spannungen zu kämpfen hatten. Eine junge Malaysierin mit chinesischen Wurzeln, die ihren Namen nicht genannt wissen will, sagt zu den Ressentiments: «Diejenigen, die schon immer Vorurteile gegen die andere Ethnie hatten, schieben jetzt das Virus vor, um den Graben noch zu vertiefen.» Sie beobachtet, dass diese Reflexe in der älteren Generation weitaus ausgeprägter sind als bei jungen Leuten. «Mich regt das auf, ich habe indische und malaysische Freunde, uns nerven die ethnischen Streitigkeiten und Stereotype, wir kommen bestens ohne sie aus.»

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