Als ob nichts gewesen wäre

2012 vergewaltigten in Indien sechs Männer eine 23-Jährige. Sie starb an den Folgen. Der Fall wühlte das Land auf. Vier der Männer droht nun der Galgen. Doch die Situation hat sich kaum verbessert.

Asha Devi, die Mutter der vergewaltigten und gefolterten jungen Frau, spricht nach einer Gerichtsverhandlung in Delhi zu den Medien. Foto: Getty

Asha Devi, die Mutter der vergewaltigten und gefolterten jungen Frau, spricht nach einer Gerichtsverhandlung in Delhi zu den Medien. Foto: Getty

Arne Perras@tagesanzeiger

Asha Devi sitzt aufrecht vor der Kamera des indischen Senders NDTV, das Haar streng nach hinten gebunden, einen grau karierten Schal um die Schultern geworfen. Sie wird gleich sprechen, die Nation erwartet ein paar Worte von ihr. Man kann sehen, wie schwer es immer noch ist für sie – für sie, die eine Tochter verloren hat. «Ich habe sieben Jahre lang gekämpft», sagte sie am 8. Januar in Delhi. «Ich habe sieben Jahre lang Blut geweint.» Sie sehnt sich nach Gerechtigkeit, aber wann das Urteil gegen die Mörder ihrer Tochter vollstreckt wird, weiss sie noch immer nicht.

Im Dezember 2012 verloren Asha Devi und Badri Singh ihre Tochter Jyoti. Der Fall der 23-jährigen Physiotherapeutin hatte das Land damals aufgewühlt wie kaum ein anderes Gewaltverbrechen. Die Tochter war auf einer nächtlichen Fahrt am 16. Dezember in einem Bus von sechs Männern vergewaltigt und stundenlang auf schlimmste Weise gefoltert worden. Die Ärzte konnten sie nicht retten. Sie starb am Morgen des 23. Dezember. Weil es indisches Recht verbietet, die Namen von Vergewaltigungsopfern öffentlich zu nennen, gaben die Medien der Frau den Namen Nirbhaya – «die Furchtlose».

Hinrichtung verschoben

Nach sieben Jahren naht nun die Hinrichtung der Täter. Sie wäre auf heute Samstag vorgesehen gewesen, doch das Gericht hat das Datum verschoben. Die Richter müssen noch über mindestens eine, womöglich zwei Petitionen der Verurteilten befinden. Sobald darüber entschieden ist, muss der Staat in der Regel eine Frist von zwei Wochen einhalten, bis eine Hinrichtung vollzogen werden kann.

Per Telefon ist Ranjana Ku­mari zu erreichen, prominente Frauenrechtlerin in Delhi und Direktorin des Centre for Social Research. Ihre Organisation betreut die Familie des Opfers, ­Kumari ist der trauernden Mutter in all den Jahren recht nahe gekommen. Und sie erlebt jeden Tag, wie schwierig es ist, wenn sich ein Verfahren so lange hinzieht. «Diese Familie braucht sehr dringend einen Abschluss», sagt sie, sonst werde es für sie ganz schwer, wieder in ihr Leben zu finden. «Die Frustration ist enorm», die Mutter breche immer wieder zusammen.

Kurz bevor die Justiz einen ersten Termin zur Hinrichtung angesetzt hatte, war es im Gerichtssaal zu einer unerwarteten Begegnung gekommen. Asha Devi, Mutter des Opfers, sah plötzlich die Mutter des Täters Mukesh Singh auf sich zukommen. Die Frau bat um das Leben ihres Sohnes, die Mutter Nirbha­yas möge ihm verzeihen. Aber Asha Devi erwiderte: «Wie soll ich vergessen, was meiner Tochter geschehen ist?» Und etwas später sagte sie vor der Kamera von NDTV: «Es hat mich nicht mehr getroffen, dass jemand um Gnade bat. Ich habe sieben Jahre geweint, und nun bin ich wie ein Stein. Ich fühle nichts.»

Der Vater des Opfers, Badri Singh, ersehnt eine baldige Bestrafung der Täter. Ob sie ihm helfen wird, wieder in sein Leben zu finden? Er weiss es nicht, denkt aber, dass die Vollstreckung auch eine Botschaft an die ganze Gesellschaft sein wird: «dass niemand mit einem so schlimmen Verbrechen davonkommt».

Die Frauenrechtlerin Ranjana Kumari sagt, dass die allgemeine Bevölkerung in diesem Fall sehr stark zur Todesstrafe neige. Es gab grossen Zorn, als der Jüngste der Verdächtigen als 17-Jähriger nach Jugendstrafrecht verurteilt wurde und schon nach drei Jahren freikam. Angeblich lebt er nun unter neuem ­Namen im Süden Indiens, wo er eine Ausbildung als Koch durchlaufen haben soll. Das Gesetz wurde inzwischen geändert, nun gilt das Recht der Erwachsenen bei schwerer Gewalt schon ab 16. Es gab auch noch einen sechsten mutmasslichen Täter, doch der starb während des Prozesses im Gefängnis, die Untersuchungen ergaben, dass er sich selbst getötet haben soll.

So sehr die Gesellschaft darauf drängt, dass die vier verbliebenen und verurteilten Täter an den Galgen kommen – Aktivistin Kumari glaubt nicht, dass die Todesstrafe eine abschreckende Wirkung entfaltet. «Wenn nun vier Männer gehängt werden, wird das die Zahl der Vergewaltigungen nicht mindern», sagt sie.

Die Gewalt setzt sich fort

Hat Indien dennoch gelernt aus dem Fall, der sieben Jahre ­zurückliegt? Kumari zeichnet ein eher düsteres Bild, sie könne nicht erkennen, dass sich sehr viel zum Besseren verändert habe. Für die Polizei sei die Verhinderung von Gewalt gegen Frauen weiterhin keine Priorität. «Und die Justiz lässt unsere Frauen noch immer im Stich.» Das zeige schon der Berg von etwa 117'000 laufenden Verfahren um Fälle sexueller Gewalt, die der Justizapparat kaum bewältigen kann. «Diese Verfahren laufen neun, zehn oder zwölf Jahre.» Für Opfer und Angehörige bedeutet das lange Qualen.

Dass die Polizei in Hyderabad vor wenigen Wochen mehrere mutmassliche Vergewaltiger einfach erschossen hat, nur um den öffentlichen Zorn zu besänftigen, sei auch nicht der richtige Weg. «Wir sehen keinen politischen Willen, Frauen zu schützen», so Kumari. «Und wir müssten viel stärker bei der Erziehung ansetzen.» Indiens patriarchalische Gesellschaft will sich nicht verändern. «Das zeigt sich im männlichen Anspruch, mit Frauen­körpern machen zu können, was man will.»

Nur eines sieht Kumari als deutlichen Fortschritt seit den Qualen Nirbhayas: Das Stigma verblasse, Frauen wagten es, ihr Schweigen zu brechen; das Bewusstsein für Vergewaltigungen und Verbrechen an Frauen sei in Indien generell gewachsen. Es kämen mehr Verbrechen zur Anzeige, es gebe breitere Proteste. Trotzdem setzt sich die Gewalt fort. «Wir kümmern uns gerade um einen neuen Fall in Nagpur», sagt Kumari. Ein 19-jähriges Mädchen, ein Verdächtiger. Und wieder ein Eisenrohr. «Das erinnert sehr an Nirbhaya.» Aber im aktu­ellen Fall lebt die junge Frau.

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