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Australien in Rauch gehüllt

Temperaturen und Buschfeuer erreichen ungekannte Ausmasse, die Wut der Bürger steigt. Doch Premier Scott Morrison empfindet die Situation als «normal».

Rund um die Millionenmetropole Sydney wüten schwere Buschbrände. (Video: Tamedia)

Etwa 30'000 Quadratkilometer verbrannte Erde, eine Fläche fast so gross wie die Schweiz. Mehr als 700 zerstörte Wohnhäuser, sechs Tote sowie aktuell über 150 lodernde Brände, zum Teil völlig ausser Kontrolle: Die bisherige ­Bilanz des australischen ­Sommers ist schon jetzt verheerend – und sie wird sich weiter verschärfen. Denn seit Anfang der Woche ächzt der gesamte Kontinent unter einer erneuten Hitzewelle.

Der Dienstag war mit einer durchschnittlichen Landestemperatur von 40,9 Grad der heisseste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, in dem Outback-Örtchen Oodnadatta wurden sogar 48 Grad gemessen. Bereits im November ging das Jahr 2019 als das zweitheisseste in die Geschichte ein, auf riesigen Landstrichen hat es seit Monaten nicht geregnet. Katastrophale Voraussetzungen also – die ausgedörrte Vegetation droht beim kleinsten Funken in Flammen aufzugehen, die sich rasend über Buschland, Farmen, Eukalyptuswälder und Wohngebiete ausbreiten.

«Beispiellos» – so nennen Experten die Situation. In Queens­land zerstörten Feuersbrünste eigentlich als unbrennbar geltende subtropische Regenwälder und kamen gefährlich nahe an Urlaubsparadiese heran. Derzeit schlagen unter anderem in den Blue Mountains und am Gospers Mountain nordwestlich von Sydney im Bundesstaat New South Wales 70 Meter hohe Flammen in den Himmel. Sie zerstörten mittlerweile fast 800'000 Hek­taren Wälder, töteten unzählige Tiere und traumatisierten Dutzende von Familien.

Nur «Gedanken und Gebete»

Die Folge: Rettungsdienste müssen über 20 Prozent mehr Patienten wegen Atembeschwerden in Spitäler einweisen als an normalen Tagen. Und: Erstmals ­gingen vergangene Woche in Sydney mehrere Tausend Menschen auf die Strassen, um gegen das Nichtstun ihrer Regierung zu protestieren.

Tatsächlich scheinen den neokonservativen Premierminister Scott Morrison und sein Kabinett die Brände nicht gross zu beeindrucken. Bereits im Oktober lehnte er das Gesprächsangebot einer Gruppe von über 20 ehemaligen Feuerwehrchefs und Nothilfe-Experten ab. Sie hatten ihn angesichts des «schlimmsten Septembers aller Zeiten» aufgefordert, gemeinsam einen Notfallplan zu entwickeln, doch erhielten bis heute keine Antwort.

In Queens­land zerstörten Feuersbrünste als unbrennbar geltende subtropische Regenwälder.

Stattdessen schickt Morrison, strenggläubiger Anhänger einer Pfingstgemeinde, «Gedanken und Gebete» an Feueropfer und Brandbekämpfer und spielt die Dramatik der Lage als «normal» herunter – obwohl der Leiter des staatlichen Forschungszentrums für Brände und Naturgefahren, Richard Thornton, warnt, dass das Brandrisiko inzwischen fast im gesamten Land «unnormal hoch» sei.

Für die Australier ist all das nichts Neues: Seit je bestreitet ihr im Mai 2019 mit 51,5 Prozent gewählter Regierungschef den menschgemachten ­Klimawandel, nicht wenige seiner Anhänger stimmen seinem antiwissenschaftlichen Weltbild zu. Morrisons Regierung fördert weiterhin massiv den Kohle­abbau und -export, was den Australiern neben ihrem energie­intensiven Lebensstil den Titel der stärksten CO2-Emittenten weltweit einbringt.

Beim «Climate Change Performance Index» wiederum – einer Vergleichsstudie der ­Klimapolitik von 57 Ländern – belegt Australien den miesen 6. Platz, die Regierung agiere international als «regressive Macht», kritisieren die Autoren. Tatsächlich ­kämpfte die australische ­Delegation beim UNO-Klima­gipfel in Madrid so vehement wie erfolgreich gegen strengere Vorgaben zum CO2, Hand in Hand mit den USA und Brasilien.

Klimagipfel war kein Thema

In Australien war der Klima­gipfel kaum Thema, weder unter den Leuten noch in den Medien, die in weiten Teilen dem neokonservativen Unternehmer Rupert Murdoch gehören, der voll auf Morrisons Seite steht. Und das, obwohl die Menschen selbst da, wo es nicht brennt, den beissenden Rauch zu spüren bekommen.

Der Wind weht ­apokalyptische dunkle Wolken Richtung Küste und über den Pazifik sogar bis nach Neukaledonien und Neuseeland. In Sydney – aber nicht nur da – nebeln Aschepartikel ganze Stadtteile ein. Die Luft­belastung in Australiens grösster Stadt erreichte vergangene Woche Werte, die der Schadstoffmenge von 30 Zigaretten pro Tag entsprechen. Gleichwohl steigt in vielen Familien die Einsicht, dass die Brände vielleicht doch mit der Klimaerwärmung zusammenhängen. Und dass ihr Premier sie im Stich lässt.

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