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Der Schicksalsort Indiens

Radikale Hindus zerstörten 1992 die Babri-Moschee der Muslime in Ayodhya. Seitdem streiten sie darum, wem dieser Ort gehört. Nun hat das oberste Gericht Indiens entschieden.

Die Babri-Moschee wurde im Dezember 1992 zerstört. Foto: Picture-Alliance
Die Babri-Moschee wurde im Dezember 1992 zerstört. Foto: Picture-Alliance

Fahles Licht fällt in die Säulenhalle, aus dem ersten Stock dringt Klappern. Oben essen die Sadhus, heilige Männer mit langen Bärten, ihre mageren Körper in weisse Tücher gehüllt. Unten sitzt, gegen eine Säule gelehnt, der oberste Priester des Tempels, Nritya Gopal Das. Er hält Audienz.

Der 80-jährige Oberpriester bewegt sich kaum, nur manchmal spielen die Finger am Schal mit der Aufschrift: «Es lebe Ram.» Diesem wichtigsten Hindugott hat der Sadhu sein Leben verschrieben. Ihm und dem Bau eines umstrittenen Tempels. Jetzt hat das oberste Gericht Indiens den Weg dafür frei gemacht. Laut Urteil vom 9. November 2019 dürfen Hindus in Ayodhya eine Gebetsstätte für Ram errichten (lesen Sie hier mehr über das Urteil des Obersten Gerichts zum jahrzehntelangen Streit). Genau an der Stelle also, wo religiöse Fanatiker im Jahr 1992 die Babri-Moschee aus dem 16. Jahrhundert zerstörten.

Auf dem Spiel steht der innere Frieden eines Landes, in dem religiöse Spannungen zwischen Hindus und Muslimen eine lange Geschichte haben.

Die Tat wurde zum Symbol eines zersetzenden Fanatismus. Die Wunden heilten nicht. Nun haben die Richter Recht in einem der grössten Streitfälle Indiens gesprochen, die Frage ist nur: Schafft das Urteil Gerechtigkeit? Es steht viel auf dem Spiel, vor allem der innere Frieden eines Landes, in dem religiöse Spannungen zwischen Hindus und Muslimen eine lange Geschichte haben.

Ayodhya, Indiens Schicksalsort. Der Streit um Tempel und Moschee schwelt schon mehr als ein Jahrhundert. Als er 1992 eskalierte, brachen in vielen indischen Städten Unruhen aus. 2000 Menschen starben. Droht jetzt wieder Gewalt? Nritya Gopal Das, der Geistliche im Tempel Badi Chhwani, will von einer solchen Gefahr nichts wissen. Das Urteil habe einen langen Streit zu einem hervorragenden Ende geführt, sagt er.

Es gibt nichts zu teilen

Wäre es nicht ein Zeichen der Versöhnung gewesen, das Land zu teilen? Moschee und Tempel nebeneinander zu errichten? «Unmöglich», sagt der Sadhu. Wo dort doch Ram geboren wurde, die siebte Inkarnation Vishnus. Da gebe es nichts zu teilen, sagt der Sadhu. Da müssten die Muslime weichen. Kein anderer Weg. Nicht für ihn, der den Tempel schon so lange fordert. Er hat nur noch ein Ziel vor Augen: «Gott treffen». Dann sei alles gut.

Wer aus dem Tempel ins Freie tritt, läuft durch die Gassen einer hochgerüsteten Stadt. Der Staat hat Ayodhya seit den Unruhen 1992 stark gesichert, jetzt gleicht der Pilgerort einer Festung. Strassensperren, Bodychecks, Polizeipatrouillen. Jeder Streit, jeder Tumult soll verhindert werden. Doch nirgendwo sind so viele Sicherheitskräfte aufmarschiert wie rund um das Haus von Iqbal Ansari. Ob sie den Mann in der weissen Kurta und der Nehru-Jacke beschützen, überwachen oder beides, ist schwer zu sagen. Der 53-jährige Mechaniker ist für die Interessen der Muslime vor Gericht gezogen. Er setzt fort, was sein Vater Hashim begonnen hatte.

Eine Statue zu Ehren des Hindugottes Ram in Ayodhya. Ihm zu Ehren soll hier ein Tempel entstehen. Foto: Danish Siddiqui (Reuters)
Eine Statue zu Ehren des Hindugottes Ram in Ayodhya. Ihm zu Ehren soll hier ein Tempel entstehen. Foto: Danish Siddiqui (Reuters)

Der Vater versuchte schon 1949, die Moschee auf der Kuppe von Ayodhya gerichtlich schützen zu lassen. Damals haben Hindus eine Ram-Statue im Inneren der Moschee platziert. Danach war die Moschee für Muslime geschlossen, sie konnten nicht mehr zu Allah beten. Der Vater kämpfte siebzig Jahre lang für den Anspruch der Muslime, auch nach der Zerstörung der Moschee. Er starb mit 99 Jahren. Sein Sohn Iqbal Ansari übernahm.

Man ist an diesem Nachmittag zum Gespräch verabredet, aber ein Polizeioffizier kommt angelaufen und sagt, das Interview sei verboten. «Sicherheit», sagt er, als würde das alles erklären. Also bleibt nur die Fahrt zum Distriktrichter, um Beschwerde einzulegen. Ein Journalist will Iqbal Ansari interviewen, die Polizei lässt ihn nicht. Die Sache sei klar, sagt der Richter. Es gebe keinen Grund, das Gespräch zu verbieten. Was in Ayodhya geschah, sei überwunden.

Fahrt zurück zu Iqbal Ansari. In einem Zimmer werden Plastikstühle gerückt. Ansari setzt sich vor die Wand, rechts von ihm steht ein Mann in kariertem Hemd, er war auch vorhin schon da. Der Mann stellt sich nicht vor, was nahelegt, dass er zum Geheimdienst gehört. Links von Ansari nimmt der Polizeioffizier Platz, um ihn sechs Männer in Uniform, die auf Ansari starren. Man erklärt, dass man alleine sprechen möchte, der Polizeioffizier bleibt hart: «Interview genehmigt. Aber nur unter Aufsicht.» Das sei zwingend, um Sicherheit zu garantieren. Als das Gespräch beginnt, sagt Ansari nur kurze Sätze. «Ich akzeptiere das Urteil», oder: «Ich bin zufrieden.» Das Gericht habe entschieden.

Schon wenige Stunden nach dem Urteil meldeten indische Zeitungen: 90 Festnahmen wegen angeblich hetzerischer Kommentare in sozialen Medien. Die Cyber-Polizei spricht von Posts, die das Klima vergiften wollten, 8275 Kommentare, auf Facebook, Twitter, Youtube. Man kann sie jetzt nicht mehr sehen. Provider müssen sie löschen, wenn der Staat das anordnet.

Keine Chance zu hören, was Ansari denkt, wie er sich fühlt. Später sagt er, dass er keine Petition einreichen wolle, um das Urteil der obersten Richter überprüfen zu lassen. Diese Möglichkeit bietet die Verfassung. Eine der muslimischen Vereinigungen kündigt an, das auch zu tun. Sie sehen Fehler und Widersprüche im Urteil und wollen das offiziell dokumentieren.

Am Urteil selbst dürfte das nichts ändern. Ansari wirkt müde. Er setzt sich draussen auf das Bänkchen, zwischen grüne Türen, und blickt auf die Ziegen, die gegenüber im Müll stöbern. Er will an diesem Tag nicht mehr über früher sprechen, als der Mob die Moschee stürmte. Die Stimmung 1992 war so aufgeheizt, dass viele Muslime aus Angst die Stadt verlassen hatten. Und am 6. Dezember war die Babri-Moschee nicht mehr zu retten.

Pramod Maurya kann davon erzählen. Er war dabei. 45 Jahre alt, kräftig gebaut, kurzes Haar, Brille. Er trägt einen safranfarbenen Schal und scheut sich nicht, von den Stunden des Sturms zu erzählen. Er ist stolz. Damals trugen sie alle orange Stirnbänder, sagt er, als Zeichen der Bewegung.

Der Sturm auf die Moschee

Der 6. Dezember 1992. Am Morgen stand die Babri-Moschee noch. Ein Bauwerk aus dem Jahr 1528, drei Kuppeln. Ein halbes Jahrtausend hatte es der Natur getrotzt, den Erdbeben. Aber dem Sturm der Hindufanatiker hatte die Moschee nichts entgegenzusetzen. Der Staat auch nicht. Mit Pickeln, Schaufeln und Stöcken rückten sie an, stürmten den Hügel. Maurya erzählt, wie sie Räuberleitern machten an jenem Tag, damit die Kameraden auf die Mauern kamen. Es dauerte nur wenige Stunden, dann war die Moschee zerstört. Später auch verstörende Szenen aus vielen weiteren indischen Orten. Häuser und Geschäfte brannten, Menschen jagten Menschen. Zur Gewalt, die nach der Tat von Ayodhya eskalierte, will Maurya nichts sagen. Was in anderen Orten geschehen sei, könne er nicht kommentieren. Aber den Sturm hat er nie bereut.

Maurya erzählt frei und euphorisch, er scheint die Justiz nicht zu fürchten, er war Teil des Fussvolkes, das seitdem niemand belangt hat. Die Versuche, Prozesse gegen die damaligen Drahtzieher anzustrengen, verliefen immer wieder im Sand. Die Vorwürfe richten sich gegen führende Kräfte der hindunationalistischen Partei BJP und andere Veteranen der Tempelbewegung.

Die hindunationalistische Bewegung benutzt die Religion. Die Kampagne für den Tempel war ihr stärkstes Vehikel, Ayodhya das Aufmarschgebiet. Politisch ging diese Strategie auf. Längst kontrollieren jene, die den Hindunationalismus predigen, die Zentralregierung. Premierminister Narendra Modi und seine Leute nutzen die Popularität des Gottes Ram, der in Ayodhya nun ein prächtiges Haus bekommen soll.

In einem staubigen Bauhof lagern schon viele Steine dafür. Steinmetze haben Säulen und Decken gemeisselt, die verzierten Teile stapeln sich auf dem Gelände des Welt-Hindu-Rates in Ayodhya. Ein gigantischer Bausatz. Tempel-Lego in Originalgrösse. Sandstein aus Rajasthan, für Gott Ram nur das Beste.

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