Die letzte Schlacht wird die blutigste

Seit acht Jahren wird in Syrien geschossen und gebombt. Nun hat der Kampf um Idlib begonnen, die letzte Hochburg der Rebellen. Über einen Konflikt, an den sich die Welt gewöhnt hat.

Idlib, Syrien: Ein Mann verzweifelt nach einem Bombenangriff des syrischen Regimes und der russischen Luftwaffe auf sein Haus. Foto: Anadolu, Getty Images

Idlib, Syrien: Ein Mann verzweifelt nach einem Bombenangriff des syrischen Regimes und der russischen Luftwaffe auf sein Haus. Foto: Anadolu, Getty Images

Paul-Anton Krüger@pkr77

Rania Kisar war auf dem Weg in ihr Büro in Maarat al-Numan, einer Stadt mit 80'000 Einwohnern in der syrischen Provinz Idlib. Es war morgens kurz vor neun Uhr am 22. Juli, der Sommerhimmel blau und wolkenlos. Dann die Explosion auf dem Markt. Rania Kisar sieht, wie die Menschen laufen, sie laufen nicht weg, sondern hin zum Markt, sie wollen helfen. Wenig später fällt die nächste Bombe, mitten in die Menschentraube. Diesmal rennt auch Rania Kisar hin. «Du vergisst deinen eigenen Namen, wenn du all diese Toten siehst, all dieses Blut», sagt sie am Telefon.

Als sie den Marktplatz erreicht, wo jetzt nur noch Trümmer sind, schreit sie in die Kamera, die Fäuste geballt: «Bitte Amerika, tu etwas! Wir werden jeden Tag bombardiert. Wir werden jeden Tag getötet. Mister Trump! Bitte stoppen Sie das!» Ihre Stimme überschlägt sich, im Hintergrund werden Leichen weggetragen. 40 Menschen sterben an diesem Morgen. Es ist einer der schlimmsten Luftangriffe des syrischen Regimes, seit das Regime von Präsident Bashar al-Assad und Russland Ende April eine Offensive begonnen haben gegen die letzte Bastion der Rebellen. Die Schlacht um Idlib könnte die letzte sein in diesem Krieg – aber auch die blutigste. Die UNO warnt vor der «schlimmsten humanitären Katastrophe des 21. Jahrhunderts».

Video geht um die Welt

Das Video von Rania Kisar verbreitet sich rasend schnell im Internet, CNN interviewt die Frau, die da in den Trümmern stand, heiser, hilflos. Eine amerikanische Staatsbürgerin mit syrischen Wurzeln, die seit Beginn der Revolution in Syrien lebt, eine Aktivistin, die von sich selbst gesagt hat, sie wolle als Amerikanerin dem syrischen Volk als menschlicher Schutzschild dienen. Seit 2015 hatte sie eine Hilfsorganisation geleitet, Essenspakete an alleinstehende Frauen verteilt und Computerkurse organisiert. Die Leute in Idlib, der Provinz im Norden an der Grenze zur Türkei, nannten sie «Doktora», weil sie so gut Englisch sprach und studiert hatte.

Sie hat geholfen, die internationale Aufmerksamkeit wieder auf Syrien zu lenken, denn obwohl wieder Bomben fallen, «zuckt die Welt kollektiv mit der Schulter», wie es die Hochkommissarin für Menschenrechte, Michelle Bachelet, formulierte. Die UNO hat seit dem Beginn der jüngsten Offensive in Idlib den Tod von mindestens 450 Zivilisten dokumentiert. 450'000 Menschen mussten vor den Kämpfen fliehen, ein Sechstel der Bevölkerung Idlibs. Sie suchen Zuflucht in ohnehin übervölkerten Gebieten nahe der geschlossenen Grenze zur Türkei. Viele müssen in Zelten übernachten oder ganz im Freien, geschützt allenfalls von Olivenbäumen.

Rania Kisar appellierte an US-Präsident Trump, das Morden zu stoppen. Quelle. Youtube/MMC

Kaum zu glauben, dass Assad nach dem Tod seines Vaters Hafez im Juni 2000 politische Diskussionen zuliess und seinem Volk Hoffnung auf Reformen machte. Doch 2011, wenige Monate nach Beginn des Aufstands, schwenkte Assad ein auf die Strategie der eisernen Faust. Dennoch war dessen Sturz ja ganz nahe. 2015 kontrollierte er nicht einmal mehr ein Fünftel des Landes, Rebellen beschossen die Hauptstadt Damaskus und das Kernland des Regimes, die Siedlungsgebiete der Alawiten am Mittelmeer, jener schiitischen Minderheit, aus der Assads Clan stammt.

Im September 2015 aber griff Russlands Präsident Wladimir Putin direkt militärisch ein – auf der Seite des Assad-Regimes. Seine Luftwaffe gab dem Krieg die entscheidende Wendung. Das Assad-Regime und Russland rechtfertigen die Angriffe damit, Terroristen zu bekämpfen. Tatsächlich ist die militärisch stärkste Kraft in Idlib die Miliz Hayat Tahrir al-Sham (HTS), hervorgegangen aus dem syrischen Ableger des Terrornetzwerks al-Qaida. Die USA und die UNO stufen sie als terroristisch ein.

Andere Rebellenverbände dagegen werden von der Türkei unterstützt, die militärische Beobachtungsposten in Idlib unterhält – das Gebiet ist offiziell eine Deeskalationszone, drei Millionen Zivilisten leben dort. Doch Idlib ist auch eine Zone, in der Russland und die Türkei um Einfluss ringen. Sie haben 2018 eine Waffenruhe ausgehandelt. Moskau jedoch hält Ankara vor, radikale Gruppen nicht zu bekämpfen. Der Krieg ist längst so vielschichtig, dass ihn kaum noch jemand wirklich versteht.

Der Verdacht von Guterres

Das massive Bombardement jedenfalls gilt oft nur vorgeblich den Terroristen. Getroffen werden Spitäler, Bäckereien, Märkte, Wohngebiete. «Das sind zivile Objekte», sagte UNO-Menschenrechtskommissarin Bachelet wenige Tage nach dem Angriff auf Maarat al-Numan. «Und es erscheint angesichts des sich wiederholenden Musters höchst unwahrscheinlich, dass sie alle versehentlich getroffen werden.» UNO-Generalsekretär António Guterres hat eine Untersuchung angeordnet, weil die UNO von vielen dieser bombardierten Einrichtungen dem russischen Militär exakte Koordinaten übermittelt hatte – damit diese nicht bombardiert werden. Jetzt befürchtet die UNO, dass die Daten gezielt für Angriffe genutzt werden.

Doch die UNO ist hilflos, auch daran hat sich die Welt gewöhnt. Nothilfekoordinator Mark Lowcock redete dem Sicherheitsrat ins Gewissen, dieser habe «90 Tage lang nichts unternommen, während das Massaker vor Ihren Augen weitergeht». Dann fragte er: «Wollen Sie wieder nur mit den Achseln zucken? Oder wollen Sie den Kindern von Idlib zuhören und etwas tun?» Doch die Vetomacht Russland hält ihre Hand über Assad. Ihr Botschafter Wassili Nebensja lässt alle Vorwürfe abprallen, spricht von einer «Propagandamaschine», die jetzt wieder «volle Artillerie» feuere.

Echte Artillerie ist heute in Idlib zu hören, denn auf die Bomben folgt stets die Bodenoffensive. So wurde Aleppo 2016 kurz vor Weihnachten gestürmt, die Region Ostghouta bei Damaskus im Frühling 2018 und im Sommer dann Daraa im Süden, von wo die Revolution 2011 ihren Ausgang genommen hatte.

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Das Regime hat sich dank russischer und iranischer Hilfe stabilisiert und kontrolliert wieder knapp zwei Drittel des Landes, darunter die Grossstädte, die Küste, die Grenze zum Libanon und zu Jordanien. Eine politische Lösung, die aus Sicht des Westens und der Rebellen lange noch mit einer Perspektive verbunden war, Assads Herrschaft doch noch zu beenden, wird es allenfalls noch zu Putins Konditionen geben und mit Zustimmung des Iran – beide wollen das Assad-Regime erhalten.

Politisch ist vieles, was vor kurzem noch unmöglich zu sein schien, die neue Normalität: Die arabischen Golfstaaten, einst die eifrigsten Unterstützer der Rebellen, haben sich mit Assad abgefunden. Die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain öffneten Ende 2018 ihre Botschaften in Damaskus wieder. Und Jordanien hat den Grenzübergang Nasib wieder für den Personen- und Warenverkehr freigegeben und damit Handelsrouten, über die früher Geschäfte in Milliardenvolumen abgewickelt wurden. Nicht zuletzt hat Präsident Donald Trump den Abzug der US-Soldaten aus Syrien befohlen, was die Kurden, die den Nordosten Syriens kontrollieren, in Verhandlungen mit Assad zwingt.

Die UNO ist hilflos, auch daran hat sich die Welt gewöhnt.

Das mutet irrsinnig an, wenn man auf den Preis schaut, den die Syrer zahlen mussten. Etwa eine halbe Million Menschen sind durch die Kämpfe getötet worden, genaue Zahlen gibt es nicht. Ungefähr die Hälfte der Opfer waren Zivilisten, die weit überwiegende Zahl getötet von Truppen des Regimes, von syrischen und iranischen Milizen, russischen Bomben. Millionen sind verletzt und verstümmelt. Zehntausende sind verschwunden in den Folterkellern des Regimes. Von den 22 Millionen Einwohnern vor dem Krieg sind laut der UNO 5,6 Millionen ins Ausland geflohen. 6,6 Millionen sind innerhalb des Landes vertrieben worden, viele mehrmals.

Assad stellt wieder Statuen auf

Und Assad? Zeigt sich von all dem wenig beeindruckt. «Wir haben die Besten unserer Jugend verloren und unsere Infrastruktur. Aber wir haben dafür eine gesündere und harmonischere Gesellschaft gewonnen», sagte er 2017. Er hat wieder Statuen errichten lassen in den Städten des Landes, die seinen Vater Hafez zeigen oder seinen älteren Bruder Bassel, der als dessen Nachfolger auserkoren war, bevor er bei einem Autounfall 1994 ums Leben kam. Sie thronen über Ruinenlandschaften. Es ist eine unverhohlene Demonstration von Macht: Seine Zeit ist noch nicht abgelaufen.

Und dann ist da noch Idlib. Hier leben auch jene Zivilisten und Kämpfer, die aus Aleppo, Ghouta oder Daraa weggebracht wurden. Von hier gibt es keine Flucht mehr, die letzte Schlacht des Kriegs droht die grausamste zu werden. Rania Kisar wird das nicht mehr miterleben. Vor wenigen Tagen musste sie Syrien verlassen, obwohl sie bleiben wollte. Freunde berichteten ihr von Plänen, sie ans syrische Regime auszuliefern, wo sie seit 2011 auf den Fahndungslisten steht. Die Amerikaner zu Hilfe zu rufen, ohnehin ein Appell ohne Aussicht auf Erfolg, das war offenbar den Radikalen in Idlib zu viel. Rania Kisar steht am Flughafen in Paris, um ihr Gepäck aufzugeben. Sie fliegt zurück in die USA. Ihre Stimme am Telefon klingt schwach. Sie hat keine Kraft mehr.

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