Die Ministerin, die keine Befehle gibt

Name: Audrey Tang. Alter: 38. Geschlecht: post-gender. Beruf: Cyberministerin in Taiwan. Auftrag: digitale Neuerfindung der Demokratie. Über einen Menschen wie aus einem Roman.

«Meine Bedingung war: Ich muss nicht ins Ministerbüro. Ich darf arbeiten, wo ich will.» Taiwans Digitalministerin Audrey Tang. Foto: Camille McOuat

«Meine Bedingung war: Ich muss nicht ins Ministerbüro. Ich darf arbeiten, wo ich will.» Taiwans Digitalministerin Audrey Tang. Foto: Camille McOuat

Kai Strittmatter

Taiwan ist eine von der internationalen Gemeinschaft meist ignorierte Insel. Taiwans Digitalministerin aber holt die Insel immer öfter auf die Weltkarte zurück. Wenn Redaktoren des «Economist» eine neue Serie starten («Wie man die Demokratie repariert»), bitten sie Audrey Tang um einen Essay. Und wenn das Magazin «Foreign Policy» die «100 wichtigsten Denker weltweit» kürt, findet sich auf der Liste auch Audrey Tang.

Als Audrey Tang ihre erste Firma gründete, war sie noch ein Er und gerade mal 15, aber schon Schulabbrecher, weil sich in der Schule nicht so viel lernen liess wie im Internet – schon gar nicht für einen, der schon als Achtjähriger den «Faust» (Teil I und II) gelesen hatte. Vielleicht ist sie auch heute noch ein er oder beides, Tang nennt sich mittlerweile «post-gender» und teilt klärungsversessenen Nachbohrern auf Twitter mit, ihr Geschlecht sei nun offiziell «was auch immer», das dürfe man gern auch als Personalpronomen benutzen, «sie» oder «er» seien aber auch in Ordnung. Allerdings: Ihr Gleiten zwischen den Geschlechtern ist bei weitem nicht das Interessanteste an ihr.

Tang liess vor fünf Jahren im Silicon Valley ein Leben hinter sich, in dem sie Apple und die Cambridge University Press beraten hatte. Als sie ihren ­Abschied verkündete, ging es aber gerade erst los. «Ich muss sofort abreisen», teilte sie an jenem Tag mit: «Die Demokratie braucht mich.»

Jugendrevolution in Taiwan

Audrey Tang fühlte sich schon viele Jahre den «Civic Hackers» zugehörig, jenen Programmierern, die sich auch als Aktivisten verstehen. Hacken für das Gute. In Tangs Heimatland Taiwan geschah nun gerade Erstaunliches: Die Jugend rebellierte gegen die Regierung, von der sie sich vergessen und verkauft fühlte, und das Volk jubelte ihr zu. Studenten waren vorbei an Stacheldrahtbarrieren ins Parlament eingedrungen, hielten es besetzt.

Audrey Tang und ihre Mitstreiter verkabelten die studentischen Besatzer und hoben ihre Bewegung ins Netz, die Revolution wurde live gestreamt. Als die Studenten drei Wochen später das Parlament wieder verliessen, rieben sich alle die Augen: Die Regierung war eingeknickt, die Studenten hatten gewonnen. Taiwan war ein anderes Land. «Es war der Wandel einer ganzen Generation», sagt Tang. Sie sitzt in ihrem Büro in Taipeh. «Davor war politische Apathie die Norm. Jetzt wurde die Jugend politisch.»

Zwei Jahre später, 2016, bekam Taiwan eine neue Regierung, die Demokratische Fortschrittspartei (DPP) übernahm die Macht. Und weil den Regierenden überall allmählich dämmerte, dass die Digitialisierung, dass künstliche Intelligenz und Big Data unsere Welt auf den Kopf stellen werden, suchte die neue Präsidentin, Tsai Ing-wen, erstmals eine Digitalministerin.

Am Ende ist bei Audrey Tang die Regierung nicht nur total transparent, am Ende ist sie überflüssig.

Taiwan ist Teil einer digitalen Avantgarde. Die Insel mit 23 Millionen Einwohnern hat nicht nur bestens ausgebildetes IT-Personal, sie steht schon seit Jahrzehnten an der Front: seit dem Ende des Bürgerkrieges 1949 nur durch ein paar Kilometer Meeresstrasse getrennt vom kommunistischen China, das immer wieder mit gewaltsamer Wiedervereinigung droht.

Taiwan, das wird im Westen oft vergessen, ist das Mächtigste, was zwischen Chinas Führern und ihrer Behauptung steht, Chinesen taugten nicht zur Demokratie. Die Insel ist der einzige Fleck, auf dem Chinesen sich selbst demokratisch regieren. Chinas kommunistische Herrscher erfinden gerade die Diktatur digital neu. «Während ich die ganze Zeit davon rede, wie man die Regierung radikal transparent macht für das Volk», sagt Tang, «geht es der chinesischen Regierung darum, wie sie das Volk radikal transparent macht für den Staat.» Das ist eine Herausforderung für die Demokratien der ganzen Welt, aber nirgends wird sie als so dringlich empfunden wie in Taiwan.

«Es sind mächtige Instrumente in der Hand von Autokraten, die mehr Kontrolle und Überwachung planen.»Ethan Tu

Das empfindet nicht nur Audrey Tang so. Ethan Tu ist ein weiterer prominenter Heimkehrer nach Taiwan, der sein Wissen nun in den Dienst der Allgemeinheit und der Demokratie stellt. Er war einer der Köpfe des Teams, das bei Microsoft die Forschung zur künstlichen Intelligenz (KI) vorantrieb. «KI und Big Data sind eine Herausforderung für die Demokratie», sagt er. «Es sind mächtige Instrumente in der Hand von Autokraten, die mehr Kontrolle und Überwachung planen.»

Ethan Tu empfängt in seinem Büro im Herzen Taipehs, am Eingang wird man gebeten, die Schuhe auszuziehen: Die Mitarbeiter laufen in Socken umher. Tu hat nicht nur Diktatoren im Blick, er warnt auch vor den Datensilos privater Firmen wie Facebook und Google. Tu hat Taiwan AI Labs gegründet, ein Non-Profit-Unternehmen, dessen Ziel es ist, Talente zurück nach Taiwan zu holen und gemeinsam mit ihnen ein Ökosystem von KI-Anwendungen zu schaffen, die auf einer öffentlichen Plattform laufen, einer Plattform, deren Codes und Algorithmen offen zugänglich sind. «Leute, die sich an Facebook und Google gewöhnt haben, fragen uns: Wieso soll eine öffentliche Plattform für unsere Daten besser sein?» Er grinst: «Das ist ein wenig so, als fragte man: Wieso ist Demokratie besser?»

Klug und einfühlend

Taiwans Zeitungen überschlagen sich mit immer neuen Schätzungen von Audrey Tangs Intelligenzquotienten, im Moment liegen die Wetten zwischen 160 und 180, das wäre dann irgendwo bei Albert Einstein. Tang selbst ist das «Genie»-Gerede sichtlich unangenehm. Sie taucht auch gedanklich gern ein in die Menge, die bei ihr nie eine gesichtslose, sondern immer eine Menge höchst diverser Individuen ist, deren ureigene Gefühle und Gedanken sich aber, so ihre Erfahrung, am Ende meist für eine gemeinsame Sache begeistern lassen.

Bei all der Kakofonie, die aus dem Netz in die Welt schwappe, dürfe man eines nie vergessen, sagt sie: «Die meisten Menschen sind sich die meiste Zeit über die meisten Dinge einig.» Sie sucht nach diesen Gemeinsamkeiten.

Audrey Tang ist ein Nerd von nicht nur Ehrfurcht einflössender Klugheit, sondern auch von seltenem sozialem Einfühlungsvermögen. Aufgewachsen ist sie als Kind zweier Journalisten in Garden City, einer kommunenartigen Gemeinschaft in Taipeh, in der man nicht gross auffiel, wenn man auch Libellen und Glühwürmchen respektvoll «Menschen» nannte. Das Programmieren brachte sie sich selbst bei, da war sie acht Jahre alt. «Für mich war das, als ob ich ein Musikinstrument spielte», sagt sie. «Ich habe früh gelernt, dass man beim Programmieren in der Logik die Noten findet und in den Möglichkeiten zur Interaktion die Melodie.»

«Wenn die Zivilgesellschaft immer mehr Funktionen der Regierung übernimmt, dann brauchen wir sie irgendwann nicht mehr.»Audrey Tang

Audrey Tang ist eine bemerkenswerte Ministerin. Am einen Tag mischt sie sich in Schlappen und mit Jutetasche unter die Teilnehmer des G0V-Gipfels in Taipeh. Die Hackerbewegung G0V (man spricht es «gov zero» aus) veranstaltet eine der weltweit grössten Civic-Tech-Konferenzen, in der sich Hacker darüber austauschen, wie sie die Welt verbessern können. Tang erklärt auf der Bühne, warum sie den Ministerjob angenommen hat («Meine Bedingung war: Ich muss nicht ins Ministerbüro. Ich darf arbeiten, wo ich will»). Wie sie ihn versteht («Ich gebe keine Befehle. Ich nehme keine Befehle an»). Und sie lädt alle ein, bei ihr vorbeizuschauen: «Jeden Mittwoch von zehn Uhr morgens bis zehn Uhr abends.»

Am nächsten Tag empfängt sie einen in ihrem Büro in Taipehs Social Innovation Lab. In dem Gelände hatte sich früher Taiwans Luftwaffe verschanzt. Heute sitzen in den bunt bemalten Hallen Start-ups, NGOs und Taiwans Digitalministerin, die einem erst das kleine Fussballfeld zeigt, das Menschen mit Downsyndrom hier angelegt haben. Dann breitet Tang in ihrem Maschinengewehr-Englisch ihre Visionen aus, in denen die Politik den Bürgern maximale Teilhabe erlaubt. Am Ende ist bei Audrey Tang die Regierung nicht nur komplett transparent, am Ende ist sie überflüssig: «Wenn die Zivilgesellschaft immer mehr Funktionen der Regierung übernimmt, dann brauchen wir sie irgendwann nicht mehr.»

Tang ist wohl die weltweit einzige selbst erklärte Anarchistin auf einem Ministerposten. Sie nennt sich eine «konservative Anarchistin», eine, die eine weiche Landung in der herrschaftslosen Gesellschaft jeder Revolution vorzieht.

Positiver Anarchismus

Wahrscheinlich macht das die tangsche Ausprägung des Anarchismus für ihre traditionelleren Ministerkollegen unbedrohlich. Gleichzeitig aber erleichtert das auch den sturen unter ihnen, Tangs Enthusiasmus und Neuerungen an sich abperlen zu lassen. «Einige ihrer alten Hacker-Weggefährten sind sauer: Es passiert ihnen zu wenig, es gibt noch immer keinen Masterplan für eine radikal offene Regierung», sagt Jason Liu, ein Autor, der über die Schattenseiten neuer Technologien, vor allem über Chinas verdeckten Einfluss in Taiwans sozialen Medien publiziert hat. «Aber viel wichtiger als konkrete Instrumente ist vielleicht eine neue Kultur, die mit ihr Einzug gehalten hat. Audrey Tang schafft eine Verbindung zwischen der Zivilgesellschaft und der Regierung, einen ständigen Austausch.»

Tang ist eine Optimistin. Wo Hassrede, Fake News und der destabilisierende Einfluss autoritärer Mächte viele einstige Netzpropheten desillusioniert haben, hat sie sich den Idealismus aus den ersten Tagen des Internets bewahrt. Die Ermächtigung der Ohnmächtigen, das ist der alte Traum, der noch jede neue Informationstechnologie begleitet hat. «Die Sache ist doch die», sagt sie, «wir probieren hier Dinge aus – und sie funktionieren.»

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