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In China entstehen Ghettos über Nacht

Die Kluft zwischen Armen und Mittelschicht wächst in China rasant. Wanderarbeiter werden immer schneller zu Sündenböcken und dagegen geht die Regierung mit einer drastischen Massnahme vor.

Leben in primitivsten Verhältnissen: Chinas Wanderarbeiter.
Leben in primitivsten Verhältnissen: Chinas Wanderarbeiter.
Keystone

Die Behörden sprechen hochoffiziell von «Abriegelungsmanagement»: Ganze Viertel von Peking wurden über Nacht eingezäunt, Sicherheitskräfte kontrollieren an den Toren rund um die Uhr Ausweise. Damit will die chinesische Hauptstadt gegen die zunehmende Kriminalität vorgehen, für die oft zugezogene arme Wanderarbeiter verantwortlich gemacht werden. 16 Dörfer in südlichen Vororten Pekings wurden so bereits abgeriegelt, und wenn es nach der Kommunistischen Partei geht, soll das «Abriegelungsmanagement» in der gesamten Stadt umgesetzt werden.

Wegen der niedrigen Mieten in den Vororten im Süden kommen dort oftmals zehn Wanderarbeiter auf einen Einheimischen. Diese fühlten sich von dem Zustrom an Migranten bedroht, sagt Huang Youqin von der Universität Albany in New York. «Das Risiko liegt darin, dass die Regierung gleichzeitig auch das Privatleben der Menschen kontrollieren kann, sofern sie dies möchte», sagt er.

In der Praxis sieht das «Abriegelungsmanagement» so aus: Auf allen Strassen und Gassen zum Dorf werden Gatter aufgestellt, die bis auf einen Haupteingang zwischen elf Uhr abends und sechs Uhr morgens geschlossen bleiben. Vor dem Haupteingang kontrollieren Sicherheitsleute oder Polizisten die Ausweise der Bewohner. Tagsüber patrouillieren Sicherheitskräfte durch das Dorf.

Wanderarbeiter als Sündenböcke

«Die Abriegelung des Dorfes kommt jedem zugute», hiess es auf einem Banner, als das erste Dorf im April geschlossen wurde. Doch einige Chinesen zweifeln an dieser Aussage. Die Probleme, die sich aus der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich ergeben, liessen sich nicht einfach durch Zäune und Überwachungskameras beseitigen: «Das ist eine lächerliche Idee», sagt Li Wenhua, der sich in der Hauptstadt um zugewanderte Arbeiter kümmert. «Das ist garantiert auf lange Sicht keine gute Strategie. Die Regierung sollte sich lieber um die Ursachen der Kriminalität kümmern und die grundlegenden öffentlichen Dienstleistungen wie Bildung und Gesundheitsfürsorge für diese Menschen verbessern.»

Die Abriegelung ist die jüngste Demütigung für Wanderarbeiter in China. Zu Bildung und anderen staatlichen Dienstleistungen haben sie nur begrenzt Zugang, und die Stadtbevölkerung macht sie für die wachsende Kriminalität verantwortlich. In den vergangenen zwei Jahrzehnten, in denen die Volksrepublik von staatlicher Planwirtschaft zu einem System freierer Märkte überging, nahm die Kriminalität kontinuierlich zu. Allein die Zahl der Gewaltverbrechen stieg im vergangenen Jahr um zehn Prozent auf 5,3 Millionen gemeldete Fälle von Mord, Totschlag, Raub und Vergewaltigung, wie aus Zahlen der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften hervorgeht.

«Das Dorf scheint verlassen»

Die Idee des «Abriegelungsmanagements» entstand während der Olympischen Spiele in Peking 2008 im Dorf Laosanyu, als die Regierung die zugezogenen Einwohner kontrollieren wollte. Funktionäre gaben das Konzept an die Gemeinde weiter, die sich dazu entschied, es dauerhaft umzusetzen. Vier Fünftel der Einheimischen hätten das Projekt begeistert gelobt, sagt Guo Ruifeng, stellvertretender Vorsitzender des Gemeindeausschusses von Laosanyu. Wie viele Zuwanderer zustimmten, erwähnt er nicht – ihre Zahl liegt bei 7000, die der Einheimischen bei 700. «Sie sollten verstehen, dass dies alles ihrer eigenen Sicherheit dient. Die Wachen prüfen lediglich die Papiere, wenn sie etwas Verdächtiges vermuten», so Guo.

Jiang Zhengqing, der einen Supermarkt im abgegrenzten Teil von Laosanyu betreibt, sieht das etwas anders. Weil immer mehr Kunden ausbleiben, weiss er nicht, ob er sein Geschäft im kommenden Jahr halten kann. «Vorher waren die Strassen nachmittags voller Menschen. Jetzt scheint das Dorf verlassen», sagte er der Zeitung «China Daily». «Ich kann nicht verstehen, weshalb die Regierung so viel Geld in die Errichtung dieser nutzlosen Zäune investiert hat, statt unsere schmutzigen öffentlichen Toiletten und holprigen Strassen zu reparieren.»

dapd/sam

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