Modi befeuert den Konflikt mit Pakistan

Delhi hat die Autonomierechte für die umstrittene Region aufgehoben.

Dorfbewohner im von Indien kontrollierten Teil von Kashmir inspizieren ein Haus, das durch einen Schusswechsel zerstört wurde. Foto: Dar Yasin (Keystone)

Dorfbewohner im von Indien kontrollierten Teil von Kashmir inspizieren ein Haus, das durch einen Schusswechsel zerstört wurde. Foto: Dar Yasin (Keystone)

Arne Perras@tagesanzeiger

Die Berge von Kashmir sind von einer Schönheit, die Menschen aus aller Welt verzaubern könnte. Das Gebiet im westlichen ­Himalaja wäre längst ein Magnet für Touristen aus Ost und West, würden extremistische Gewalt und die chronische Feindschaft zwischen den Atommächten ­Indien und Pakistan die Aussicht auf einen Frieden nicht immer wieder zerstören. Indien hat nun einen aufsehenerregenden Vorstoss gestartet, der angeblich Frieden stiften will – den Konflikt aber verschärfen könnte.

Delhi entzieht Kashmir Autonomierechte und ordnet die Verwaltung der Region neu. Die hindu­nationalistische Partei von Präsident Narendra Modi legte einen Gesetzentwurf vor, der eine Teilung des indischen Teils von Kashmir in zwei Bundesstaaten vorsieht. Gemäss dem Entwurf würden beide Regionen der unmittelbaren Kontrolle Delhis unterstellt.

Die Bewegung der Hindunationalisten feiert den Schritt als Geniestreich, doch der Jubel überdeckt die Gefahren, die sich aus dieser Politik ergeben. Es handelt sich um ein fragwürdiges Experiment, das Extremisten weitere Munition liefert und moderate Kräfte schwächt.

Das Gefühl der Ohnmacht unter den Kashmirern dürfte sich jetzt noch steigern, da das Gebiet autonome Rechte verliert.

Kashmir ist umkämpft seit der Teilung des indischen Subkontinents vor mehr als siebzig Jahren. ­Gewalt und Perspektivlosigkeit beherrschen die strategisch bedeutsame Region, die überwiegend von Muslimen bevölkert ist. Indien und Pakistan haben drei Kriege um Kashmir geführt, das Gebiet ist geteilt. Und es zählt zu den bitteren Gewissheiten der jüngeren südasiatischen Geschichte, dass die Krisenzone nur dann Frieden finden kann, wenn sich zwischen den Rivalen Indien und Pakistan eine umfassende Aussöhnung anbahnt.

Nach Entspannung aber sieht es nicht aus. Zum einen befeuern Terrorattacken islamistischer Gruppen Hass und Misstrauen, diese Kräfte haben ihre Rückzugsgebiete in Pakistan; zum anderen hat der eiserne Griff indischer Truppen die Menschen in Kashmir von Delhi entfremdet; viele verachten das Militär als ­Besatzungsmacht, die bei Übergriffen keine Strafe fürchten muss. Das Gefühl der Ohnmacht unter den Kashmirern dürfte sich jetzt noch steigern, da das Gebiet autonome Rechte verliert.

Beifall in Indien

Mit dem Versprechen, Kashmir wie alle anderen indischen Bundesstaaten zu behandeln, war die Partei von Premierminister Narendra Modi in den Wahlkampf gezogen; nach dem deutlichen Sieg im Mai fühlt sich Modi ermuntert, den drastischen Schritt rasch zu vollziehen. In ­Indien ist diese Politik populär, sie wird als Zeichen der Stärke gewertet. Der Kurs dürfte dazu führen, dass auch Inder aus anderen Regionen Land in den umkämpften Bergen erwerben dürfen. Die Hindunationalisten ­rücken das alles in ein rosiges Licht: Kashmir könne bald aufblühen, sich entwickeln, die Armut besiegen. Aber hat man die Kashmirer jemals gefragt, welche Zukunft sie eigentlich wollen?

Ihre Identität wird zerrieben im Dauerkonflikt zwischen Delhi und Islamabad. Ein Referendum, wie es die Vereinten Nationen einst in Aussicht stellten, hat es nach der verkorksten Dekolonisierung nie gegeben. Delhi pocht auf seinen Anspruch, Kashmir gehöre unverrückbar zu Indien; Pakistan gibt den muslimischen Schutzpatron, tut ansonsten aber kaum etwas dafür, den Konflikt zu lösen. Den pakistanischen Hardlinern erscheint er sogar nützlich, um Indien zu schwächen.

Insofern ist der indische Drang nach neuen Wegen nachvollziehbar. Doch der eingeschlagene Kurs wird die Gewalt nicht stoppen, sondern nur die Teilung zementieren. Die Aussicht auf ein einiges Kashmir, das sich irgendwann in Frieden selbst verwalten kann, rückt immer weiter in die Ferne.

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