Sie trieb ihren Jüngern mit Ohrfeigen die Dämonen aus

Shin Ok-ju ist Chefin einer südkoreanischen Sekte. Jetzt muss sie für sechs Jahre ins Gefängnis – wegen Gewalt und anderer Delikte.

Rabiate Sektenführerin: Shin Ok-ju verprügelt einen Anhänger.

Rabiate Sektenführerin: Shin Ok-ju verprügelt einen Anhänger.

Vincenzo Capodici@V_Capodici

Auf vielen Fotos zeigt Shin Ok-ju ein freundliches Gesicht. Sie wirkt wie eine gütige Predigerin, die die Gläubigen dem Paradies näherbringen möchte. Doch die Südkoreanerin, die eine Sekte führt, kann auch ganz anders sein – eine Frau, die ihre Anhänger verprügelt, um ihnen angebliche Dämonen und böse Geister auszutreiben. Sie ist zudem eine Person, die die Leute ihrer Sekte wie Sklaven für sich arbeiten lässt. Shin Ok-ju lässt es sich selber sehr gut gehen, sie führt ein Luxusleben.

Doch vorerst ist Schluss damit: Ein Gericht in Seoul hat diese Woche Shin Ok-ju zu einer Gefängnisstrafe von sechs Jahren verurteilt, wie die BBC berichtet. Die Sektenführerin, deren genaues Alter nicht bekannt ist, wird nicht nur wegen ihrer Gewalttätigkeiten bestraft, sondern auch wegen Kindesmissbrauchs und Betrugs. Neben ihr wurden ausserdem vier hochrangige Mitglieder der Sekte verurteilt.

Aussteigerin: «Sie schlagen dich zu Brei»

Die Sekte, die Shin Ok-ju anführt, nennt sich Grace Road Church. Die angebliche «Weg der Gnade»-Kirche hatte sie vor 17 Jahren gegründet. Gemäss eigenen Angaben orientiert sich die Sekte am christlichen Glauben. Und sie glaubt an eine unmittelbar bevorstehende Ankunft von Jesus Christus. Von ihren Anhängern verlangt die Sekte absoluten Gehorsam.

Die fragwürdigen Praktiken in der Grace Road Church wurden im September 2018 publik, nachdem ein Insider-Video mehreren Medien zugespielt worden war. Medienberichte über Ohrfeigen und andere Misshandlungen hatte es schon seit Jahren gegeben. Entsprechende Informationen hatten Aussteiger der Sekte geliefert. «Sie schlagen dich zu Brei», sagte eine Aussteigerin dem australischen News-Portal ABC.

«Das Dreschen zieht sich durch die ganze Bibel»: Shin Ok-ju wird in flagranti gefilmt. Quelle: Youtube /«The Guardian»

Das Video zeigt, wie die Sektenführerin Ohrfeigen verteilt, Menschen an den Haaren aus ihren Stühlen zerrt und diesen mit einer Schere Haarbüschel abschneidet. Zu sehen ist auch, wie Menschen zu Boden geworfen werden. Eine andere Videosequenz zeigt, wie eine Frau unter Anleitung der Sektenführerin ihre eigene Mutter ohrfeigt, zunächst zögerlich, danach immer heftiger. Als das Video an die Öffentlichkeit gelangte, waren bereits Ermittlungen im Gang. Shin Ok-ju wurde im August 2018 auf einem Flughafen in der Nähe von Seoul festgenommen.

Die Anschuldigungen von Aussteigern und Medien wies die «Weg der Gnade»-Kirche zurück. Und sie verteidigte die Schläge ins Gesicht respektive das «Ritual des Dreschens» mit einer eigenwilligen Erklärung. «Das Dreschen zieht sich durch die ganze Bibel», sagte ein Sprecher der Sekte. «Nur unsere Kirche wendet dieses biblische Ritual voll und ganz an.» Medienberichten zufolge soll ein 70-jähriger Mann gestorben sein, nachdem er während Stunden mit über 600 Schlägen traktiert worden war. Der Todesfall hatte jedoch keine Folgen.

Firmenimperium auf den Fidschi-Inseln

Das Hauptquartier der Grace Road Church befindet sich auf den Fidschi-Inseln. Im südpazifischen Inselstaat hat die südkoreanische Sekte ein regelrechtes Firmenimperium aufgebaut, das von der Bau- bis zur Landwirtschaft in vielen Branchen erfolgreich tätig ist. Eine Baufirma der Sekte erhielt unter anderem Aufträge der fidschianischen Regierung.

Das freundliche Gesicht der Schlägerin: Shin Ok-ju.

Warum Fidschi? Shin Ok-ju hatte ihren Anhängern eine Geschichte aufgetischt, wonach in Südkorea eine grosse Hungersnot drohe. Darum müsse man auf die Fidschi-Inseln gehen. Die Sekte verbreitet die Behauptung, dass Fidschi «das Zentrum der Welt ist, wie es in der Bibel versprochen wird». Etwa 400 Anhänger der Sekte folgten dem Versprechen ihrer Anführerin und wanderten in den Südpazifik aus. Das vermeintliche Paradies erwies sich als Hölle: Schläge, Demütigungen und Zwangsarbeit sind an der Tagesordnung.

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