Taiwans Jugend blickt nach China

Der Konflikt mit dem Festland und politische Grabenkämpfe blockieren die wirtschaftliche Entwicklung des Inselstaats Taiwan. Darunter leidet vor allem die kommende Generation.

Studenten auf dem Gelände der National Taiwan University in Taipeh. Die Jobaussichten waren für Schulabgänger früher deutlich besser. Foto: China Times

Studenten auf dem Gelände der National Taiwan University in Taipeh. Die Jobaussichten waren für Schulabgänger früher deutlich besser. Foto: China Times

Julian Perrenoud

«Willkommen zu Hause» – gelb leuchtet der Schriftzug von der Leinwand. Musiker schlagen mit Hölzern auf Trommeln, ein roter Drache tanzt über die Bühne. Taiwan begrüsst im Februar kurz nach dem chinesischen Neujahr seine Unternehmer, die auf der ganzen Welt verstreut Firmen aufgebaut haben.

Schauplatz ist das Grandhotel am Rande von Taipeh. Ein kolossaler Bau, das höchste klassisch-chinesische Haus, das es gibt. Machthaber Chiang Kai-shek liess es errichten, um darin hochrangige Staatsoberhäupter zu empfangen. Heute sind über 400 geladene Gäste da, dazu alles, was im Land politisch Rang und Namen hat. Drinnen drängeln Pressefotografen, Metalldetektoren stehen an jedem Eingang, Bodyguards auf dem Balkon und hinter dem Bühnenvorhang. Präsidentin Tsai Ing-wen schüttelt Hände, lächelt für Erinnerungsfotos und spricht davon, dass die Ausgangslage noch nie besser war, in Taiwan zu investieren.

Die regierende Demokratische Fortschrittspartei möchte vor allem die nach China abgewanderten Unternehmen zurückholen und verspricht, sie mit Förderprogrammen zu unterstützen. Die Partei sieht ein Engagement in China mit Risiken verbunden – politisch wie wirtschaftlich. Gerade auch, weil Peking mit diversen Anreizen für Taiwaner lockt.

Derzeit arbeiten über 400'000 Taiwaner auf dem Festland, Hongkong und Macao. Hochschulabsolventen können nach ihrem Abschluss in Städten wie Shenzhen, Shanghai oder Peking oft mehr verdienen als in Taipeh.

Chiu Chui-cheng, Vizeminister für Angelegenheiten mit China, nennt es in einem privaten Gespräch eine Zweihandstrategie. Er spricht von viel Propaganda der Volksrepublik. Einerseits setze sie Taiwan militärisch und politisch unter Druck, andererseits werbe sie junge Talente ab. Deshalb sagt er: «Um eigene Fachkräfte zu halten, wollen wir künftig unsere Jobsuchenden besser unterstützen.»

Das eigene Versagen

Ehe im Saal des Grandhotels an den runden Tischen das Essen serviert wird, wettern auf der Bühne diverse Redner gegen China. Jimmy, Kenneth und Sammy hören nur mit einem Ohr zu, tippen auf ihren Handys, schwatzen miteinander. Aus Sorge vor Repressionen verraten sie nur ihre erfundenen englischen Vornamen. Sie sind Mitte 30, der eine verdient sein Geld in der Zementindustrie, der andere mit Immobilien und der Dritte mit Privatkindergärten. Was die Männer verbindet: Sie alle arbeiten in China. Ja, sie sähen sich als Taiwaner – allerdings scheinen sie aus wirtschaftlicher Sicht einer Wiedervereinigung nicht abgeneigt.

Jimmy erklärt es so: «Ein starkes Taiwan kann unabhängig sein. Aber unsere Generation ist so schwach.» Und Sammy sagt: «Ich liebe Taiwan aus tiefstem Herzen, aber es gibt hier keine Zukunft.» Auch weil die Insel zu demokratisch sei. Politische Geplänkel der Kuomintang-Partei, der an einem guten Einvernehmen mit Peking gelegen ist, und der chinakritischen Fortschrittspartei würden jegliche Entwicklung behindern. Die Volksrepublik dagegen habe eine schnurgerade Vorwärtsstrategie. «Läuft etwas falsch, korrigiert es die Regierung sofort.»

«Unsere Wirtschaft hat es versäumt, sich zu transformieren.»Wang Cho-chung, «China Times»

Wang Cho-chung sitzt in seinem Büro der «China Times». Der Vizepräsident von Taiwans grösster Mediengruppe hat eine Erklärung dafür, weshalb immer mehr junge Arbeitskräfte abwandern. Es liege nicht am Druck Chinas, sondern am eigenen Versagen. «Wir sind zum schwächeren Akteur geworden.» Seit der wirtschaftlichen Öffnung beider Seiten sei viel in Bewegung geraten – allerdings unverhältnismässig. Während China die Tore aufstiess, beschränkt Taiwan weiterhin die Möglichkeiten für Festlandchinesen.

Der chinesische Markt ist mittlerweile viel grösser als jener Taiwans. Wang macht ein Beispiel: Hat ein Unternehmen für chemische Reinigung mit 30 Standorten auf der Insel seine maximale Ausdehnung erreicht, können es in China locker 3000 sein. Und obwohl Taiwans Bruttoinlandprodukt höher sei, könnte sich auch das bald ändern. In den Zentren auf dem Festland ist diese Entwicklung bereits Tatsache. Wang sagt ernüchtert: «Unsere Wirtschaft hat es versäumt, sich zu transformieren.» Der jungen Generation blieben so lediglich die höhere Lebensqualität und politische Freiheiten.

Parteiloser will den Wandel

Die Politik – sie wird in Taiwan hochgehalten. Ähnlich wie in den USA gibt es zwischen den beiden grössten Parteien wenig Spielraum. Ideologien machen auch vor Schulen und Universitäten nicht Halt und beeinflussen die Studenten schon in jungen Jahren. Einer, der hier eine Bresche schlagen will, ist Chang San-cheng. Bauingenieur, Professor, früherer Premier und Vizepremier Taiwans. Mit 64 Jahren will er zurück in die Politik.

Chang San-cheng: «Präsidentin Tsai muss gestoppt werden.» Foto: Teng Po-Jen (China Times)

Am Tag vor dem Gesprächstermin kündigte er an, fürs Präsidentschaftsamt zu kandidieren. Die Wahlen finden 2020 statt. Gleich zu Beginn macht er seine Haltung klar: Eigentlich habe er seinen Ruhestand geniessen wollen. «Aber Präsidentin Tsai führt Taiwan in ein Desaster. Sie muss gestoppt werden.» Also kandidiert er – als Parteiloser, was nicht einfach ist. Gerade für die nächste Generation junger Unternehmer wolle er sich einsetzen. Was ihn gegenüber anderen Kandidaten unterscheide, sei sein Berufshintergrund und seine Erfahrung im Bereich Hightech, Big Data oder künstliche Intelligenz. Diese will Chang, sofern er denn gewählt wird, ausspielen. «Wir können Junge nur im Land halten, wenn wir ihnen ein attraktiveres Arbeitsumfeld bieten», sagt er.

Damit Betriebe höhere Löhne zahlen können, müssen sie wettbewerbsfähiger werden. Doch der Profit ist derzeit gerade in der traditionellen Produktion tief. Chang schwebt eine Transformation zur intelligenten Fabrikation und Landwirtschaft vor, auch zur Präzisionsmedizin. Es sind Felder, in denen Taiwan bereits viel Fachwissen besitzt. Den Parteilosen treibt nicht etwa blinder Optimismus an, sondern die Gewissheit, dass sich sein Land schon einmal transformiert hat. «Wir standen vor 40 Jahren einer ähnlichen Situation gegenüber. Dank viel Innovation konnten wir Junge, die in Amerika studierten, wieder zurückholen.» Ein grosser Fehler früherer Regierungen sei es aber gewesen, Berufsschulen wie jene in der Schweiz in Universitäten zu verwandeln. Ohne praktische Erfahrung fehle vielen Abgängern das Wissen und das Geschick, direkt in den Arbeitsalltag einzusteigen. Hier will Chang den Hebel ansetzen. Und auch bezüglich der Beziehungen zu China: «Wir müssen wieder eine freundschaftliche Atmosphäre schaffen.»

Nur eine Waffe bleibt

Im Süden Taipehs stehen die grössten Universitäten des Landes. Restaurants reihen sich an Bars, Läden an Nachtmärkte. Während draussen die Motorräder brummen, nippt Chao Chien-min in einem Café an einer Tasse Milch. Chao ist Dekan an der Chinesischen Kulturuniversität, hat einst als Minister in der Regierung gedient, als Professor in den USA unterrichtet und in seiner Heimat viele Studenten kommen und gehen sehen.

Chao Chien-min: «Die einzige Waffe sind unsere demokratischen Werte.» Foto: Teng Po-Jen (China Times)

Die Arbeitslosenzahlen sind in Taiwan mit unter 4 Prozent tief, das Problem ist sogar, dass viele Stellen unterbesetzt bleiben. Denn Berufseinsteiger erhalten in etwa denselben Lohn wie vor 20 Jahren. «Klar ist es so für Junge attraktiv auszuwandern», sagt Chao. Selbst besser bezahlte Jobs machen da keine Ausnahme. «Als ich vor 30 Jahren nach China ging, war es mir peinlich, über meinen Lohn zu sprechen – weil ich 40- bis 50-mal mehr verdiente als dortige Berufskollegen», sagt er. «Heute ist es mir ebenso peinlich, weil ich mittlerweile weniger verdiene.» Zudem stellen Universitäten in Taiwan kaum mehr Professoren an, weil die schnell alternde Bevölkerung immer weniger Studiengänger hervorbringt.

Einst war es anders: hier das demokratische und aufstrebende Taiwan, dort das autokratische und taumelnde China. «Für Schulabgänger war die Wahl einfach. Aber heute nicht mehr unbedingt», so Chao. China hat aufgeholt und überholt. Junge sähen politische Grabenkämpfe auf der Insel und wirtschaftlichen Aufschwung auf dem Festland. «Aber Leute mit meiner Erfahrung wissen, dass es hinter diesem Wohlstand eine Kehrseite gibt», sagt der Dekan und spricht damit die fehlende Meinungsfreiheit in China an. «Die einzige Waffe, die wir dagegen noch haben, sind unsere demokratischen Werte.» Taiwan sollte den Menschen in China demonstrieren, wie sich damit eine Regierung und Gesellschaft führen lässt. Aber so, wie es auf der Insel zugeht, ist Chao nicht sicher, ob sich die Chinesen vom System Taiwans überzeugen lassen. «Ich bin mir nicht einmal sicher, ob wir unsere eigene Jugend davon überzeugen können.»

Zurück im Grandhotel. Das Essen ist zu Ende. Die geladenen Gäste verlassen den Saal mit einer Tasche voller Broschüren. Kenneth ist bereits gegangen, Jimmy und Sammy ziehen auf dem Vorplatz an einer Zigarette. Viel Zeit in Taiwan bleibt ihnen nicht, schon in wenigen Tagen fliegen sie wieder zurück. Ihr Zuhause ist mittlerweile China.

Diese Recherche wurde durchden Verein Real21 unterstützt.

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