#RechercheParis – verzweifelte Suche nach Angehörigen

Weil sie seit Freitagabend ohne Nachrichten ihrer Liebsten sind, suchen einige Angehörige über die sozialen Medien nach Vermissten.

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Tina Huber@tina__huber

Hunderte Angehörige trauern in Frankreich und auf der ganzen Welt um die Opfer der Anschläge von Paris. Andere wünschten, sie könnten endlich trauern: Rund drei Tage nach dem blutigen Sturmlauf in Paris sind noch immer nicht alle Leichen identifiziert. Gestern Abend gab Premierminister Manuel Valls bekannt, dass die Ermittler 103 der 129 Opfer identifizieren konnten, «20 bis 30» stünden noch aus. Die Rechtsmediziner stehen vor einer schwierigen Aufgabe: Die grosskalibrigen Kugeln der Kalaschnikows, mit denen die Attentäter das Feuer auf Besucher im Konzertsaal Bataclan sowie in Cafés und Bars eröffnet hatten, können Opfer bis zur Unkenntlichkeit zurichten. Kommt hinzu, dass viele Besucher in der Konzerthalle ihre Dokumente in der Handtasche an der Garderobe gelassen haben dürften. Wie ein Experte des rechtsmedizinischen Instituts in Paris dem «L’Express» sagte, wäre es nicht erstaunlich, würde es nochmals zwei Tage dauern, bis alle Opfer identifiziert worden sind.

Für die Angehörigen eine unerträgliche Situation. Als gestern Premierminister Manuel Valls den Bahnhof Gare du Nord besuchte, fuhr ihn ein verzweifelter Vater an. Seit zwei Tagen habe er keine Nachrichten von seiner Tochter gehört, die an jenem Abend im Bataclan gewesen sei. «Das ist untragbar. Niemand weiss etwas», rief er aufgebracht. Valls rief den Mann zu sich, versuchte ihn zu beruhigen und wies einen seiner Begleiter an, die Koordinaten des Familienvaters aufzunehmen.

Nur noch der Anrufbeantworter

Joseph, ein anderer Mann, erzählt der Zeitung «Libération», wie er seine Frau Armelle im Bataclan aus den Augen verlor und seither nicht wieder sah. Sie hätten gemeinsam zu flüchten versucht, doch seine Frau sei hingefallen und sie hätten sich im verzweifelten Chaos aus den Augen verloren. Ihre Handtasche mit den Ausweisen habe seine Frau in der Garderobe gelassen. In der Militärschule in Paris ist eine Anlaufstelle für Angehörige eingerichtet worden. Dort habe man ihm nicht helfen können, sagt Joseph, auch in allen Spitälern sei er schon gewesen.

Verah, eine weitere Betroffene, schildert der Zeitung, wie sie ihren grossen Bruder Norbert sucht. Er wollte an jenem Abend in jenem Quartier etwas trinken gehen, in dem mehrere Cafés angegriffen wurden. Seither erreiche sie auf Norberts Telefon nur noch den Anrufbeantworter, sagt Verah.

Nathalie, gestern im Bataclan

Bald nach den Anschlägen wurde auf Twitter der Hashtag #RechercheParis populär. Darauf verbreiteten Angehörige ihre Vermisstenanzeigen – oft begleitet von Fotos oder Beschreibungen nach äusserlichen Merkmalen. «Aaron, 19 Jahre, eine Narbe auf der Stirn, ist unauffindbar.» Oder: «Nathalie, 40 Jahre, gestern im Bataclan».

Am Samstag nach den Anschlägen schrieb eine Userin: «Es ist 12 Uhr, alle Spitäler abgeklappert, Mathias & Marie sind immer noch unauffindbar.» Dazu das Bild eines fröhlichen, jungen Paars; sie drückt ihm einen Kuss auf die Wange.

Wie viele Opfer mithilfe des Hashtags gefunden werden konnten, ist nicht bekannt. Man solle bei der Verbreitung von Fotos von möglichen Opfern ihre Würde bewahren und an die Situation der Familien denken, mahnte die französische Justizministerin Christiane Taubira. Für die Angehörigen wird die Hoffnung immer kleiner, ihre Liebsten wohlbehalten zu finden. Das Bild von Mathias und Marie war in der heutigen Ausgabe der «Libération» in einer Bildergalerie der Opfer der Pariser Attacken abgedruckt.

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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