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Brexit-Party mit Bier aus der Dose und Big Ben aus der Konserve

Seit Mitternacht ist Grossbritannien nicht mehr Teil der EU. Die Briten feiern – allerdings ziemlich zurückhaltend. Und längst nicht alle.

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«Lasst uns heute Nacht feiern, wie wir noch nie zuvor gefeiert haben»: Nigel Farage Samstagnacht vor dem britischen Parlament. Bild: epa/Neil Hall
«Lasst uns heute Nacht feiern, wie wir noch nie zuvor gefeiert haben»: Nigel Farage Samstagnacht vor dem britischen Parlament. Bild: epa/Neil Hall

Menschen jubeln, Menschen singen, Menschen liegen sich in den Armen: Diese Bilder kennen viele noch vom Berliner Mauerfall 1989. Als Grossbritannien an diesem Freitagabend um 23 Uhr Ortszeit die Europäische Union verlässt, ähneln sich die Bilder - doch statt einer geeinten Nation hinterlässt dieser Moment ein gespaltenes Land und eine Europäische Union, die um einiges ärmer geworden ist.

Tausende Menschen haben sich auf dem Parlamentsvorplatz im Londoner Regierungsviertel versammelt, um dem historischen Augenblick beizuwohnen. Viele sind extra aus anderen Landesteilen angereist, viele halten den Union Jack und zum Fotografieren und Filmen ein Smartphone in die Höhe. «Lasst uns heute Nacht feiern, wie wir noch nie zuvor gefeiert haben», ruft ihnen Ober-Brexiteer Nigel Farage von der Bühne aus zu.

Briten mit Nationalstolz

Als der Countdown auf 0 springt, ertönt über dem Parlamentsvorplatz Big Ben - allerdings nur eine Aufnahme, denn die richtige Glocke hat wegen Renovierungsarbeiten derzeit keinen Klöppel. Aus tausenden Kehlen erschallt die Nationalhymne «God save the Queen», deren Text zur Sicherheit auf einem grossen Bildschirm angezeigt wird.

An diesem Abend gehört der Parlamentsplatz den Brexiteers fast allein. Die wenigen in EU-Farben gekleideten Gegen-Demonstranten, die sich im Laufe des Tages auf den Platz getraut haben, haben sie erfolgreich mit «Shame on you!»-Rufen vertrieben. So müssen sich die Brexiteers den Platz nur mit Anhängern einer religiösen Sekte teilen, die die Menschen zur Umkehr aufruft - und Teilnehmern einer Fahrraddemo, die sich auf eine Nebenstrasse verirrt haben und nicht mehr durchkommen.

Bewegende Momente

Einer dieser Radfahrer ist ein Ire, der den Vergleich mit dem Mauerfall bringt: Als 19-Jähriger will er auch dort live dabei gewesen sein. Der Moment vor 30 Jahren sei aber viel bewegender gewesen, die Menschen fröhlicher und freundlicher.

Bei der Brexit-Party haben sich die Teilnehmer gut mit Dosen-Bier und Sekt ausgestattet - trotz Alkoholverbots. Und auch Bengalisches Feuer hat seinen Weg auf die Veranstaltung gefunden - trotz Pyrotechnik-Verbots.

«Make Britain Great Again»

In seiner Fernsehansprache kurz vor dem Brexit - in der er kein einziges Mal das Wort «Brexit» in den Mund nahm - hat der britische Premierminister Boris Johnson zur nationalen Erneuerung aufgerufen. Was das für einige seiner Anhänger heisst, tragen sie auf dem Parlamentsplatz auf roten Kappen zur Schau: «Make Britain Great Again» steht darauf in Anspielung auf den Wahlslogan von Johnsons Unterstützer US-Präsident Donald Trump.

Ähnlich wie Trump in den USA polarisiert, hat Johnson mit seinem rigorosen Brexit-Kurs Grossbritannien in eine tiefe Spaltung geführt. Um die Hälfte der Bevölkerung, die gegen den EU-Austritt gestimmt hat, nicht zu sehr zu verärgern, verzichtet der Premierminister am Freitag auf grosses Triumph-Gehabe und feiert lieber mit seinen Mitarbeitern hinter verschlossenen Türen.

Kleiner symbolischer Gewinn

Den EU-Befürwortern bleibt an diesem Abend nur ein kleiner symbolischer Gewinn: Die Schlacht um die britischen Charts haben sie für sich entschieden. Die ganze Woche über hatten sie wie wild Aufnahmen der EU-Hymne «Ode an die Freude» gekauft und es tatsächlich geschafft, die Brexit-Hymne «17 Million Fuck Offs» auf die hinteren Plätze zu verweisen.

Den Spitzenplatz konnten die Remainers allerdings auch nicht erreichen: Dort thront an diesem Wochenende das Lied «Before you go» von Lewis Capaldi - eine Ballade über eine Familientragödie und späte Reue.

(SDA)

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