Der Aussenminister als rasender Reporter

Hintergrund

Schwedens Aussenminister Carl Bildt gilt als Pionier der digitalen Diplomatie. Er twittert erfrischend offenherzig über das Weltgeschehen.

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Michael Soukup@nachdenkend

Die Schweiz und Schweden haben viel gemein: Beide sind neutral, sie setzen sich mit diplomatischen und humanitäre Initiativen – den sogenannten Guten Diensten – für Drittländer ein, zählen mehr oder weniger gleich viele Einwohner, sind wohlhabend sowie technikbegeistert und die Chancen sind intakt, dass die schwedische und schweizerische Luftwaffe bald das gleiche Kampfflugzeug fliegen werden. Last but not least: Für den Durchschnittsamerikaner sind Schweden und die Schweiz sowieso ein und dasselbe Land.

Ein kleiner, aber feiner Unterschied fällt insbesondere den Social-Media-Affinen auf: Carl Bildt, der twittersüchtige Aussenminister Schwedens. Der frühere konservative Ministerpräsident ist seit 2006 «Utrikesminister». Zudem gilt er als Pionier der digitalen Diplomatie. Seine am 4. Februar 1994 verschickte E-Mail an US-Präsident Bill Clinton war die erste öffentlich bekannte elektronische Post, die zwischen zwei Staatsoberhäuptern ausgetauscht wurde. Seit Anfang 2009 ist Bildt auf Twitter aktiv. Mittlerweile hat er als @carlbildt über 7000 Tweets abgesetzt und rund 280'000 Follower. Alleine in den vergangenen paar Tagen nahm seine digitale Anhängerschaft um mehrere Tausend Follower zu.

Reine Selbstvermarktung

Ganz anders die Schweiz: Aussenminister und Bundespräsident Didier Burkhalter glänzt durch digitale Absenz, das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) beschränkt sich darauf, via Twitter trockene Reisewarnungen zu verlautbaren. Wer jetzt einwendet, dass es wohl nichts Langweiligeres geben kann, als irgendwelche sorgfältig formulierten Tweets (Motto der Diplomatie: «Wenn wir die Wahrheit sagen, haben wir uns versprochen») eines spröden schwedischen Ministers zu lesen, wird vom früheren UNO-Sonderbeauftragten für den Balkan eines Besseren belehrt. Bildt twittert klug, offenherzig und sehr aktuell über das Weltgeschehen, als wäre er nicht der höchste Diplomat Schwedens, sondern ein rasender Reporter. Als russische Truppen die Halbinsel Krim besetzten, kommentierte er düster: «Zum 100. Jahrestag des Ausbruchs des 1. Weltkriegs befinden wir uns plötzlich wieder in einem Europa der Invasion, Aggression und massiven, militärischen Drohungen.»

Anschliessend leitete er, ganz der Erfahrene, einen Youtube-Ausschnitt weiter, in dem die Moderatorin beim russischen Fernsehsender Russia Today die Besetzung der Krim verurteilt. Am 5. März kündete er kurz seinen Abflug nach der Ukraine an, um wenige Stunden später Bilder vom verwüsteten Maidan in Kiew zu twittern.

Natürlich hat das Ganze auch etwas mit Selbstvermarktung zu tun, das liegt schliesslich in der Natur der sozialen Netzwerke. Und dank von Wikileaks veröffentlichten Depeschen der US-Botschaften wissen wir, dass Bildt nach Einschätzung der früheren Bush-Administration gerne zu einer gewissen Wichtigtuerei neige («a medium size dog with big dog attitude»). Manche Tweets wie der Schnappschuss von der eben gelandeten Air Force One und dem davor Spalier stehenden Empfangskomitee wirken rührend kindisch: Man stelle sich das Bild vom bald 65-jährigen Aussenminister vor, der wie ein gewöhnlicher Zuschauer mit seinem Handy Photos vom US-Präsidenten-Flugzeug schiesst.

Wegen anderer Beiträge ist Bildt schon richtig in die Bredouille geraten. So 2008, als er in seinem Blog das russische Eingreifen in den Krieg um die abtrünnige georgische Region mit der Annexion des Sudetenlands in der damaligen Tschechoslowakei durch Nazi-Deutschland verglich. Darauf kündete das russische Aussenministerium an, dass Bildt in Moskau nicht länger willkommen sei.

Burkhalter ist ein trockenes Knäckebrot

Trotzdem vermitteln die Tweets ein Bild einer aktiven wie mutigen schwedischen Aussenpolitik, während der Schweizer Aussenminister mit seiner traditionellen Kommunikationspolitik altbacken daherkommt. Nicht Bildt, sondern Burkhalter ist ein trockenes Knäckebrot. Das EDA lässt auf Anfrage ausrichten: «Zwar pflegt Bundespräsident Didier Burkhalter keinen persönlichen Facebook-Auftritt, im Zusammenhang mit dem Schweizer Vorsitz der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) twittert das EDA jedoch seit Anfang Jahr regelmässig zu aktuellen Ereignissen.» Aufgrund der bisher positiven Erfahrungen mit den sozialen Medien sei es für das EDA durchaus denkbar, weitere Kanäle zu nutzen.

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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