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Wie Ghadhafi mit Frauen und Kindern die Nato besiegen will

Das Regime verteilt Waffen an Zivilisten. Mit veralteten Kalaschnikows soll die Bevölkerung den Rebellen und allfälligen Bodentruppen der Nato trotzen. Der libysche Machthaber schickt sogar Kinder in den Krieg.

Sollen Helfen, Libyen zu verteidigen: Eine Gruppe von Frauen lernt in der Nähe von Tarhouna den Umgang mit Kalaschnikow-Gewehren. (27. April 2011)
Sollen Helfen, Libyen zu verteidigen: Eine Gruppe von Frauen lernt in der Nähe von Tarhouna den Umgang mit Kalaschnikow-Gewehren. (27. April 2011)
Reuters

Mohammed Dschumma balanciert eine ungeladene Panzerfaust auf seinen Schultern. Ein Ausbilder korrigiert seine Position und warnt vor dem Rückstoss. Dann betätigt der 22-jährige Informatikstudent den Abzug, macht ein Explosionsgeräusch und gibt die Waffe an seinen Nebenmann weiter.

Angesichts der verhärteten Fronten zwischen Regierungstruppen im Westen und Aufständischen im Osten des Landes bewaffnet das Regime des libyschen Machthabers Muammar al-Ghadhafi offenbar die Zivilbevölkerung in dem von ihm kontrollierten Gebiet.

Hunderttausende Waffen für Zivilisten

Ausländische Journalisten wurden kürzlich von der Regierung zu mehreren Ausbildungslagern geführt und konnten militärische Übungen beobachten. Häufig wirkten die Szenen jedoch gestellt. Männer auf einem Schiessstand in der Wüste erklärten, sie seien zum ersten Mal in dem Trainingscamp. Einige Dutzend Schüler, die auf ihrem Schulhof paramilitärische Übungen absolvierten, sagten, sie hätten ihre Tarnanzüge erst am Tag zuvor erhalten.

Regierungssprecher Mussa Ibrahim hatte zuletzt die Verteilung von Hunderttausenden Gewehren an Zivilpersonen angekündigt. Wegen strenger Restriktionen für ausländische Journalisten konnte nicht unabhängig überprüft werden, ob die Waffen tatsächlich ausgegeben wurden. Rund ein Dutzend Libyer in verschiedenen Teilen des Landes sagten jedoch, sie hätten Sturmgewehre vom Typ Kalaschnikow aus städtischen Waffendepots erhalten.

Unklares Feindbild

Berichte über die Bewaffnung von Zivilpersonen seitens des Ghadhafi-Regimes waren zum ersten Mal Mitte Februar bekannt geworden. Damals hatte die Regierung in Tripolis erklärt, die Waffen sollten lediglich gegen ausländische Truppen eingesetzt werden, nicht gegen die libyschen Rebellen im Osten des Landes.

Die Rekruten, die im Distrikt Tarhuna 70 Kilometer südöstlich von Tripolis für den Ernstfall trainieren, sind sich über ihr Feindbild nicht ganz im Klaren. Ihnen sei gesagt worden, sie müssten ihre Heimat gegen Bodentruppen der Nato verteidigen, erklären die Freiwilligen. Sie lerne den Umgang mit dem Gewehr, um die «barbarische Aggression der kolonialistischen Kreuzzügler» zurückzuschlagen, sagt die 16-jährige Schülerin Sanna Kanuni.

Die Aufständischen im Osten Libyens seien vom Terrornetzwerk Al-Qaida gedungene Ex-Sträflinge oder Ausländer, wiederholen einige Rekruten die Regierungspropaganda. Auch Kanuni glaubt, die Rebellen seinen Drogensüchtige aus dem Ausland.

Schüler in militärischer Haltung

In dem Klassenraum lernt die 16-Jährige mit ihren Mitschülern, wie eine Kalaschnikow auseinander gebaut wird. Vor der Schule posieren Schüler mit den Sturmgewehren, einige schiessen in die Luft.

In einer Schule im Dorf Sagja beteiligen sich Jungen im Alter von elf oder zwölf Jahren in Tarnkleidung an einer Pro-Ghadhafi-Kundgebung. Sie marschieren und nehmen militärische Haltung an. Der Drill habe vor zwei Wochen begonnen, an Waffen würden die Kinder jedoch nicht ausgebildet, sagt der Schulleiter Abdel Rasek Mahmudi. Der elfjährige Abdullah Radschab Ijad sagt jedoch, er habe am Morgen mit einer Waffe geübt.

Wettbewerb im Auseinanderbauen eines Sturmgewehrs

Auf dem Schulhof feuern junge Männer in die Luft. Später messen sie sich darin, wer am schnellsten eine Kalaschnikow auseinander bauen kann. Rund 200 Zivilpersonen zwischen 18 und 70 Jahren würden in 15 verschiedenen Camps trainiert, berichtet der Ausbildungsleiter in Tarhuna, Abdel Monem al Muftah.

Der 37-jährige Arabisch-Lehrer Moammar al Ghrara sagt, 40 Männer stünden unter seinem Kommando und sie seien bereit, ihr Viertel zu verteidigen. Im Falle eines Angriffs würden sie auf jeden schiessen, auch auf Libyer.

Auf einem Schiessstand in der Wüste schiessen vier Männer in Tarnanzügen auf Tonnen. Andere feuern Granatwerfer sowie Luftabwehrgeschütze ab und rufen dabei »Gott ist gross!«. Er habe im vergangenen Monat immer wieder trainiert und wie seine vier Brüder eine Kalaschnikow erhalten, sagt der 23-jährige Omar Musbah Omar. Er werde seine Waffe niemals auf Libyer richten. Aber er sagt: «Für die Nato sind wir bereit.»

dapd/kpn

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