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Tokio droht die grosse Dunkelheit

Erst wenn die Temperaturen im Sommer über 30 Grad steigen, wird in Japan das Ausmass der Stromknappheit richtig klar. Für Klimaanlagen reicht die Energie dann vielleicht nicht mehr.

Wie lange reicht der Strom? Eine Aufnahme vor dem Tsunami zeigt den grossen Energieverbrauch von Tokio.
Wie lange reicht der Strom? Eine Aufnahme vor dem Tsunami zeigt den grossen Energieverbrauch von Tokio.

Seit dem Tsunami sind die grellen, bunten Beleuchtungen in Tokios Strassen gedimmt. Nicht nur die Trauer um die bis zu 25'000 Toten und die Furcht vor den Folgen der Havarie im Kernkraftwerk Fukushima-Daiichi drücken die Stimmung, sondern auch die Stromknappheit. Nur dank der Energiesparbemühungen der Bevölkerung der Metropole mit über 35 Millionen Einwohnern konnten grössere Stromausfälle bislang vermieden werden. Doch wenn der heisse Sommer kommt, droht die Lücke grösser zu werden.

Die Menschen passen sich so gut es geht an den Strommangel an. Sie machen früher Feierabend und gehen mit dem Sonnenuntergang zu Bett. Aufzüge stehen still, Züge fahren ohne Klimaanlage und die beliebten nächtlichen Baseballspiele wurden abgesagt. Viele Japaner empfinden die von ihnen erbrachten Opfer als vernachlässigbar, verglichen mit dem Leid der Menschen im Katastrophengebiet.

«Shikata ga nai», ist ein zurzeit häufig genutztes japanisches Sprichwort, das in etwa so viel heisst wie, es hilft ja doch nichts. Doch mit der stoischen Haltung könnte es vorbei sein, wenn im Juli die Temperaturen täglich auf über 30 Grad klettern und die Hitze in den Strassenschluchten Tokios steht.

Die Regierung rechnet für diesen Zeitraum mit einem erhöhten Strombedarf, vor allem durch Klimaanlagen. «Ich glaube, es ist für die Japaner unmöglich, ohne Klimaanlage zu leben», sagt Atsuhiko Sudo, ein 32-jähriger Filmemacher, als er gerade ein düsteres Kamerageschäft im sonst hell erleuchteten Einkaufsviertel Akihabara verlässt.

Rund ein Drittel von Tepcos Produktionskapazitäten zerstört

Durch den Tsunami und die Zerstörungen an mehreren Kraftwerken wurden die maximalen Stromerzeugungskapazitäten von Tepco von 52 Millionen Kilowatt auf 31 Millionen Kilowatt gesenkt. Neun Millionen Kilowatt sind allein durch die Havarie des Kernkraftwerks Fukushima-Daiichi wohl für immer verloren und auch die Zukunft des abgeschaltenen Kernkraftwerks Fukushima-Daini ist unklar.

Kapazitäten zur Erzeugung von fünf Millionen Kilowatt Strom wurden durch die Reparatur konventioneller Kraftwerke seit dem Erdbeben am 11. März wieder hergestellt und die Regierung schätzt, dass Tepco bis Juli wieder 45 Millionen Kilowatt Strom produzieren kann.

Das wäre allerdings deutlich weniger als die 55 bis 60 Millionen Kilowatt, die nach Regierungsschätzungen von Juli bis August benötigt werden könnten. Bis Ende April soll die Wirtschaft Pläne unterbreiten, wie sie ihren Beitrag zum Energiesparen leisten will, anschliessend will die Regierung ihren Notfallplan zur Verhinderung grösserer Stromausfälle bekannt geben.

Stromknappheit gefährdet Japans gebeutelte Wirtschaft

Der Stromsparbeitrag der Unternehmen in und um Tokio soll um die 25 Prozent betragen. Bürogebäude sind mit die grössten Stromverbraucher. Allerdings haben auch Industrieunternehmen wie Autobauer Nissan und Stahlproduzent Nippon Steel in der Gegend Produktionsstätten. «Wenn wir keinen Strom haben, können wir keine Autos bauen», sagt Mitsuru Yonekawa, Sprecher von Nissan. Schon jetzt ist die Produktion der Autohersteller stark beeinträchtigt, weil die Zulieferer aus der Tsunamiregion keine Teile mehr liefern können.

Nissan hat die Fertigung in allen sieben japanischen Fabriken eingestellt und bei Toyota wird nur in zwei der 17 Motoren- und Autofabriken noch gearbeitet. Doch auch, wenn die Produktion wieder anläuft, können die Autobauer als Beitrag zum Stromsparen die Arbeitszeiten in die Nacht verlegen, in der der Stromverbrauch gewöhnlich geringer ist. «Wir haben etwas Spielraum», sagt Toyota-Sprecher Paul Nolasco. Andere Firmen lassen ihre eigenen Generatoren auf voller Kraft laufen, statt den billigeren Strom aus dem Netz zu nutzen.

Werbespots fordern zum Energiesparen auf

Im japanischen Fernsehen laufen ständig Werbespots, die die Menschen zum Ausschalten der Lichter ermahnen und dazu aufrufen, keine knappen Güter zu hamstern.

Im Unternehmen des 40-jährigen Ingenieurs Yuichiro Kanda sollen die Mitarbeiter Treppen steigen, statt Aufzug zu fahren. Die 21-jährige Hochzeitsplanerin Waka Imamura macht einfach früher Feierabend, auch damit sie weniger Licht machen muss. Zum Schlafen zieht sie einige Extralagen Kleidung an, statt die Heizung anzumachen. «Wir müssen tun, was wir können, um Strom zu sparen», sagt sie. «Ich hoffe aber, dass sich die Dinge so schnell wie möglich normalisieren.»

dapd/pbe

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