Giftattacke in England: Doppelleben holt Ex-Spion ein

Im Dienst der Russen und der Briten, dann hinter Gitter und schliesslich abgetaucht: Sergei Skripal brach gestern zusammen – nun wird spekuliert.

Mysteriöser Fall im südenglischen Salisbury: Wer steckt hinter der mutmasslichen Vergiftung von Sergei Skripal und seiner Partnerin?
Video: Tamedia-Webvideo / AP, Euronews

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Bei den Personen, die in einem Einkaufszentrum im südenglischen Salisbury zusammenbrachen und einen Grosseinsatz der Polizei auslösten, handelt es sich gemäss verschiedenen Medienberichten um den Ex-Doppelagenten Sergei Skripal und dessen Begleiterin. Die beiden wurden mutmasslich mit dem synthetischen Opioid Fentanyl vergiftet und ringen nun im Spital mit dem Tod. Ob es sich um versuchten Mord handelt, können die Ermittler noch nicht sagen. Vieles deutet aber darauf hin, dass Skripal von seiner Vergangenheit eingeholt wurde.

Skripal, heute 66-jährig, war bis 1999 Oberst im russischen Militärischen Auslandsnachrichtendienst Glawnoje Raswedywatelnoje Uprawlenije (GRU), der als das «alles sehende Auge» des Militärs bezeichnet wird. Danach arbeitete er bis 2003 offiziell im russischen Aussenministerium. Doch Skripal führte ein Doppelleben: Seit den 90er-Jahren stand er auch auf der Gehaltsliste des britischen Geheimdienstes MI6. Für diesen deckte er die Identitäten russischer Agenten in Europa auf.

2004 flog Skripal auf und wurde in Moskau verhaftet. Der Schaden, den er aus russischer Sicht angerichtet hatte, war laut dortigen Medien mit dem berühmten Fall von Oleg Penkowski vergleichbar, der dem Westen auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges entscheidende Informationen zu den Absichten der Sowjetunion während der Berlin-Krise und zur Kuba-Krise geliefert hatte.

Skripal zeigte sich kooperativ und arbeitete mit den russischen Ermittlern zusammen. Vor Gericht soll er sich schuldig bekannt haben, für die Weitergabe von Staatsgeheimnissen 100'000 US-Dollar von den Briten erhalten zu haben. Im August 2006 verurteilte ein Moskauer Militärgericht den Doppelagenten wegen Hochverrats zu dreizehn Jahren Gefängnis. Zudem wurden ihm sämtliche Titel und Auszeichnungen aberkannt.

Nur vier Jahre später kam Skripal wieder frei. Im Juli 2010 begnadigte ihn der damalige russische Präsident Dmitri Medwedew. Im gleichen Jahr tauschte Russland Skripal und drei weitere westliche Spione gegen zehn vom FBI verhaftete russische Spione aus. Zu Letzteren gehörte auch Anna Chapman, die von den Medien als «glamouröseste Geheimagentin Russlands» bezeichnet wurde. Sie war die auffälligste Person des Spionagerings, der in den USA 2010 aufflog.

Im Zuge des weltweit beachteten Gefangenenaustauschs am Wiener Flughafen kam Skripal nach Grossbritannien und erhielt wahrscheinlich einen neuen Namen. In den letzten acht Jahren lebte er unauffällig – bis zum jetzigen mysteriösen Vorfall in Salisbury.

«Es sieht ähnlich aus wie bei meinem Mann.»Marina Litwinenko, Witwe

Dass Skripal vorsätzlich vergiftet wurde, wird kaum angezweifelt. Noch offen ist, wer dahintersteckt. Der Fall erinnert an die Ermordung des Kremlgegners Alexander Litwinenko, der 2006 – ebenfalls in Grossbritannien – mit radioaktiv verseuchtem Tee vergiftet worden war. Das darin enthaltene hochgiftige Polonium 210 tötete ihn nach drei Wochen. Gemäss britischen Ermittlungen steckten frühere russische Geheimdienstler hinter dem Mord an dem abtrünnigen Exilanten.

«Es sieht ähnlich aus wie bei meinem Mann», sagte die Witwe Marina Litwinenko dem «Telegraph» über den jetzigen Vorfall. Nichts habe sich seit dessen Ermordung geändert. Auch für Kremlkritiker wie Garri Kasparow, den ehemaligen Schachweltmeister, ist der Fall klar: «Nach der lächerlichen Antwort der Briten auf den Fall Litwinenko: Wieso sollte es Putin nicht noch einmal tun?», twitterte er.

Skripal habe immer noch mit Geheimdiensten zusammengearbeitet, in Grossbritannien und anderswo, sagte Mark Galeotti, ein Experte des russischen Geheimdienstes, dem «Telegraph». Das habe ihn zu einem möglichen Ziel gemacht. Es sei noch zu früh, jemandem die Verantwortung zuzuschieben, meinte Andrew Foxall. «Es wäre aber töricht, wenn die Behörden die mögliche Russlandverbindung zum Fall Skripal nicht untersuchen würden», so der Experte für Russland und Eurasien der Denkfabrik «Henry Jackson Society». (wig.)

Erstellt: 06.03.2018, 11:00 Uhr

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