Wie Schweiz-Russen das Chodorkowski-Drama erlebten

Hintergrund

Amnestie, Freilassung, Abschiebung – und das Ganze innert weniger Stunden: Den Rummel um Michail Chodorkowski verfolgten auch Larissa Künzle in Rapperswil und Zarema Navarretta in Basel.

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Matthias Chapman@matthiaschapman

«Chodorkowski? Das ist ein reicher Mann, der sich mit der Macht angelegt hat», sagt Larissa Künzle, die Präsidentin des Vereins Lada in Rapperswil im Kanton St. Gallen, kurz und bündig zum aktuellen Geschehen rund um den Mann, der in den letzten Tagen die Auftritte von Zeitungen und TV-Nachrichtensendungen dominiert hat. Nach kurzem Innehalten ergänzt sie: «Er gefällt mir als Persönlichkeit – und er sieht gut aus.»

Larissa Künzle war Mitte 30 und lebte noch in Russland, als dort Boris Jelzin regierte und grosse Staatskonzerne plötzlich in private Hände übergingen. Wie die meisten Russen sieht sie diese Zeit mit kritischem Auge und sagt: «Russen mögen die Oligarchen nicht.» Inzwischen lebt sie in der Schweiz, spricht Deutsch und engagiert sich für die gesellschaftliche Integration ihrer Landsleute.

Leben in der Schweiz?

Was in den letzten Tagen rund um Michail Chodorkowski geschah, verfolgte sie auf russischen TV-Sendern. Sie sagt, die europäischen Medien hätten nach dem mehrstündigen Auftritt von Staatspräsident Wladimir Putin am letzten Donnerstag zu wenig auf die Bemerkungen nach dem Ende des offiziellen Teils geschaut. Dort hätte Putin das Wichtige zu Chodorkowski gesagt. Mit anderen Russen in der Schweiz hat sie bisher nicht viel über die Causa Chodorkowski gesprochen, sie selber scheint sich für den Fall aber sehr zu interessieren.

Die Nachrichten zum freigelassenen Häftling Chodorkowski hat auch Zarema Navarretta verfolgt. Die langjährige Präsidentin des Vereins Russkij Basel meint dazu aber nüchtern: «Das war eine abgemachte Sache mit Präsident Putin.» Sie hat sich auf Internetseiten russischer Medien informiert. Auf die Frage, ob es die Russen in der Schweiz bewegen würde, wenn Chodorkowski in die Schweiz käme, meint sie: «Mich interessiert es nicht, wo er sein Leben verbringt.» Lachend fügt sie an: «Geld hätte er genug, um in der Schweiz leben zu können.»

Die Freunde als Freiwillige in Sotschi

Was ihr hingegen gefallen hat, war Chodorkowskis Bemerkung zu den Olympischen Spielen in Sotschi. Der freigekommene Häftling sagte gestern in Berlin, dass man Sotschi nicht boykottieren solle. Zarema Navarretta hat russische Freunde in der Region Basel, die zu einem Freiwilligeneinsatz an die Olympischen Spiele fahren. «Das Paar, er war früher Eisschnelllauf-Profi, freut sich darauf.»

Über die Bedeutung von Chodorkowskis Freilassung und die Zukunft des Mannes gehen die Meinungen auseinander. «Für mich ist er kein Revolutionär, und schon gar keine Ikone», sagt Zarema Navarretta. Zwar sieht auch Larissa Künzle die wenig ruhmreiche Vergangenheit des früheren Yukos-Chefs. Aber: «In diesen Jahren im Gefängnis ist er ein besserer Mensch geworden.»

Die Opferrolle

Auch wenn Chodorkowski gestern an der Pressekonferenz in Berlin ein politisches Engagement verneinte, glaubt sie, dass er für die russische Öffentlichkeit Bedeutung erlangen könnte. Dann nämlich, «wenn er sich so menschlich verhält, wie er es angedeutet hat». Chodorkowski machte gestern an der Pressekonferenz in Berlin klar, dass er sich für die politischen Gefangenen in Russland einsetzen wolle. «Russen werden ihn dann auch als Opfer sehen», so Künzle. Viele Russen sähen sich selber als Opfer, und Chodorkowski wäre dann quasi einer der Ihren. Zwar war Chodorkowski Oligarch, dieses Image wird er nicht abschütteln können. Sie sagt es so: «Er ist der beste von allen Oligarchen, er hat sich gemässigt, und er ist intelligent.»

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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