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Alexander soll vom Sockel

Mazedoniens neue Regierung will Skopjes kitschigen Denkmalwald lichten lassen. Auch aus politischen Gründen will der neue Premier Zaev einige Helden vom Sockel holen.

Skurriles in Skopje: Alexander der Grosse triumphiert hinter einer Kopie des Pariser Triumphbogens.
Skurriles in Skopje: Alexander der Grosse triumphiert hinter einer Kopie des Pariser Triumphbogens.
Bohemion Blog/zvg

Auch wuchtigen Reitern kann in Wendezeiten der Abstieg vom ­hohen Ross drohen. «Mazedonien, Mazedonien!» hatten mehrere hundert Schaulustige mit wedelnden Landesflaggen im Juni 2011 in Skopje begeistert skandiert, als ein Kran den 30 Tonnen schwere Denkmalhünen auf seinen Sockel hob.

Doch nun droht dem mit 24 Meter Höhe grössten Alexander-der-Grosse-Monument der Welt ein unrühmliches Ende: Die neue sozialdemokratische Regierung will Skopjes kitschigen Denkmalwald kräftig lichten lassen.

Zu teuer für das arme Land

Nicht nur Londoner Doppeldecker rumpeln an der Kopie des Pariser Triumphbogens vorbei. Barockfassaden, Antiksäulen und Betongaleeren säumen in Skopje ein bizarres Monumentenlabyrinth. «Skopje 2014» nannte sich das wenig transparente Prestigeprojekt, mit dem der frühere nationalpopulistische Ex-Premier Nikola Gruevski Skopjes Innenstadt seit 2010 konsequent in ein schräges Potpourri des schlechten Geschmacks verwandeln liess: Knapp 700 Millionen Euro (813 Millionen Franken) soll das architektonische Disneyland den bitterarmen Balkanstaat gekostet haben.

Die neue, im Mai ans Ruder gelangte Regierung von Premier Zoran Zaev hat das kostspielige Projekt sofort gestoppt. Es ist vor allem die Frage, was mit dem Erbe der bereits angerichteten Bausünden und Sockelhelden geschehen soll, die den neuen Machthabern Kopfzerbrechen bereitet. Denn die Mittel sind begrenzt, die Kosten für eine Befreiung von falschen Fassaden immens: Der neuen Regierung könnte die kostspielige Behebung der Bausünden den Vorwurf der Geldverschwendung ein­bringen.

Weisses Haus kopiert

Regierungspolitiker drängen vor allem darauf, das erst 2014 für 16 Millionen Euro in eine Kopie des Weissen Hauses in Washington verwandelte Parlament wieder in seinen ursprünglichen Zustand zu versetzen. In einer Umfrage des Wochenblatts «Skopsko Eho» landeten derweil die drei Betonnachbauten historischer Segelboote im Flussbett des Vardar noch vor dem Triumphbogen auf der Liste der zu entfernenden Bausünden auf dem ersten Platz.

Der Leserwunsch wird nun erhört: Weil die falschen Restaurantgaleeren bei Hochwasser die Flussrinne zu beengen drohen, hat Skopjes neuer Bürgermeister Petre Siligov nun deren Entfernung aus «Sicherheitsgründen» angeordnet.

Streit mit Griechenland

Nicht nur ästhetische, sondern auch politische Gründe spielen bei den Planungen eine Rolle, mit Alexander dem Grossen den höchsten Denkmalshünen vom Sockel zu holen. Die von Gruevski forcierte «Antikisierung» der Hauptstadt hatte die angespannten Beziehungen zu Griechenland zusätzlich belastet.

Denn seit der Unabhängigkeit 1991 liefert sich Skopje mit Athen einen erbitterten Streit, wer der wahre Erbe des antiken Mazedoniens sei. Griechenland, das die Nachbarn zur Änderung des Landesnamens zwingen will, sitzt als EU-Mitglied am längeren Hebel: Per Veto verweigerten die Griechen den Nachbarn schon 2008 den erwarteten Nato-Beitritt.

Auf Eiszeit folgt Tauwetter

Seit dem Machtwechsel in Skopje ist die Eiszeit in der Nachbarschaftsehe einem neuen Tau­wetter gewichen. Im Dezember sollen die festgefahrenen Verhandlungen zur Beilegung des Namensstreits neu aufgenommen werden. Eine Demontage des Reiterdenkmals könnte Skopje dabei als Zeichen des guten Willens dienen, innenpolitisch aber auch neue Verwerfungen auslösen.

Zumindest kurzfristig scheint Zaev zur Beschleunigung der anvisierten EU-Annäherung darum an eine kostengünstigere Morgengabe an Athen zu denken: Den Vorschlag einer Umbenennung des nach Alexander dem Grossen benannten Flughafens bezeichnete er vergangene Woche als «gute Idee».

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