Am Ende wollte die Trümmerfrau der SPD nur noch weg

Mit dem Abgang von SPD-Chefin Andrea Nahles endet die Karriere einer Genossin, die ihre Partei fast mustergültig verkörperte. Im Guten wie im Schlechten.

Trotz der vielen Wechsel lud die SPD nach der krachenden Niederlage bei den Europawahlen alle Schuld bei der Chefin ab: Andrea Nahles bei einer Rede an einem Parteitag in Berlin. (Archivbild: afp via Keystone)

Trotz der vielen Wechsel lud die SPD nach der krachenden Niederlage bei den Europawahlen alle Schuld bei der Chefin ab: Andrea Nahles bei einer Rede an einem Parteitag in Berlin. (Archivbild: afp via Keystone)

Dominique Eigenmann@eigenmannberlin

In den letzten Wochen hatten ihre Gegner in der Partei all die peinlichen Momente nochmals hervorgezerrt: Als Andrea Nahles an der Fastnacht aus voller Kehle «Humba humba humba tätarää» wieherte, einen Politiker «Schnuffi-Buffi», «Wolli-Bolli», «Mindestlohni» nannte und dazu wie irre kicherte.

In den vergangenen Tagen, als es hinter verschlossenen Türen um ihre Entmachtung ging, schlug Nahles erstaunlich viel Verachtung entgegen. Sie könne es einfach nicht, sagte ein Abgeordneter nach dem anderen, sie garantiere geradezu Pleiten. Entscheidend sei nicht, wer ihren Job übernehme, meinte einer, sondern nur dass sie schnell abtrete. Man habe sich auch über die anderen SPD-Vorsitzenden oft geärgert, sagte ein anderer. Aber geschämt – wie über sie – habe man sich noch nie.

Erbarmungslose Partei

Keine deutsche Partei holzt ihre Chefs gnadenloser um als die Sozialdemokraten, angeblich die Partei von Gerechtigkeit und Solidarität. Wenn die Partei Wahlen verliert oder in den Umfragen sinkt, dann ist nie das politische Profil schuld oder das Bild, das die SPD als Ganze abgibt. Schuld sind immer die Chefs. Und so wie in dieser Partei Kanzlerkandidaten meist im Sturz geboren werden, stürzen ihre Chefs in plötzlichen Ausbrüchen aufgestauter Wut.

Seit Sigmar Gabriel 2017 überraschend zugunsten von Martin Schulz ins Aussenministerium floh, wurden die Stürze an der Parteispitze immer zahlreicher: Nahles war im April 2018 – zählt man den kommissarischen Vorsitzenden Olaf Scholz dazu – die vierte SPD-Chefin innert eines Jahres.

Die Einsicht, dass die vielen Wechsel die SPD nicht stabilisiert, sondern immer nervöser und unberechenbarer gemacht hatten, hinderte die Partei nach den krachend verlorenen Europawahlen nicht daran, gleich alle Schuld wieder auf der Chefin abzuladen. Im Hintergrund gierten manche bereits nach ihren Posten: Schulz etwa, der seinen Absturz nie verwunden hat und wenigstens die Fraktion führen möchte, Gabriel, der sich immer noch für den fähigsten Genossen überhaupt hält. «Die Geier kreisen», bemerkte Nahles letzte Woche einmal, als sie aus einer Sitzung trat. Am Ende warf sie ihren Gegnern lieber alle Ämter vor die Füsse, als sich weiter demontieren zu lassen: den Vorsitz von Partei und Fraktion, ja, sogar den Sitz im Bundestag. Nahles beendete die Schlacht in ihrer Partei quasi als Zivilistin.

Eigene Fehler

Dennoch wäre es falsch zu meinen, die 48-Jährige aus der Eifel sei nur an ihrer manisch-depressiven Partei gescheitert. Zu Recht macht man Nahles dafür verantwortlich, dass sie nach dem Scheitern der Verhandlungen zwischen Union, FDP und Grünen entscheidend dazu beigetragen hat, die SPD nochmals in eine Koalition mit der Union zu führen. Ihr Verbündeter Olaf Scholz übernahm als Vizekanzler und Finanzminister die SPD-Führung in der Regierung, Nahles die Aufgabe, die Partei abseits der Regierungsarbeit zu erneuern und ihr wieder ein zukunftsweisendes Profil zu verschaffen.

Sie war als Erneuerin nicht untätig. Das von ihr entwickelte Sozialstaatskonzept 2025 zielt in eine linke Zukunft, die mit den ungeliebten Hartz-IV-Reformen von Gerhard Schröder nicht mehr viel gemein hat. Insgesamt, so sahen es auch wohlmeinende Beobachter, lieferte Nahles aber zu wenig: Sie war nicht schnell genug, nicht mutig genug. Wie ein Klotz hing ihr auch am Bein, dass sie beim Volk nie beliebt wurde. Ihr mal flapsiger, mal aggressiver Stil schreckte viele ab. Dazu beging sie noch schwere Fehler, etwa, als sie Hand bot, den untragbar gewordenen Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maassen zu befördern, nur um ihn aus dem Amt zu hebeln.

Nahles’ Aufstieg und Fall in der SPD hat auch deswegen eine tragische Note, weil sie die Tradition der Partei umfassender verkörpert als vermutlich jeder andere aktive Spitzengenosse. Als Tochter eines Maurermeisters vom katholischen Land stieg sie zur lauten Chefin der Jungsozialisten auf, die den linken Rebellen Oskar Lafontaine bewunderte, den Pragmatiker Schröder bekämpfte und bereits 2005 mit Franz Müntefering selber einen Parteichef stürzte.

Damals hätte ihre Karriere in der Partei enden können, doch Nahles gliederte sich ein und erwies sich als tüchtig. Als Generalsekretärin Gabriels ertrug sie dessen Launen und sorgte dafür, dass trotz legendärer Sprunghaftigkeit des Chefs am Ende so etwas wie ein Kurs der Partei sichtbar wurde.

Respekt von Merkel

2013 boxte sie sich als Arbeitsministerin ins Regierungskabinett. In vier Jahren fertigte sie dort 40 Gesetze – unter anderem jene zum Mindestlohn – und erwarb sich dabei grossen Respekt ihrer Partei und von Kanzlerin Angela Merkel. Die Kehrtwende nach der Bundestagswahl, über die Schulz stürzte, katapultierte Nahles dann zwangsläufig an die Spitze. Angesichts des Desasters, das sie damals übernahm, nannte man die erste Chefin in der mehr als 150-jährigen SPD-Geschichte schon damals eine «Trümmerfrau».

Ein Jahr danach galt Nahles nun auf einmal selbst als eines jener verbrauchten Gesichter, die niemand mehr an der Spitze der SPD sehen möchte. Die Frau, die vor 25 Jahren als Revoluzzerin noch die Partei aufmischte, verkörperte nun für viele auf einmal den bleiernen Status quo – und die Unmöglichkeit, als Partei zu regieren und zugleich zu opponieren.

Für Nahles ist der Absturz aus der Politik brutal. Etwas anderes hat die studierte Germanistin nie gemacht. Fürs Erste dürfte sie in ihre geliebte Eifel zurückkehren. In einem kleinen Dorf wohnt sie dort mit ihrer achtjährigen Tochter in einem Bauernhaus, in dem schon ihre Urgrosseltern lebten. Weit weg von den Selbstzerstörungstrieben einer einstmals stolzen, ehrwürdigen Partei.

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