Aus Spassvögeln werden Politiker

In der Ukraine ist Wolodimir Selenski drauf und dran, Staatspräsident zu werden, ein Mann ohne jede politische Erfahrung. Doch er ist kein bizarrer Einzelfall.

Von der Fernsehserie in die Realität: Wolodimir Selenski gibt bei der gestrigen Präsidentenwahl in der Ukraine seine Stimme ab. Foto: Valentyn Ogirenko (Reuters)

Von der Fernsehserie in die Realität: Wolodimir Selenski gibt bei der gestrigen Präsidentenwahl in der Ukraine seine Stimme ab. Foto: Valentyn Ogirenko (Reuters)

Eines Morgens redet sich der Geschichtslehrer Wassili Goloborodko im Unterricht in Rage über die korrupten und inkompetenten Politiker seines Landes. Einer seiner Schüler nimmt die Tirade heimlich mit seinem Handy auf und lädt das Video bei Youtube hoch. Ein paar Tage später läutet es bei den Goloborodkos: Bodyguards und staatliche Würdenträger stehen vor der Tür und nehmen den erstaunten Familienvater mit, schliesslich muss er ab sofort regieren. Denn wegen seines Wutvideos wurde der einfache Lehrer mit 67 Prozent der Stimmen zum neuen Präsidenten gewählt.

So beginnt die ukrainische Fernsehserie «Diener des Volkes», in der man dem Schauspieler und Komiker Wolodimir Selenski seit zwei Jahren dabei zusehen kann, wie er naiv, aber beherzt und ehrlich gegen Korruption, Niedertracht und Sachzwänge ankämpft. Das Ganze hat immense Einschaltquoten. Wolodimir Selenski folgen auf Instagram 2,9 Millionen Abonnenten.

Doch nun könnte die Comedy zur Wirklichkeit werden. Denn Selenski ist aussichtsreichster Kandidat für das Amt des ukrainischen Präsidenten. Nicht im Fernsehen, sondern in der Realität. Er trat sozusagen live aus seiner Rolle heraus in die Wirklichkeit. Er tat seinen Entschluss den Ukrainern am Silvesterabend kund. Wenige Minuten vor Neujahr, eigentlich lief gerade eine Sendung von Selenskis Schauspieltruppe Quartal 95, wandte sich der Comedian plötzlich mit ernster Stimme an seine Landsleute. Er wolle etwas verändern im Land, sagte er, deshalb habe er sich entschlossen, bei den Wahlen anzutreten.

Einer wie wir, aber lustiger

Es war, als würde er aus dem Fernseher ins Wohnzimmer jedes einzelnen Ukrainers steigen. Einer wie wir, nur lustiger. Und berühmter. Und er macht den Job schon seit zwei Jahren vor unser aller Augen! Kurzum, die Zuschauer waren begeistert. Wolodimir Selenski konnte die erste Wahlrunde gestern für sich entscheiden, vor Amtsinhaber Petro Poroschenko und der Ex-Regierungschefin Julija Timoschenko.

Spass als Training: Marjan Sarec, Sloweniens Premier. Fotos: Reuters, EPA

Nun könnte man das als bizarren Sonderfall abtun. Aber Selenski ist, wie das amerikanische Magazin «Foreign Policy» kürzlich aufzählte, gar keine Ausnahme: Marjan Sarec, der im August überraschend in Slowenien Ministerpräsident wurde, war früher Komiker. In seinen Programmen imitierte er vor allem slowenische Spitzenpolitiker. Anscheinend war das, was für sein Publikum Spass war, für ihn gleichzeitig Training: Bereits 2010 wechselte er in die (Lokal-)Politik und wurde Bürgermeister seiner Heimatstadt Kamnik. Im vergangenen Jahr wurde seine linksliberale Antisystem-Liste LMS bei den Präsidentschaftswahlen zweitstärkste Kraft. Es gelang dem damals 41-jährigen Sarec, mit vier anderen Mitte-links-Parteien eine Minderheitsregierung auf die Beine zu stellen.

«Weder korrupt noch ein Dieb»: Jimmy Morales, Präsident Guatemalas. Foto: Reuters

7300 Dollar «Sonderbonus»

Jimmy Morales, seit 2016 Präsident Guatemalas, wurde seinen Landsleuten als Komiker in der Fernsehserie «Moralejas» bekannt. Dann trat er dem Frente de Convergencia Nacional (FCN) bei, einer Partei, die von ehemaligen Offizieren gegründet wurde, die am Bürgerkrieg der Achtzigerjahre beteiligt waren. Morales leugnet den Genozid an den Ixil-Maya durch guatemaltekische Truppen. Die Wahl gewann er mit dem Slogan «Ni corrupto, ni ladrón» – Weder korrupt noch ein Dieb. Nur ein Jahr später stellte sich heraus, dass ihm das Verteidigungsministerium seit seinem Amtsantritt heimlich jeden Monat 7300 Dollar zuschob – als «Bonus für ausserordentliche Verantwortung».

Und dann ist da noch der frühere Komiker Beppe Grillo, der zwar nicht Präsident ist, aber doch die italienische Politik mit seiner Cinque-Stelle-Bewegung verändert hat wie vor ihm nur Silvio Berlusconi. Für alle diese politischen Newcomer war der Start als Quereinsteiger von immensem Nutzen: Bei einer Umfrage der Kiewer Ratinggruppe sagte knapp die Hälfte der Ukrainer, sie seien dafür, dass Menschen ohne jede politische Erfahrung Regierungsverantwortung übernehmen. Grillo verkündete 2012 stolz, er mache mit seinem Movimento «Antipolitik: Politik von unten, mit echter Bürgerbeteiligung, vorbei am alten Parteiensystem, und geht mir bloss weg mit rechts-links oder Programmen.»

Er macht in Italien «Antipolitik»: Beppe Grillo. Foto: Reuters

Humor wird zur Häme

Noch wichtiger ist natürlich, dass die Komiker in der Politik die Waffe des Humors besitzen. Dass dieser oftmals nur in der hässlich-plumpen Schrumpfform der diffamierenden Häme bedient wird, scheint nicht zu stören. In Sachen frauenfeindliche Witze sind Beppe Grillo und Wolodimir Selenski einsame Spitze. Geschadet hat das den beiden aber bisher nicht. Denn man hat es ja nie wirklich so gemeint, was sind die anderen auch nur so humorlos. Sachkompetenz ist offenbar auch nicht ausschlaggebend. Selenskis Wahlprogramm umfasst vier Seiten, die einen bunten Strauss von Allgemeinplätzen beinhalten: Die Wirtschaft ankurbeln. Die Ostukraine befrieden. Strassenbau ist wichtig. Mehr Geld für alle.

Da Selenski in einigen Interviews inkompetentes bis wirres Zeug daherredete, äusserte er sich vor dem Urnengang als Kandidat so gut wie gar nicht mehr, sondern tourte nur mit seiner Schauspieltruppe Quartal 95 durch die Lande. Auch sonst widmete er sich in den letzten Wochen mehr der Fiktion als der Realität, die dritte Staffel von «Diener des Volkes» musste fertiggestellt werden, letzten Donnerstag war Starttermin. Die Ukrainer haben am Sonntag also mit Überzeugung für eine Kunstfigur gestimmt – hinter der im Übrigen einer der verhassten Oligarchen steht, Igor Kolomojski, dem der Sender gehört, der Selenskis Serie ausstrahlt. Kolomojski will noch ein paar Folgen von «Diener des Volkes» senden sowie eine Doku über den amerikanischen Schauspielerpräsidenten Ronald Reagan. Synchronisiert wird Reagan von Selenski.

Doch das Bild, dass alle Schauspielpolitiker inkompetente Prahler sind, täuscht. In Island hat sich Jon Gnarr selbst ein Denkmal errichtet, gerade weil er im richtigen Moment wieder vom Sockel stieg. Seine politische Karriere startete 2010. Die Isländer hatten damals gerade entdeckt, dass sich ein paar Oligarchen mithilfe korrupter Politiker die drei Banken des Landes unter den Nagel gerissen und damit einen Berg Schulden angehäuft hatten, der 16-mal so hoch war wie das isländische Bruttosozialprodukt.

Schafe übernachten gratis

In diesem schwierigen Jahr gründete Jon Gnarr dann die Best Parti und erfand dazu einen Politikerhanswurst, eine Jovialitätsmaschine, die in der Fussgängerzone von Reykjavik herumtolpatschte und die schlimmsten Phrasen aus den Wahlprogrammen der echten Parteien mit einem Wust surrealer Versprechen mischte: Transparente Korruption! Bauern, die in die Stadt kommen, dürfen ihr Schaf umsonst mit ins Hotel nehmen! Sechs Monate später wählten die Reykjaviker ihn zu ihrem Bürgermeister.

Von der Realität zur Fiktion: Reykjaviks Ex-Bürgermeister Jon Gnarr. Foto: Keystone

Das Wunder: Gemeinsam mit seinen langjährigen Künstler- und Musikerfreunden machte er vier Jahre lang einen wirklich guten Job. Er behielt seinen Humor, machte damit aber Ernst: Er legte sich mit dem mächtigsten Energieunternehmen der Stadt an, verbesserte die Infrastruktur, arbeitete so transparent wie möglich. Und als eine chinesische Handelsdelegation kam, fragte er nur, wann China den Regimekritiker Liu Xiaobo freizulassen gedenke.

Gnarr drehte das Spiel mit Fiktion und Realität übrigens eine Umdrehung weiter: Nachdem er seinen Bürgermeisterposten zum grossen Bedauern der Reykjaviker nach einer Amtszeit wieder an den Nagel gehängt hatte, spielte er in einer Serie den Bürgermeister von Reykjavik. Der wahre Ex-Bürgermeister spielte also einen fiktiven Bürgermeister. Gedreht im Büro des echten Bürgermeisters, also seines Nachfolgers.

Gnarrs Nachfolger im Geiste ist vielleicht Hayk Marutyan, ein Komiker, der seit August Bürgermeister der armenischen Hauptstadt Jerewan ist. Was an einen Witz aus Sowjetzeiten erinnert: Frage an Radio Jerewan: «Gibt es in Armenien mehr Humor als anderswo?» – «Im Prinzip ja. Aber wir haben ihn auch bitter nötig.»

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