Der Anti-Merkel

Friedrich Merz verkörpert die Sehnsucht vieler Konservativer nach altem Stolz und neuer Grösse. Kann er die CDU erneuern und mit sich selbst versöhnen?

Merkels alter Rivale: Friedrich Merz kehrte der Politik vor neun Jahren den Rücken. Foto: Keystone

Merkels alter Rivale: Friedrich Merz kehrte der Politik vor neun Jahren den Rücken. Foto: Keystone

Dominique Eigenmann@eigenmannberlin

Der Messias ist da. «Mein Name ist Friedrich Merz – mit e.» Der fast zwei Meter lange, drahtige Mann mit der spitzen Nase muss selber über seinen kleinen Scherz lachen. Vor ihm in der Berliner Bundespressekonferenz drängen sich so viele Journalisten wie sonst nur bei der Kanzlerin. Jeder kennt ihn, obwohl er ja wirklich lange weg war. Eine halbe Ewigkeit.

Der bald 63-jährige Merz ist der Mann der Stunde, und er geniesst die Aufregung um ihn. Der Sauerländer wirkt fast unverschämt entspannt und gleichwohl energisch. Die CDU brauche Aufbruch und Erneuerung, aber keinen Umsturz. Sie müsse sich über ihren Markenkern wieder klar werden, aber eine Volkspartei der Mitte bleiben. In wenigen Sätzen umreisst er seine Absichten, beantwortet eine Handvoll Fragen, dann ist er wieder weg – wie eine übernatürliche Erscheinung.

Dass dieser Friedrich Merz nach fast zehn Jahren Abwesenheit von der Politik seine alte Rivalin Angela Merkel beerben will, ist nicht nur eine Überraschung, sondern eine Sensation. Noch erstaunlicher ist, dass über seine plötzliche Auferstehung selbst unter politischen Gegnern nur wenig gespottet wird. Die CDU wiederum wirkt geradezu elektrisiert. Die Konservativen begrüssen Merz mit gewaltigem Jubel und sind beschwingt wie selten. Erste Umfragen haben den Rückkehrer bereits zum Favoriten erklärt. Freilich wird der neue CDU-Vorsitzende nicht von den Deutschen oder den Parteimitgliedern, sondern von den Delegierten gewählt.

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Eine Projektionsfläche

Merz ist zur Sehnsuchtsfigur und Projektionsfläche jener Parteimitglieder geworden, die unter allem leiden, wofür der Name Merkel steht. Er wirkt denn auch wie der leibhaftige Anti-Merkel: Wirtschaftspolitisch neoliberal, die EU und den Euro sieht er kritisch, gesellschaftspolitisch ist er konservativ, vor der Masseneinwanderung warnte er schon, als diese noch klein und beherrschbar schien.

Merz steht nicht nur für einen angeblich unverfälschten Konservatismus, er ist auch Merkels Antipode, weil er über jene Qualitäten verfügt, die der Kanzlerin am meisten fehlen: Er beherrscht die Kunst der Rede, er ist schneidig, er hat Visionen, er kann zuspitzen und er vermag damit Anhänger zu begeistern.

Die, die jetzt ihre Hoffnungen in ihn setzen, wünschen sich nichts mehr, als dass er ihrer verunsicherten Partei den Stolz zurückgibt. Und dass er mit seiner Person einen dicken Schlussstrich unter die Ära Merkel zieht. Sollte Merz tatsächlich auf Merkel folgen, würde es jedenfalls wirken, wie wenn die Partei Anfang der 2000er-Jahre nur quasi die falsche Abzweigung genommen hätte und jetzt mit etwas Verspätung auf den richtigen Weg zurückkehrte.

So ein Selbstbewusstsein hat nicht jeder.

Will die CDU mit Merz zurück in die Zukunft? Erklärungsbedürftig ist es jedenfalls, wenn einer, der vor einer halben Ewigkeit in der CDU eine Macht war, plötzlich wie selbstverständlich mit dem Anspruch auftritt, die Partei zu erneuern und in eine glänzende Zukunft zu führen. Merz zweifelt keine Sekunde daran, dass er fähig ist, seine gebrechliche Partei zu retten. So ein Selbstbewusstsein hat nicht jeder. Oder ist er nur auf Rachefeldzug gegen jene Frau, die ihn politisch erledigte, bevor er selber Kanzler werden konnte?

Es ist 16 Jahre her, dass Merz mit seiner Karriere in der CDU innerlich abschloss. Die Parteivorsitzende Merkel hatte 2002 CSU-Chef Edmund Stoiber die Kanzlerkandidatur überlassen, mit diesem aber zugleich ausgemacht, dass sie nach der Wahl dafür zusätzlich den mächtigen Vorsitz der Bundestagsfraktion bekommen sollte. Fraktionschef Merz wurde von der Abmachung hinter seinem Rücken kalt überrascht und konnte sich nicht wehren. Danach war Merkel Oppositionsführerin, drei Jahre später Kanzlerin, und Merz stand entnervt an der Seitenlinie. 2004 trat er aus dem Präsidium aus, 2009 verliess er die Politik ganz.

Eine alte Wunde

Die Verletzung, die Merkel ihm zufügte, hat Merz nach Ansicht von Vertrauten keineswegs vergessen. Er äusserte sich nach seinem Abschied aus der Politik zwar nur noch selten und eher zurückhaltend über Merkel, liess aber doch stets erkennen, dass er die meisten ihrer Grundentscheidungen für falsch hielt und selbst ohne Zweifel der bessere Kanzler gewesen wäre.

Am Ende der Ära von Helmut Kohl galt Merz neben Merkel als das grösste Talent der CDU. Wolfgang Schäuble, der Kohl als Vorsitzender folgte, förderte Merz nach Kräften. Merz machte als rhetorischer Feuerkopf Furore. Er trieb die regierende SPD von Gerhard Schröder und die Grünen von Joschka Fischer mit seinen scharfen Widerworten zur Weissglut und brachte mit seinen Reden Parteitage zum Kochen.

Gezielte Tabubrüche

Merz brillierte mit der Gabe, komplizierte Sachverhalte und Forderungen so zu vereinfachen, dass sie wie geniale Lösungen daherkamen. Legendär war sein Vorschlag, eine Steuererklärung müsse künftig so einfach sein, dass sie auf einen Bierdeckel passe. Und er hatte den Mut, Ideen vorzubringen, deren Zeit noch nicht gekommen war.

Merz war es, der in der Einwanderungsdebatte als Erster eine «deutsche Leitkultur» einforderte, der die grassierende «Ausländerkriminalität» beklagte und unbefangen wiedervon «Nation» und «Vaterland» sprach. Er empörte mit diesen gezielten Tabubrüchen nicht nur die politische Linke, die Liberalen oder den jüdischen Zentralrat, sondern auch viele in der CDU – bis hin zu Merkel.

Merz, der studierte Anwalt, suchte seine Herausforderungen bald in der Wirtschaft. Noch als Abgeordneter heuerte er bei einer amerikanischen Wirtschaftskanzlei an. Nach seinem Ausstieg aus der Politik wurden Erfolg und Aufgaben schnell grösser. Seit 2016 beaufsichtigt Merz die deutsche Filiale von Blackrock. Die grösste Fondsgesellschaft der Welt verwaltet rund 6400 Milliarden an Vermögen. Daneben hält er ein Dutzend weiterer Verwaltungsratsmandate, bei grossen Versicherern, Banken oder dem Thurgauer Zugbauer Stadler Rail.

Erfolg, Geld – und Neid?

Im Wirtschaftsflügel der CDU steht Merz deswegen in hohem Ansehen. In der weithin kapitalismuskritischen deutschen Öffentlichkeit hingegen könnte die Tätigkeit für «Heuschrecken» wie Blackrock und andere Champions der Steuervermeidung allerdings leicht auch Allergien auslösen.

Merz hat ein politisches Profil, mit dem er als Merkels Nachfolger an der Spitze der CDU sowohl die Alternative für Deutschland wie Christian Lindners FDP das Fürchten lehren könnte. Im Osten allerdings, wo die AfD besonders stark ist, hätte er als Neoliberaler und glühender USA-Freund wohl einen schweren Stand. Auch die gemässigte Mitte dürfte er eher verschrecken als verführen.

Schwer vorstellbar wäre aber vor allem, dass er mit Merkelgedeihlich zusammenarbeiten könnte. Ein schneller Bruch und ein Ende auch von Merkels Kanzlerschaft halten viele in diesem Fall für wahrscheinlicher als ein friedliches Nebeneinander der beiden alten Rivalen.

Merkel habe gesagt, die Trennung von Kanzleramt und Parteivorsitz sei ein Wagnis, meinte Merz am Mittwoch. «Ich bin bereit, mich auf dieses Wagnis einzulassen.» Er sagte es, wie wenn die Fragen der Journalisten ihn gerade zum CDU-Chef erkoren hätten.

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