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Der Balkan wird für Flüchtlinge zur Sackgasse

Meldungen über eine neue Fluchtroute durch Südosteuropa heizen die Stimmung an. Tatsächlich aber stecken die meisten Migranten fest, besonders in Bosnien.

Migranten aus Pakistan essen auf dem Platz vor dem Bahnhof von Sarajevo. Sie warten auf eine Möglichkeit, nach Kroatien und Westeuropa weiterzureisen. (Bild: AP/Amel Emric)
Migranten aus Pakistan essen auf dem Platz vor dem Bahnhof von Sarajevo. Sie warten auf eine Möglichkeit, nach Kroatien und Westeuropa weiterzureisen. (Bild: AP/Amel Emric)

Um kurz vor zwei zur Mittagszeit bildet sich auf dem Parkplatz vor dem Bahnhof eine lange Schlange aus meist schweigenden, müden Männern. Sie kommen aus dem Schatten, wo sie in Grüppchen ihr Lager aufgeschlagen haben, doch eigentlich kommen sie von ganz weit her: aus Syrien oder Afghanistan, aus Irak oder Iran, aus Pakistan oder Marokko. An einem weissen Passat öffnet sich die Heckklappe, und eine Gruppe junger Freiwilliger beginnt mit der Essensverteilung aus dem Kofferraum. Aus der Reihe tritt immer einer nach vorn und empfängt einen dampfenden Teller. Heute ist es Sarajevo. Heute gibt es Suppe.

Mitten in der Schlange steht João dos Santos Pequeno aus Portugal, der die freiwilligen Helfer anführt, die sich «Souls of Sarajevo» nennen. Er sorgt dafür, dass sich niemand vordrängelt, dass kein Streit ausbricht, dass jeder genug zu essen bekommt. Seit 2015 schon ist er meist da, wo die Flüchtlinge sind, war in Griechenland, in Frankreich, in Serbien. Seit ein paar Wochen ist er nun in Bosnien. «Es kommen mehr und mehr», sagt er. «Mal sind es kleine Wellen, mal grosse.»

Auf dem langen Marsch der Flüchtlinge in den Westen gibt es immer neue Knotenpunkte, immer neue Plätze, an denen sie sich sammeln oder auch stauen. Der jüngste Hotspot ist die bosnische Hauptstadt, sie ist der Dreh- und Angelpunkt einer sogenannten neuen Balkanroute, die in den Hauptstädten der EU wieder für Alarmstimmung sorgt. «Albanienroute» wird sie von manchen genannt, weil die Flüchtlinge von Griechenland aus jetzt über Albanien, Montenegro, Bosnien und dann via Kroatien und Slowenien den Weg in den Westen suchen. «Moscheen-Route» haben sie andere getauft, weil die Flüchtlinge angeblich unterwegs in muslimischen Gotteshäusern nächtigen, vor allem aber wohl, weil das irgendwie bedrohlich klingt.

Kein Vergleich zu 2015, als 20'000 Menschen dort ankamen – pro Woche

Die Maschinerie jedenfalls ist angelaufen, die der Helfer ebenso wie die der grossen Politik. Dort ist schnell der Abwehr-Mechanismus aktiviert worden, und mit Zahlen wird sehr grosszügig hantiert. Von 80'000 Migranten, die auf dem Weg seien, spricht in Österreich General Franz Lang, der Direktor des Bundeskriminalamts. Besonders in Bosnien sei die Lage «dramatisch». Ablesen kann man das tatsächlich an einem Anstieg der dortigen Flüchtlingszahlen um gleich mehrere hundert Prozent. Kein Wunder also, dass man sich in Wien bereits publikumswirksam für die Schliessung der Grenzen rüstet, dass in Berlin der Streit um die Flüchtlingspolitik hochkocht und dass sich in Brüssel die Gipfeltreffen jagen.

Die Dramatik relativiert sich allerdings beim Blick auf die konkreten Zahlen: Es werden mehr Neuankömmlinge in Griechenland registriert – rund 18'000 sind es in den ersten fünf Monaten 2018 im Vergleich zu 11'500 im ersten Halbjahr 2017. Kein Vergleich ist das allerdings zu 2015, als 20'000 Menschen dort ankamen – pro Woche. In Bosnien erklärt sich die prozentuale Explosion damit, dass im gesamten Jahr 2017 nur 755 Migranten gezählt wurden, 2018 sind es bis Mitte Juni 6400. Derzeit kommen nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) jede Woche rund 500 dazu. «Aber das sind keine neuen Flüchtlinge», sagt Peter Van der Auweraert, «ungefähr 80 Prozent von ihnen waren schon auf der alten Balkanroute unterwegs».

Der Belgier ist Regionalkoordinator der UN-Migrationsagentur IOM, in seinem Büro laufen die Zahlen zusammen und die internationale Hilfe wird koordiniert. «Geografisch gibt es eine neue Balkanroute über Albanien, Montenegro und Bosnien», sagt er, «aber die meisten auf dieser Route waren vorher schon in Griechenland oder Serbien gestrandet». Vor allem von Serbien aus, wo die Grenzübergänge nach Ungarn und Kroatien dicht sind, strömten die Migranten nun nach Bosnien.

Schliesslich gebe es dort eine fast tausend Kilometer lange Grenze zu Kroatien, die schwer zu sichern sei. Die Schlepper hätten die neuen Wege Ende letzten Jahres ausprobiert. Der Rest, so erklärt er, ist Routine im Chaos der Fluchtbewegung: Über Facebook- und Whatsapp-Gruppen wird die neue Route verbreitet, sogar Videos gibt es, auf denen die Schleichwege gezeigt werden.

Doch natürlich haben mittlerweile auch die Kroaten reagiert. Sie sichern ihre Grenze mit zusätzlichen Patrouillen, mit Hubschraubern und mit Drohnen. Die Anspannung ist so gross, dass Ende Mai das Feuer eröffnet wurde auf einen Kleinbus voller Flüchtlinge, die aus Bosnien gekommen waren. Zwei Kinder wurden von Kugeln am Kopf getroffen und schwer verletzt. Für Abschreckung sorgen zudem die Berichte vieler Flüchtlinge, dass sie von kroatischen Grenzschützern geschlagen, dass ihnen Geld abgenommen und Handys zerstört würden. «Es wird für die Migranten auch von Bosnien aus zunehmend schwieriger, nach Kroatien zu kommen», bilanziert Van der Auweraert. «Bosnien läuft Gefahr, zu einem Land zu werden, in dem die Migranten stecken bleiben.»

«Unsere Flüchtlinge waren Frauen und Kinder»

Die neue Balkanroute ist demnach jetzt schon fast zu einer Sackgasse geworden – und für den höchst fragilen Staat Bosnien-Herzegowina, der geteilt ist in die Republika Srpska und die muslimisch-kroatische Föderation, droht das zur ernsten Belastungsprobe zu werden. Störfeuer kommt bereits von Milorad Dodik, dem Präsidenten der Serbenrepublik, der von Banja Luka aus wettert, die Zentralregierung hole gezielt die Flüchtlinge ins Land, um die muslimische Mehrheit zu vergrössern.

Und in Sarajevo kann man in seinem Büro in der Universität den Kriminalistik-Professor Goran Kovacevic treffen, der Ängste schürt mit der Behauptung, dass die Neuankömmlingen keine Flüchtlinge, sondern IS-Soldaten seien. Hinweise darauf, dass in den Kriegsjahren der Neunziger auch mehr als zwei Millionen Bosnier zu Flüchtlingen geworden waren, wischt er vom Tisch. «Unsere Flüchtlinge waren Frauen und Kinder», sagt er. «Zu uns aber kommen jetzt fast nur junge Männer.»

Anders als der wütende Professor erinnern sich jedoch noch viele Bosnier an die eigenen Erfahrungen, die Solidarität mit den Flüchtlingen ist gross. Man sieht das in der Lagerhalle der Hilfsorganisation Pomozi, die auch das Geld gibt für die Suppenspeisung am Bahnhof. Pomozi heisst übersetzt «helft», und diesem Imperativ sind viele nachgekommen. Bis zum Wellblechdach stapelt sich in Kisten und Plastiksäcken all das, was die oft armen Bosnier für die noch Bedürftigeren abgegeben haben: Schlafsäcke und Decken, Kleidung und Spielzeug, Taschenlampen und auch mehrere Krückenpaare.

«Das ist anders hier als in den meisten Ländern», sagt Adnan Tatarevic, der Präsident von Pomozi. «Es gibt bei uns keinen Druck von der Polizei auf die Flüchtlinge, viele Menschen helfen, weil sie in derselben Situation waren, nur unsere Regierung ist eine Katastrophe», meint er. Hilfsgelder, die aus der EU kämen, würden in den korrupten Strukturen versickern. Aber die EU gebe sowieso nur Geld, damit die Flüchtlinge in Bosnien blieben und nicht weiterzögen. «Das wird ein humanitäres Desaster», warnt er, «wir sind zu klein, um viele Flüchtlinge aufzunehmen».

Die Regierung ist tatsächlich kalt erwischt worden vom Zuzug der Flüchtlinge. Erst schliefen die Neuankömmlinge in Sarajevo in einem Park im Stadtzentrum, mittlerweile herrscht Gedränge in den Städten Bihac und Velika Kladuša, die dicht an der kroatischen Grenze liegen. Voll bis fast aufs letzte Bett ist mittlerweile auch das vom Ministerium für Menschenrechte und Flüchtlinge betriebene Lager in Salakovac nahe Mostar. Schwer atmend sitzt der Leiter Edin Denjo in seinem Büro und streitet am Telefon mit den Kollegen aus Sarajevo, die ihm noch heute einen Bus mit 30 neuen Flüchtlingen schicken wollen. «Die müssen dann erst einmal auf dem Boden schlafen», ruft er in den Hörer.

«Wir waren reich in Afghanistan»

Hinter dem grünen Eisentor des Flüchtlingscamps ist Abdul Bustony gelandet, 18 Jahre alt, aus Afghanistan und seit zwei Jahren allein unterwegs. Sein Ziel: Belgien. «Da will ich heiraten.» Aus Madschdal Schams in Syrien ist Yussuf Ibrahim gekommen, 25. Ziel: Deutschland. Dorthin oder in die Schweiz will auch Majid Khaled aus Irak, der sich mit Frau und vier Kindern vor einem Jahr auf den Weg gemacht hat. Sie alle waren vorher in Serbien. Erst haben sie dort festgesessen, nun hier.

«Warum sind alle Grenzen nach Deutschland geschlossen?», fragt Salma Samed, 24, die mit ihren Eltern, der Schwester und dem Bruder vor zwei Jahren in Kabul gestartet ist. «Wir waren reich in Afghanistan», sagt sie, «aber wegen den Taliban konnten wir nicht bleiben». 30'000 Dollar seien für Schlepper draufgegangen. «Jetzt haben wir nichts mehr, und wir wissen nicht weiter.»

Bosnien ist der letzte Versuch, überall sonst sind sie schon gescheitert. Die lange Flucht hat Spuren hinterlassen, bei allen in der Familie. Samir, der 12-jährige Bruder, liegt ausgestreckt auf dem Bett, hat keine Lust zu gar nichts. Die Mutter bricht ständig in Tränen aus, der 64 Jahre alte Vater schaut ins Leere. Er sei krank, sagt Salma Samed, das Herz, die Nieren. Dann tippt sie sich noch mit dem Finger an den Kopf. Irgendwann erwacht der Vater aus seiner Lethargie. «Ich werde hier sterben, das ist egal», sagt er. «Aber meine Kinder müssen es nach Deutschland schaffen.»

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