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Der Held der Samtenen Revolution

Taxifahrer, Bühnenarbeiter, Staatspräsident: Vaclav Havel hat im Leben viele Berufe ausgeübt – wenn auch nicht freiwillig. Der Sohn einer bürgerlichen Prager Familie hat stets das Beste aus der Situation gemacht.

Schriftsteller und Humanist: Vaclav Havel an einer Podiumsdiskussion in Prag.
Schriftsteller und Humanist: Vaclav Havel an einer Podiumsdiskussion in Prag.
Keystone
Vor wenigen Wochen in Prag: Der frühere tschechische Präsident, Vaclav Havel, winkt dem Publikum an einer Zeremonie in der Hauptstadt zu.
Vor wenigen Wochen in Prag: Der frühere tschechische Präsident, Vaclav Havel, winkt dem Publikum an einer Zeremonie in der Hauptstadt zu.
Reuters
War auch Schriftsteller: Der ehemalige tschechische Präsident, Vaclav Havel, neben Bill Clinton in Washington.
War auch Schriftsteller: Der ehemalige tschechische Präsident, Vaclav Havel, neben Bill Clinton in Washington.
Keystone
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Als unerschrockener Schriftsteller und Systemkritiker machte er sich einen Namen, als «Seele der Samtenen Revolution» schrieb er 1989 Geschichte: Vaclav Havel, der die Geschicke seiner tschechischen Heimat über Jahrzehnte mitbestimmte, starb am frühen Sonntagmorgen mit 75 Jahren friedlich im Schlaf.

Beharrlich und unbeugsam gehörte er zur Dissidentenbewegung, die gegen das nach dem Prager Frühling erstarrte kommunistische Regime der Tschechoslowakei aufbegehrte. Als 1989 das System in der «samtenen Revolution» gestürzt wurde, trug das Volk Havel geradezu auf «die Burg» - den Amtssitz des Staatspräsidenten in Prag.

Wegen seiner bürgerlichen Herkunft durfte der junge Havel keine weiterführende Schule besuchen. Stattdessen arbeitete er nach 1951 in einem Chemielabor und besuchte nebenbei eine Abendschule. Um diese zu finanzieren, fuhr er zusätzlich Taxi.

Wortführer des «Prager Frühlings»

Von 1955 bis 1957 studierte er an der technischen Hochschule Prag Verkehrswirtschaft, durfte das Studium jedoch nicht abschliessen. Aus politischen Gründen wies man ihn auch an der Akademie der Musischen Künste zurück, erlaubte ihm aber ein Fernstudium im Fach Dramaturgie, das er 1966 mit einem Examen beendete.

Schon vor seinem Militärdienst (1957 bis 1959) hatte Havel Kritiken in der Zeitschrift «Kveten» («Mai») geschrieben, denen bald Beiträge in allen wichtigen tschechischen Literaturzeitschriften folgten. Auf einem Schriftstellerkongress im Juni 1967 griff Havel scharf die staatliche Zensur und den Machtapparat der Kommunistischen Partei an. Während des «Prager Frühlings» 1968 entwickelte er sich zum prominentesten Wortführer der nichtkommunistischen Intellektuellen. Seitdem hatte er Aufführungs- und Publikationsverbot.

1977 gehörte Havel zu den Mitbegründern der Menschen- und Bürgerrechtsbewegung Charta 77. Er wurde in dieser Zeit drei Mal verhaftet und zu insgesamt rund fünf Jahren Gefängnis verurteilt. In dieser Zeit schrieb er Briefe an seine Frau, die als «Briefe an Olga» zu seinen bekanntesten Werken gehören. Darin vermischte er philosophische Gedanken mit Ratschlägen an seine Ehefrau, die gleichzeitig Mentor und beste Freundin war.

Schwieriger politischer Alltag

In dieser Situation war es eine Ironie der Geschichte, dass am 29. Dezember 1989 die ehedem kommunistischen Vertreter der tschechoslowakischen Bundesversammlung Havel zum Staatspräsidenten wählten - oder auf Druck des Volkes wählen mussten. Der Dramatiker und Dissident hatte wesentlichen Anteil daran, dass der Umbruch friedlich erfolgte und als «samtene Revolution» in die Geschichte einging. Havel führte das Land zu freien Wahlen im Juli 1990 und wurde danach vom Parlament als Staatspräsident bestätigt.

Gegen die Trennung von Tschechien und der Slowakei im Januar 1993 kämpfte Havel vergeblich. Schon ein halbes Jahr zuvor war er als Präsident zurückgetreten, weil ihm die slowakischen Abgeordneten die Unterstützung entzogen. Am 26. Januar 1993 wurde er zum tschechischen Staatspräsidenten gewählt, seine zweite Amtszeit endete 2003.

Im politischen Alltag zerschliss sich Havel zusehends; hinzu kam seine angegriffene Gesundheit. 1996 musste dem langjährigen Kettenraucher wegen eines Tumors ein Teil des rechten Lungenflügels entfernt werden. 1998 erlitt er einen Darmdurchbruch. Seine Ehefrau starb 1995 an Krebs. Havel heiratete später Dagmar Veskrnova, eine 20 Jahre jüngere Schauspielerin.

EU-Beitritt als Erfüllung eines Traums

Im politischen Tagesgeschäft litt das Ansehen des Helden. Die Kritik in den Medien wuchs: Seriöse Zeitungen äusserten Zweifel an seinen politischen Visionen, die Boulevardblätter konzentrierten sich auf sein Privatleben und seine glamouröse Ehefrau.

Havel räumte ein, dass er in der Innenpolitik nie so geschickt agierte wie aussenpolitisch. Als aber die Tschechische Republik 1999 der Nato und im Mai 2004 der Europäischen Union beitrat, hatten sich seine Träume erfüllt. «Ich kann nicht aufhören, darüber zu jubeln, dass ich in dieser Zeit lebe und daran teilnehmen kann», erklärte er.

Sehr viel bedeuteten ihm Besuche von Rockmusikern, die in den 60er und 70er-Jahren einen nicht unwesentlichen Einfluss auf die tschechische Jugend hatten: Die Rolling Stones und Lou Reed, ehedem Velvet Underground waren auf der Prager Burg zu Gast. Vom sanften Untergrund zur sanften Revolution - ein tschechischer Lebensweg.

2008 kehrte Havel schliesslich zu seiner ersten Liebe zurück: der Bühne. Er veröffentlichte ein neues Stück über den schwierigen Weg eines Politikers zurück ins Privatleben und wurde dafür von den Kritikern hochgelobt. Dem Theater galt wieder sein Hauptinteresse.

«Meine Rückkehr zur Bühne war nicht einfach», sagte er. «Es ist nicht alltäglich für jemanden, erst im Theater zu arbeiten, Präsident zu werden und danach zurückzukehren.»

dapd/wid

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