Der Kennedy aus Florenz

David Sassoli verdankt seine Beförderung zum Präsidenten des Europaparlaments einem Umdenken.

Erinnert in seinem Aussehen entfernt an Robert Redford: der neue Präsident des EU-Parlaments David Sassoli. Foto: Reuters.

Erinnert in seinem Aussehen entfernt an Robert Redford: der neue Präsident des EU-Parlaments David Sassoli. Foto: Reuters.

Oliver Meiler@tagesanzeiger

Das Leben ist auch eine Zufallstüte. Es ist nicht überliefert, wie David Sassoli reagierte, als man ihm in den vergangenen Tagen eröffnete, dass er Präsident des europäischen Parlaments werden sollte. Bis kurz davor hätte er das wohl für unmöglich gehalten. Wenn man noch einige Monate weiter zurückdreht, dann gab es da eine Versuchung, die ihn, wäre er ihr erlegen, sogar den Sitz in der Strassburger Versammlung gekostet hätte. Der frühere Journalist hatte beschlossen, den sozialdemokratischen Partito Democratico zu verlassen und sich der linken Abspaltung «Liberi e Uguali» anzuschliessen. «In letzter Sekunde», schreibt «La Repubblica», entschied er sich noch um.

Und so erhält Europa nun also für die erste Hälfte der Legislaturperiode den «florentinischen Kennedy» zum Parlamentsvorsitzenden. «Il bello della sinistra», den Schönen der italienischen Linken. So rief man ihn früher.

Er ist jetzt etwas reifer, 63 Jahre alt. David ist der Sohn des toskanischen Intellektuellen Domenico Sassoli, der einst ein einflussreicher Vordenker der Democrazia cristiana war. Geboren wurde David Sassoli in Florenz. Daher rührt die grosse Liebe zur «Viola», der Violetten, wie sich der örtliche Fussballverein nennt, die Fiorentina. Doch schon als er ein kleines Kind war, zog die Familie nach Rom. Sassoli wuchs in einer Wohnung bei der Piazza Navona auf, im alten Herzen der Stadt.

«Ich bin ein Langweiler»

Als junger Mann engagierte sich Sassoli für die «Rosa bianca», das italienische Pendant zur antinazistischen katholischen Bewegung «Weisse Rose». Er ist ein progressiver Christdemokrat, beseelt vom politischen Erbe Aldo Moros, den er oft zitiert. Der frühere Premier war ein Brückenbauer zwischen Katholizismus und Kommunismus, ein Vermittler zwischen unvereinbaren Welten. Die Roten Brigaden töteten ihn dafür. Der Geist Moros aber überlebte.

Sassoli machte sich mit exklusiven Geschichten einen Namen als Zeitungsjournalist, wechselte dann zum staatlichen Fernsehen RAI. Da er im Aussehen vage an Robert Redford erinnerte, setzte man ihn bald vor die Kamera. Auf dem Höhepunkt seiner TV-Karriere moderierte er den «TG1» um 20 Uhr, die Hauptnachrichtensendung im ersten Programm. Ein stiller Liebling der Nation, mit oftmals melancholischer Miene.

Als ihn eine Interviewerin einmal fragte, wie es denn so sei als schöner Mann, sagte Sassoli: «Machen Sie sich keine falschen Vorstellungen, ich bin ein Langweiler.»

Als der Partito Democratico ein prominentes Gesicht für die Europawahlen 2009 suchte, stiess man auf Sassoli. Der gewann auf Anhieb 412'000 Vorzugsstimmen, ein Triumph. Einige Jahre später wollte er Bürgermeister von Rom werden, scheiterte aber bei der Primärwahl. Matteo Renzi, der auch aus Florenz stammt, war ihm als Parteichef zu liberal, zu rechts gewissermassen. Darum spielte Sassoli also mit dem Gedanken, die Partei zu verlassen. Nun soll der Europafreund, Antinationalist und Antipopulist Brücken bauen zwischen den alten Familien im Parlament. Vielleicht sieht man Sassoli bald nach, dass es ein Zufall des Lebens war, der ihn an die Spitze beförderte. Als Puzzleteil eines grossen Postengemäldes.

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