Der Stoss in den Rücken Deutschlands

Nicht erst die Tragödie von Frankfurt zeigt, wie zerrissen das Land ist, wenn es um Flüchtlinge geht.

«Das Thema Sicherheit wird durch das entsetzliche Geschehen von Frankfurt in eine neue politische Dimension katapultiert», schreibt Autor Hans-Jürgen Maurus. (Illustration: Luca Schenardi)

«Das Thema Sicherheit wird durch das entsetzliche Geschehen von Frankfurt in eine neue politische Dimension katapultiert», schreibt Autor Hans-Jürgen Maurus. (Illustration: Luca Schenardi)

Es geschah am helllichten Tag. Der Tod eines 8-jährigen Buben vergangenen Montag am Frankfurter Hauptbahnhof hat in Deutschland einen nationalen Schock ausgelöst. Reisende, Rettungskräfte, Zugführer und eine fassungslose Nation fragen sich seither, wie so etwas geschehen kann.

Bereits eine Woche zuvor wurde im niederrheinischen Voerde eine 34-jährige Frau von einem Mann von hinten auf ein Gleis geschubst, als sich ein Regionalzug näherte. Im November 2016 starb eine 20-jährige Abiturientin an einer Berliner U-Bahn-Station, als sie von hinten einen Stoss erhielt. Wortlos, ohne Streit. Einfach so. Der Täter, ein vorbestrafter Deutsch-Iraner, war erst tags zuvor aus einer Hamburger Psychia-trie entlassen worden. Ähnliche Fälle gab es auch in Stuttgart, München oder auch in der Schweiz. Immer waren die Täter psychisch krank, litten an Paranoia oder Schizophrenie.

Für die Eltern der Opfer, ihre Freunde und Verwandten bleibt der Albtraum unendlich. Sie haben ihre Lieben verloren, können das Geschehene nicht begreifen und schon gar nicht vergessen. Ihr Leid hat erst begonnen. Und Angela Merkel schweigt, kein Wort der Anteilnahme von der Kanzlerin.

Eine Art menschliche Zeitbombe

Als Folge der Tragödie von Frankfurt hat Innenminister Horst Seehofer «intelligente Grenzkontrollen» zur Schweiz angekündigt. Begründung: 43'000 unerlaubte Einreisen nach Deutschland 2018. Eine «erweiterte Schleierfahndung» solls richten. Ein umstrittener Begriff, weil verdachtsunabhängige Durchsuchungen als unverhältnismässig gelten. Auf jeden Fall ist auch diese Methode nicht fehlerfrei. Grenzpolizisten können kaum alle psychisch angeschlagenen Patienten auf Reisen aus dem Verkehr ziehen.

Der aus der Schweiz eingereiste Täter von Frankfurt, Habte A., ist ein Fall für den Psychiater, weil der Eritreer vermutlich an paranoider Schizophrenie leidet. Gleichzeitig ist er eine Art menschliche Zeitbombe wie jenes Prozent der Bevölkerung, das mit ähnlichen Krankheitserscheinungen zu kämpfen hat. Hier setzt Seehofer an, durch intelligente Grenzkontrollen eine vermeintliche Sicherheit zu suggerieren, die es nur begrenzt geben kann. Barrieren, Sperren oder erhöhte Präsenz von Bundespolizei an Bahnhöfen sind durchaus sinnvoll, erhöhen das Sicherheitsgefühl von Reisenden und signalisieren, dass sich der Staat kümmert. Doch tut er das wirklich?

Die Treiber der Furcht vor Überfremdung

Das Thema Sicherheit wird durch das entsetzliche Geschehen von Frankfurt in eine neue politische Dimension katapultiert. Die einen befürchten mehr Fremdenfeindlichkeit, andere verdammen die Flüchtlingspolitik der Regierung Merkel. Die Debatte zeigt die Zerrissenheit des Landes. Kritiker und Verharmloser übersehen dabei: Die Verunsicherung im Land hat viele Väter. Sie speist sich aus dem Gefühl wachsender Gefährdung, eigener Hilflosigkeit und Furcht vor dem Versagen des Staates.

Ob Schwertmord in Stuttgart, Messerattacken, türkische Hochzeitsfeiern auf blockierten Autobahnen, bedrohliche Massenaufläufe in Schwimmbädern, Angriffe auf Polizisten oder Feuerwehr sowie Autoritätsverlust des Staates – sie sind die Treiber der Furcht vor Überfremdung und Kontrollverlust. Viele wollten nicht wahrhaben, dass mit dem Flüchtlingsstrom nicht nur Opfer, sondern auch Täter, Schwerkranke, traumatisierte oder psychisch angeschlagene Menschen zu uns kommen. Dies zu ignorieren, kann tödlich sein.



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