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Die bulgarische Polizei gilt als besonders brutal

In Bulgarien kam es zum ersten toten Flüchtling durch Polizeigewalt. Dazu die Einschätzung unseres Korrespondenten. Plus: Nun nutzen die Schlepper Korridore, die schon von einer anderen Branche eingerichtet wurden.

Verfehlt den Zweck: Grenzzaun an der bulgarisch-türkischen Grenze. Bild: EPA/Vassil Donev
Verfehlt den Zweck: Grenzzaun an der bulgarisch-türkischen Grenze. Bild: EPA/Vassil Donev

Die Theorie vom «Querschläger» glauben nicht einmal alle in der bulgarischen Regierungskoalition. «Die Polizei behauptet, sie habe in die Luft geschossen», sagt der ehemalige Armeegeneral Atanas Atanasow, der den parlamentarischen Sicherheitsausschuss leitet, zu bulgarischen Medien: «Wo sollte die Kugel da abgeprallt sein?» In der Nacht von Donnerstag auf Freitag starb ein afghanischer Flüchtling nahe der bulgarischen Kleinstadt Sredets durch die Kugel aus dem Gewehr eines Grenzpolizisten. Der 25-jährige Flüchtling ist in der Flüchtlingskrise das erste Opfer von Polizeigewalt. Ob der Schuss den Mann tatsächlich nur durch ein Missgeschick im Nacken traf oder doch gezielt abgegeben wurde, soll nun eine Sonderkommission der bulgarischen Polizei klären.

Laut Ermittlern gehörte der Mann zu einer Gruppe von über 50 Flüchtlingen, die illegal aus der Türkei über die grüne Grenze nach Bulgarien gekommen waren. Als die Grenzpatrouille sie stellte, versuchten sie zu flüchten. Dann fielen die Schüsse. Regierungschef Bojko Borissow verliess daraufhin vorzeitig den EU-Gipfel in Brüssel. Nachdem sie die Grenze zur Türkei durch einen Zaun und massive Militärpräsenz sichern liess, glaubte Bulgariens Regierung, dass die Flüchtlingskrise das Land nur mehr am Rande treffen werde.

Vor drei Tagen erklärte Innenministerin Rumjana Bachwarowa dem Privatsender BTV, dass die Lage in Bulgarien völlig unter Kontrolle sei: Eine grössere Flüchtlingswelle nach Bulgarien erwarte sie erst für den nächsten Sommer. Doch die Flüchtlinge kommen nun über den Landweg viel früher, als die Regierung annahm.

5 Millionen Euro Nothilfe von der EU

Lange vor Ungarn, nämlich schon im November 2013, begann Bulgarien mit dem Bau eines Zauns entlang der Grenze zur Türkei. Im vergangenen Sommer wurde die Sperre dann erweitert und sichert nun etwa die Hälfte der 160 Kilometer langen Landgrenze. Der Zaun ist viereinhalb Meter hoch und besteht aus mehreren, insgesamt eineinhalb Meter breiten Rollen scharfkantigen Nato-Drahts. Auf einem etwa 20 Meter breiten gerodeten und planierten Streifen hinter dem Zaun patrouillieren Soldaten und Grenzpolizisten. Der Chef der bulgarischen Grenzpolizei behauptete unlängst, dass der Zaun jeden Monat rund 500 Flüchtlinge vom Grenzübertritt abhalte.

Es sind freilich nicht nur die scharfen Klingen am Zaun, die Flüchtlinge dazu bewegen, lieber den gefährlicheren Seeweg von der Türkei nach Griechenland zu wählen. Die bulgarische Polizei gilt als besonders brutal, die bulgarischen Flüchtlingslager sind besonders gefürchtet. Der Ruf stammt von der Krise vor zwei Jahren, als über zehntausend Menschen über Bulgarien in den Westen wollten und das Land völlig überforderten. In den Lagern gab es kein Essen, keine Waschmöglichkeiten und durch die Überfüllung kam es zu Ausschreitungen.

Seither bekam das Land fast fünf Millionen Euro Nothilfe von der EU, stockte damit die Anzahl der Betten in den sechs Lagern auf und verbesserte die hygienischen Bedingungen. Amnesty International sieht allerdings noch immer grosse Probleme bei der Unterbringung, Gesundheitsversorgung und Zugang zu Bildung für Asylbewerber. Von 520 registrierten Kindern im Schulalter besuchen nur 98 tatsächlich eine Schule.

Grosses Geschäft für Schlepperbanden

Noch im Juni hatte die bulgarische Innenministerin stolz verkündet, dass sie in Brüssel die Flüchtlingsquote für Bulgarien auf 500 Personen hinunterverhandelt habe. Nun wird der Balkanstaat aber doch mindestens 850 Flüchtlinge aus der EU-Quote aufnehmen müssen. Viel mehr Menschen werden dieses Jahr aber noch versuchen, ohne Registrierung auf dem Landweg über die Türkei und Bulgarien in den Westen zu kommen. Denn Kälte und raue See machen die Bootsfahrten immer riskanter. Im Vergleich dazu scheint ein Zaun das kleinere Hindernis.

Auf bulgarische Schlepper wartet nun das grosse Geschäft: Sie kennen die Wege um den Zaun herum, durch die dichten Wälder. Sie können Grenzer bestechen, Löcher in den Zaun schneiden. Bulgarien war und ist ein wichtiges Transitland für den Drogenhandel von Afghanistan und dem Iran über die Türkei nach Westeuropa. Diese Infrastruktur funktioniert nun auch für den Menschenschmuggel. Besitzer und Fahrer jenes LKW, in dem Ende August 71 Flüchtlinge erstickten, kamen aus Bulgarien. Und auch jene Gruppe, die vorvergangene Nacht von Grenzern beschossen wurde, war organisiert unterwegs: Laut bulgarischer Polizei wartete sie unter einer Brücke auf Schlepper, die sie weiter nach Serbien bringen sollten.

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