Die grosse BoJo-Show

Boris Johnson hat eine Scheidung am Hals, Theresa May hat Boris Johnson am Hals. Der Streit bei den Tories eskaliert.

Auf Konfrontationskurs: Grossbritanniern spricht wieder über Boris Johnson. Foto: Czarek Sokolowski (AP, Keystone)

Auf Konfrontationskurs: Grossbritanniern spricht wieder über Boris Johnson. Foto: Czarek Sokolowski (AP, Keystone)

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Man möchte nicht in der Haut von Carrie Symonds stecken. Jetzt, wo nicht mehr nur gemunkelt, sondern darüber berichtet wird, dass sie offenbar eine Affäre mit Boris Johnson hat, ist die 30-jährige Blondine plötzlich nicht mehr die «zweitmächtigste PR-Frau» im Königreich, wie ein Branchendienst mal geschrieben hatte.

Sie ist auch nicht mehr bei der Konservativen Partei für die Kommunikation zuständig. Symonds hat den Job gewechselt und ist abgetaucht. Denn jetzt ist sie, laut Times vom Montag, nur noch eine Party-Maus, die bei den Tories nicht etwa für gute Arbeit bekannt gewesen sei, sondern dafür, dass sie «keine Fete ausliess und sich gern in der Umgebung wichtiger Männer» aufhielt.

Harter Tobak, selbst für Johnson

Marina Wheeler, die Frau von Johnson, hat jedenfalls genug. Sie lässt sich scheiden. Die Reaktion im politischen London: Wurde auch Zeit. Die arme Frau. Hat lange genug zugeschaut und geschwiegen. Symonds war wohl eine Geliebte zu viel. Was so geredet wird, wenn sich niemand wundert.

Aus: Marina Wheeler will die Scheidung von Boris Johnson. Foto: Matt Dunham (AP, Keystone)

Nun muss man wissen, dass sich die Tories schon seit Längerem selbst zerlegen, wofür die junge Mitarbeiterin wahrscheinlich am wenigsten kann. Es gibt innerhalb der Konservativen diverse Lager mit unterschiedlichen Schnittmengen; einzig verbindende Merkmale: kollektive Handlungsunfähigkeit und wachsende Wut. Es gibt Lager für einen harten, einen weichen und für gar keinen Brexit. Für Theresa May als Premierministerin, für Boris Johnson als Premierminister, für keinen von beiden.

Für Johnson als Premierminister ist, dem Vernehmen nach, vor allem Johnson. Ausserdem eine Minderheit der Wähler, eine noch mindere Minderheit in seiner Partei, eine verschwindend kleine Minderheit im Parlament. Ausserdem hat Johnson, seit er aus Protest gegen den Brexit-Kurs von May und ihren Chequers-Plan zurückgetreten ist, zwar noch ein Abgeordneten-Mandat, aber das ist ihm als Plattform offenbar zu wenig. Deshalb ist er neuerdings wieder Kolumnist beim Telegraph. Weil ihm das auch nicht reicht, schreibt er ab und zu Namensartikel in anderen Zeitungen; zuletzt, am vergangenen Wochenende, in der Mail on Sunday. Darin verglich er Mays Brexit-Plan mit dem «Sprengstoffgürtel eines Selbstmordbombers, dessen Zünder man EU-Chef-Unterhändler Michel Barnier in die Hand gedrückt» habe. Das ist selbst für Johnson, der sich an dramatischer Rhetorik stets delektiert, harter Tobak.

Theresa May liess ein Sex-Dossier erstellen, in dem alles gesammelt war, was man über Johnson so genau nie wissen wollte.

Bei den Tories ist die Empörung riesig, offiziell zumindest. Das sei eine Unverschämtheit zu viel, heisst es. Inoffiziell wird gemutmasst, Boris habe besonders hysterisch formuliert, um von seiner Affäre und den Folgen abzulenken. Johnsons Freunde wiederum werfen der Tory-Zentrale vor, sie habe die Geschichte mit Carrie Symonds aufgeblasen, um von der nur allzu berechtigten Kritik Johnsons an der Premierministerin abzulenken.

Das Königreich redet also über Boris Johnson. Das dürfte dem sehr gefallen. Besser schlechte Nachrede als keine. Die Affäre Symonds-Johnson wurde in britischen Blättern dann tatsächlich genüsslich als «Skandal» behandelt, weil das was hermacht. Aber ein Skandal ist laut Duden ein Ereignis, das «Anstoss erregt». Und wann hätte eine Sex-Affäre des Ex-Aussenministers und Ex-Bürgermeisters von London zuletzt Anstoss erregt? BoJo, wie er genannt wird, ist bekannt für seine Liebschaften. So bekannt, dass das Team von Theresa May im Kampf um die Parteiführung nach dem Brexit-Votum und dem Rücktritt von David Cameron 2016 ein dickes Sex-Dossier über Johnson erstellte, in dem alles gesammelt war, was man über dessen Privatleben so genau nie wissen wollte. Das Material aus diesem Dossier wurde in den vergangenen Tagen in Westminster nun genüsslich durchgereicht.

Video: Johnson rechnet ab

Seite seinem Rücktritt teilt Boris Johnson gegen Thereas May aus (Juli 2018). Video: Tamedia/AFP

Und wieder sind alle empört. Johnsons Freunde reden von einer Schmierenkampagne und von KGB-Methoden; kompromittierendes Material zu sammeln, sei ein unwürdiges Mittel in einem innerparteilichen Machtkampf. Die Gegner Johnsons beteuern, so was sei doch üblich, jeder mache das, und überhaupt: Das Dossier sei ja damals gar nicht in Umlauf gebracht worden. Schliesslich habe Johnson seine Kandidatur ohnehin selbst zurückgezogen.

Allerdings wird aus der Parteizentrale auch gestreut, man habe nicht allzu tief graben müssen. BoJo habe ja nie einen Hehl aus seiner Vorliebe für üppige junge Damen gemacht. Sogenannte Skandale aus seiner Vergangenheit umfassen daher ein uneheliches Kind, eine mutmassliche Abtreibung, viele Nächte unerklärter Abwesenheit, Ausflüge ins Nachtleben auf Dienstreisen, wilde Partys, vulgäre Nachrichten auf Anrufbeantwortern, anzügliche Textbotschaften.

Natürlich wird wieder gerätselt, ob Johnson May herausfordern und ins Rennen um das Amt des Premiers gehen will.

Das Publikum auf den guten Plätzen in Whitehall und auf den billigen Plätzen im restlichen Königreich reibt sich erstaunt die Augen. Was machen die da? Ein Beleg mehr für die unaufhaltsame Selbstdemontage der Konservativen Partei ist schon in Vorbereitung: In drei Wochen, am Vorabend der megawichtigen Rede der Premierministerin auf dem Parteitag in Birmingham, will ihr Parteifreund Boris Johnson vor tausend Fans darüber reden, warum May den Brexit nicht hinbekommen wird. Und warum er ihn hinbekäme, wenn man ihn liesse. Und vielleicht wird er dann auch mal darüber reden, was genau er besser könnte und anders machen würde. Das hat er bisher nicht verraten.

Natürlich wird wieder gerätselt, ob Johnson May herausfordern und ins Rennen um das Amt des Premiers gehen will. Aber dafür müsste erst eine sogenannte Leadership Challenge ausgerufen werden, wofür 48 Stimmen nötig sind, und dann müsste Johnson im direkten Duell in der Fraktion mehr Stimmen bekommen als May, was als unwahrscheinlich gilt. Verlöre er ein solches Duell, dürfte es nach den Regeln der Partei zwölf Monate lang kein neues geben.

Ob BoJo sich das traut? Ob er weiter irrlichtert? May schickte Aussenamtsstaatssekretär Alan Duncan vor, der dem erratischen Alleinunterhalter ausrichten sollte: Die Partei hat genug. Aber richtig bedrohlich klang das nicht: Duncan nannte den Selbstmordattentäter-Vergleich in der Mail einen der «ekelhaftesten Momente in der britischen Politik». Es tue ihm leid, aber das sei das politische Ende von Johnson – wenn nicht jetzt, dann eben später. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.09.2018, 12:26 Uhr

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