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Die Grünen erschliessen neue Bundesländer

Die «Wessi-Partei» wird es künftig im Osten von Deutschland zum Regieren brauchen.

Heimspiel für die Grünen-Chefin: Annalena Baerbock. Foto: Keystone
Heimspiel für die Grünen-Chefin: Annalena Baerbock. Foto: Keystone

«Mir ist beinahe die Kaffeetasse aus der Hand gefallen»: Die brandenburgische Spitzenkandidatin Ursula Nonnemacher war perplex, als ihre Grünen Anfang des Jahres in einer Umfrage plötzlich zweistellige Werte hatten. Das war aber erst der Anfang. Seit Juni werden konstant 16, 17 Prozent gemessen. Zwei Wochen vor der Wahl liegen die Grünen praktisch gleichauf mit SPD und CDU. Da keine Partei mit dem wahrscheinlichen Sieger AfD koalieren will, wird die stärkste der drei anderen eine Regierung bilden müssen.

An einem kleinen Parteitag beschlossen die Grünen deswegen kürzlich, dass Nonnemacher ­Ministerpräsidentin werden soll, falls das Ergebnis es zulässt. Die 62-Jährige wäre nach Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg erst die zweite Grüne an der Spitze eines Bundeslandes – und die erste im Osten. Der Höhenflug ist nicht auf Brandenburg beschränkt: Auch in Sachsen und Thüringen dürften die Grünen ihre Resultate von 2015 mindestens verdoppeln.

Die ostdeutschen Grünen wissen gerade nicht, wie ihnen geschieht. Trotz des selbstbewussten Beginns mit der Bürgerrechts- und Umweltbewegung Bündnis 90, die 1993 mit den West-Grünen fusionierte, haben die Grünen im Osten in den vergangenen drei Jahrzehnten nie richtig Fuss gefasst. Fast immer kämpften sie mit der 5-Prozent-Hürde, in Nonnemachers Brandenburg etwa sassen sie 15 Jahre am Stück nicht im Landtag. Einzige Ausnahme war die links-grüne Metropole Berlin.

Stärkster Gegenpol zur AfD

Die Grünen wurden im Osten weithin als «Ökospinner» und «Wessi-Partei» verlacht, hatten kaum Mitglieder und in ganzen Landstrichen weder Büros noch Vertreter. Wie gross der Kontrast zwischen West und Ost war, zeigten etwa die Wahlen 1998/99: Während die Grünen unter Joschka Fischer erstmals in die Bundesregierung einzogen, siechte die Partei in Sachsen oder Thüringen bei 2 Prozent.

«Im Osten bekommen die Grünen gerade eine zweite Chance», sagte Michael Kellner kürzlich der «Zeit». Kellner stammt selbst aus Thüringen und ist seit 2013 einer der wichtigsten Strategen der Partei. Der Wunsch nach einer intakten Umwelt sei im dünn besiedelten Osten nicht kleiner als im Westen, so Kellner. Kein Bundesland hat 2018 mehr unter der Dürre gelitten als Brandenburg. «Zum anderen gibt es ganz viele, die nicht wollen, dass der Osten nur als Region wahrgenommen wird, wo Rechtspopulisten und Nazis den Ton angeben.» Bis in die bürgerliche Mitte hinein profitieren die Grünen davon, dass sie als stärkster Gegenpol zur AfD angesehen würden.

«Es gibt ganz viele, die nicht wollen, dass der Osten nur als Region wahrgenommen wird, wo Rechtspopulisten und Nazis den Ton angeben.»

Michael Kellner, Grüne

Interessant ist, dass die Grünen längst nicht mehr nur im Speckgürtel um Berlin und in den Universitätsstädten Potsdam, Dresden, Leipzig oder Jena brillieren, sondern auch in ländlichen Regionen wie der brandenburgischen Prignitz. Aus dem Westen kommt so viel Hilfe wie nie zuvor: Unterstützer reisen an und helfen, Plakate zu kleben. Das populäre Chefduo der Bundesgrünen tourt diesen Monat von einer Veranstaltung zur nächsten: Robert Habeck kümmert sich vor allem um Sachsen, Annalena Baerbock um Brandenburg. Dort hat sie ein Heimspiel: Die gebürtige Niedersächsin leitete von 2009 bis 2013 den brandenburgischen Landesverband und lebt in Potsdam.

In Brandenburg wie in Sachsen wollen die Grünen nach der Wahl am übernächsten Sonntag unbedingt mitregieren, in Thüringen, wo Ende Oktober gewählt wird, in der Regierung bleiben. Bereits jetzt ist so gut wie sicher, dass ohne die Grünen in allen drei Bundesländern keine Mehrheiten zustande kommen, da die Christdemokraten weder mit der AfD noch mit der Linkspartei zusammenspannen. Grün ist im deutschen Osten also nicht nur hip – sondern wird auch gebraucht.

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