Die Kinder der Ostukraine

Die Kämpfe lehren Kinder in der Ukraine das Fürchten – auf beiden Seiten der Front.

«Ich weiss, dass das auch Menschen sind, aber sie bringen andere Menschen um»: Ein Junge steht in einem Krater, verursacht durch eine Explosion, nahe Chermalyk.

«Ich weiss, dass das auch Menschen sind, aber sie bringen andere Menschen um»: Ein Junge steht in einem Krater, verursacht durch eine Explosion, nahe Chermalyk.

(Bild: Keystone Evgeniy Maloletka)

Viele der Kinder können das Erlebte nicht einordnen und leiden unter Einsamkeit und Angst. Manche wurden von ihren Eltern in ein Heim gegeben. Sie müssen nun ohne Familie zurechtkommen.

Gedankenverloren malt Serjoscha seine Zeichnung eines Panzers mit bunten Farben aus. Wie viele Siebenjährige im Osten der Ukraine kann er sich kaum an die Zeit vor dem Krieg erinnern. «Sie schiessen immer», sagt er und drückt energisch einen Buntstift aufs Papier. Kinder wie Serjoscha wurden zweimal im Stich gelassen, wie Jelena Nikulenko sagt, die Direktorin des Kinderheims in der von Separatisten gehaltenen Stadt Chartsysk.

Erst seien sie verwaist oder von ihren Eltern verlassen worden, dann auch von ihren neuen Familien abgeschoben, nachdem die ukrainische Regierung in den von Separatisten kontrollierten Gebieten die Zahlung von Unterstützung an Pflegefamilien eingestellt hatte. «Und dazu kommen noch der Krieg, der Beschuss, die Angst», erklärt Nikulenko. «Das zeichnet sie fürs Leben.»

1,7 Millionen Kinder haben Schaden genommen

Der Konflikt zwischen ukrainischen Regierungstruppen und prorussischen Separatisten hat seit vergangenem Jahr mindestens 6000 Tote gefordert, fast 1,8 Millionen Menschen mussten ihre Wohnungen verlassen. Das UN-Kinderhilfswerk Unicef schätzt, dass 1,7 Millionen Kinder auf beiden Seiten der Front wegen Mangels an Obdach, Nahrung, Arznei oder Schulbildung Schaden nahmen. Zwar ebbten die Kämpfe seit Inkrafttreten des Friedensabkommens von Minsk im Februar ab, doch Leid, Einsamkeit und Angst sind geblieben.

In den Strassen der von Regierungstruppen gehaltenen Kleinstadt Popasna, 70 Kilometer nördlich des Kinderheims, sind nur wenige Menschen zu sehen. Einst zählte die Stadt 30 000 Einwohner, heute sind viele der Häuser von den Kämpfen zerstört. In einem dieser Häuser lebte Tatjana Belasch, die nun mit ihrer dreijährigen Tochter Slata Zuflucht in einem Keller gesucht hat. «Anfangs sagte sie immer: «Lass uns heimgehen!»», erzählt Belasch. «Ich konnte ihr nicht erklären, dass wir nicht nach Hause gehen konnten, weil die Kämpfe andauerten.»

Im von Regierungstruppen kontrollierten Dorf Tschermalyk spielen Kinder Krieg. Sie springen in die von Raketeneinschlägen geschaffenen Krater. Der elfjährige Tolik Tokar verschwindet in einem solchen Loch, schaut vorsichtig wieder hervor und tut so, als schiesse er auf die Schurken: die Separatisten.

Kinder beschossen

Die Jungen zielen mit «Gewehren», die sie sich aus Stöcken selbst gebastelt haben. Doch Tokar hat schon echte Gefechte miterlebt. «Als der Beschuss im Gang war, gingen wir nachsehen, und dann eröffneten sie das Feuer auf mich», berichtet Tokar und gerät dabei ins Stottern. Die Kugeln durchschlugen meine Kleidung hier an der Schulter und flogen weiter.»

Einige Dutzend Kilometer weiter auf Seite der Separatisten spielen Kinder dieselben Spiele - aber mit vertauschten Rollen. Dort sind die ukrainischen Soldaten die Bösen, sie werden gern mit dem Schimpfwort «Nazi» belegt.

Die 22 Kinder in Nikulenkos Obhut in Chartsysk sind besonders verletzlich. Vor Ausbruch der Kämpfe diente das Heim als Zuflucht für Kinder von der Strasse oder aus zerrütteten Familien. Weitere Kinder wurden in den vergangenen Monaten abgegeben.

«Einmal haben sie nachts geschossen, da bin ich aus dem Bett gefallen»

Veronika, eine Sechsjährige mit Sommersprossen und Zahnlücke, erinnert sich an ihr Leben vor dem Krieg - die Besuche im Vergnügungspark und im Zoo, die Kochkünste ihrer Mutter. Sie erinnert sich sogar gern an ihren Vater, der nach einem Gefängnisaufenthalt wegen Gewalt gegenüber der Mutter nach Hause zurückgekehrt war. Doch inzwischen hat er sich den Separatisten angeschlossen, und die Mutter brachte Veronika ins Kinderheim. Die Kämpfe machen der Sechsjährigen Angst. «Einmal haben sie nachts geschossen, da bin ich aus dem Bett gefallen.» Von Zeit zu Zeit bekommt sie Besuch von ihrer Mutter. Das Mädchen hofft, dass es im Sommer wieder nach Hause darf.

Direktorin Nikulenko sagt, die Kinder seien fasziniert vom russischen Fernsehen. Sie schauten gerne Sendungen, in denen die Separatisten als Helden und die ukrainischen Regierungstruppen als Besatzer dargestellt würden. «Das ist sehr gefährlich, diese Schwarz-Weiss-Perspektive», erklärt Nikulenko. «Diese Kinder bekommen nur von einer Seite Informationen.»

Können Kinder der gegnerischen Seite Freunde werden?

Die zwölfjährige Julja lebte vor dem Krieg bei ihren Grosseltern in Rusko-Orliwka, einem umkämpften Dorf. Als Separatisten das Dorf eroberten, hätten diese neun ukrainische Soldaten entdeckt, die sich auf einem Bauernhof versteckten, erzählte der Grossvater Julja. Die Separatisten hätten die Soldaten in den Wald geführt und erschossen. Mitleid verspüre sie kaum, sagt Julja. «Ich weiss, dass das auch Menschen sind, aber sie bringen andere Menschen um», sagt sie mit kaum hörbarer Stimme. «Das weiss ich, weil mein Grossvater es mir erzählt hat.»

Im Kinderheim verziert Serjoscha den Panzer auf seinem Bild mit einer blau-gelben ukrainischen Flagge. «Er wurde in der Ukraine geboren. Ich wurde auch in der Ukraine geboren.» Darüber malt er die schwarz-blau-rote Flagge der Separatisten. Kinder mögen zwar keine ganz klare Vorstellung von dem haben, was um sie herum passiert, aber vergeben können sie vielleicht leichter als Erwachsene. Könnte Serjoscha jemals mit Kindern von der gegnerischen Seite befreundet sein? «Ja», antwortet er schlicht. «Aber nur, wenn sie sich benehmen und nicht kämpfen.»

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