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Ein Kabinett in Männerhand

In Grossbritannien hat gestern die Koalitionsregierung aus Konservativen und Liberaldemokraten die Arbeit aufgenommen. Die wichtigsten Minister im Überblick.

Er führt seit 2005 die konservativen Tories und ist der jüngste Premierminister seit fast 200 Jahren.
Er führt seit 2005 die konservativen Tories und ist der jüngste Premierminister seit fast 200 Jahren.
Keystone
Er ist der neue Vize-Premierminister. Welche Aufgaben auf ihn zukommen, ist noch nicht genau geklärt.
Er ist der neue Vize-Premierminister. Welche Aufgaben auf ihn zukommen, ist noch nicht genau geklärt.
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Die Alibi-Frau? Lady Warsi, neue Baronin zeigte sich als «Tochter eines Fabrikarbeiters» besonders stolz auf ihren Aufstieg.
Die Alibi-Frau? Lady Warsi, neue Baronin zeigte sich als «Tochter eines Fabrikarbeiters» besonders stolz auf ihren Aufstieg.
Keystone
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Selbst prominente Tories hatten diese Woche Schwierigkeiten, zwischen Whitehalls Sicherheitsgittern den Zugang zur Downing Street zu finden. So lange waren die Konservativen nicht mehr an der Regierung gewesen, dass Reporter und Fotografen ihnen das Eingangstürchen zum Amtssitz des Premierministers zeigen mussten.

Nach dreizehn Jahren in der Opposition waren die Tories etwas gewöhnungsbedürftig bei der Übernahme der Amtssiegel und ihrer Sessel am Kabinettstisch. Gleichzeitig mussten sie sich daran gewöhnen, nicht mehr, wie in früheren Jahrzehnten, unter sich zu sein.

Die Macht teilen sie diesmal mit einer Handvoll liberaldemokratischer Ressortchefs. Für Wirtschaft, Energie, Schottland und Defizitverringerung sollen Politiker der kleinen Mitte-Partei die Verantwortung tragen. Geleitet wird die Abordnung vom neuen Vize-Premierminister Nick Clegg.

Direkter Gang zu Nr. 10

Auch Clegg selbst hatte die letzten zwei Tage noch Probleme bei der Orientierung. In der Eile hatte man es versäumt, ihm einen Regierungswohnsitz zuzuweisen. Auch was seinen Arbeitsplatz betraf, erfuhr er nur, dass er im Kabinettsamt, gleich neben 10 Downing Street, untergebracht werde. «Es gibt da einen Gang, der meinen Platz mit Nr. 10 direkt verbindet», erklärte er zuversichtlich. «Nur wo mein Platz ist, weiss ich noch nicht genau.»

Man werde ihm seinen Platz schon anweisen, liessen sich Spötter vernehmen. Indes war Clegg zumindest am Kabinettstisch ein fester Platz reserviert – eingequetscht zwischen Tory-Schatzkanzler George Osborne und Tory-Justizminister Ken Clarke, unmittelbar gegenüber Premierminister David Cameron. Im Rosengarten der Downing Street, in dem zuletzt noch Gordon Brown mit Barack Obama gelustwandelt war, hatte Clegg zu diesem Zeitpunkt allerdings schon deutlich gemacht, wo er seinen wirklichen, rechtmässigen Platz für die nächsten Jahre sieht: nämlich an der Seite Camerons, mit dem zusammen er diese Koalition der rechten Mitte ins Leben gerufen hat, und mit dem er sie zu einer Erfolgsstory zu machen gedenkt.

«Die grosse Nick-and-Dave-Show»

Viel Schulterklopfen, gegenseitige Komplimente und Zeichen regelrechter Kameraderie begleiteten den ersten gemeinsamen Auftritt Cleggs und Camerons vorm Fliedergebüsch in der Maiensonne. «Die grosse Nick-and-Dave-Show» sollte demonstrieren, wie leicht, wie unproblematisch die beiden Parteichefs miteinander auskommen nach der bitteren Wahlschlacht. «Bis heute waren wir Rivalen. Nun sind wir Kollegen», freute sich Clegg aufrichtig. Cameron seinerseits wies die Vermutung zurück, die blosse Arithmetik des Wahlergebnisses habe das Bündnis erzwungen: Es verdanke sich im Gegenteil einem «inspirierten» Blick beider Seiten auf die Vorteile gemeinsamer Aktion.

Das sagte derselbe David Cameron, der im April noch vor den Gefahren eines offenen Wahlausgangs wie vor einer politischen Apokalypse gewarnt hatte. Ein solches Resultat könne nur «Politik hinter verriegelten Türen, Unschlüssigkeit, eine schwache Regierung, eine gelähmte Wirtschaft» zur Folge haben. Nun glaubt das Duo an der Regierungsspitze geradezu Stärke aus dem Vollzug des Koalitionsaktes ziehen zu können. Schuldenabbau, Reform des Bankwesens, Kampf gegen Klimawandel, neue politische Strukturen: Das alles soll sich aus der neuen Gemeinsamkeit ergeben.

Fast schon zum Slapstick geriet bei diesem Garten-Auftritt die Szene, als jemand Cameron an seine frühere Bemerkung erinnerte, der beste Witz, den er kenne, sei – Nick Clegg. «Hast du das wirklich gesagt?», wollte Clegg umgehend wissen. «Ich befürchte, ja», gestand Cameron. «Na, dann verabschiede ich mich mal besser wieder», kehrte Clegg Cameron in gespielter Verschnupftheit den Rücken. «Nein – komm zurück!», flehte Cameron Clegg ebenso theatralisch an.

Lady Warsi als Alibi

Nur zwei gleichaltrige, in ähnlichem Sozialmilieu und Wohlstand aufgewachsene Privatschul- und Oxbridge-Absolventen hätten einen solchen Dialog derart spontan, locker und selbstbewusst zu inszenieren gewusst. Die kleine Szene illustrierte, warum Nick Clegg und David Cameron so gut miteinander auskommen. Den alten Brummbären Brown hätte man sich in diesem Geplänkel nicht vorstellen können.

Gern mögen sich die neuen Herren Britanniens indes nicht sagen lassen, dass ihre «neue Politik» offenbar von den Erben sehr alter Oberschichtsprivilegien umgesetzt werden soll. Rasch wurde gestern Lady Warsi an die Front geschickt, die sich als «Tochter eines Fabrikarbeiters» besonders stolz auf ihren Aufstieg zeigte. Die zur Baronin erhobene Tory-Politikerin ist auch die erste Mohammedanerin in einem britischen Kabinett. Die Vorzeigefrau aus einfachen Verhältnissen wurde ohne Portfolio im Rang der Co-Parteipräsidentin der Tories in die Regierung berufen.

Enthüllende Statistik

Nichtsdestotrotz enthüllt ein Blick auf die Statistik, dass sechs von zehn Ministern Privatschulen besucht haben und sogar sieben von zehn die Elite-Unis Oxford oder Cambridge. Mit drei weiteren Ministerinnen im 23-köpfigen Kabinett, neben Warsi, verfügt die Cameron-Regierung im Übrigen nur über einen minimalen Frauenanteil. Theresa May ist, als neue Innenministerin, die einzige Frau auf einem bedeutenden Posten.

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